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Sonntag, 19. Mai 2013 | 21:14

 

Joseph Boyden: Der lange Weg

26.04.2006

Die große Entfremdung
Indianer im Ersten Weltkrieg. Das klingt zunächst ein wenig absurd, als Erzählstoff scheint es fernab aller Karl-Mayerei jedoch überaus reizvoll. Grundlage von Joseph Boydens Romans "Der lange Weg" ist denn auch eine veritable Figur: Francis Pegahmagabow - Scharfschütze, Kundschafter und späterer Häuptling der Wasauksing. In der Fiktion werden daraus zwei Freunde: Xavier und Elijah. Es ist die Geschichte ihres Bruderbundes. 

 

Xavier kommt zum Sterben zurück in die kanadische Heimat. Seine Tante Niska erwartet ihn am Bahnhof. Gemeinsam machen sie sich in die Wildnis auf - schweigsam, einander auslotend. In Erinnerungen erfahren wir nun von den unmenschlichen Ereignissen an der Westfront in Frankreich, aber auch von glücklichen Episoden aus Jugendtagen. Zum Ausgleich zu diesem sehr maskulinen Ansatz voller Jagd, Krieg und Männerfreundschaft, wird parallel auch die wechselvolle Geschichte der Tante erzählt.

Die wahre Geschichte des Romans jedoch ist die einer umfassenden Entfremdung. Die Cree-Indianer in Kanada durchlaufen eine schwierige Phase. Viele von ihnen vegetieren schon in Reservaten, geistig wurzellos, ohne Orientierung in dieser von Fremden veränderten Welt. Einige wenige führen aber noch das Leben der Vorfahren in der Wildnis. Im fernen Europa erleben Xavier und Elijah dann etwas völlig Neues: einen Krieg, der alle bisherigen Ausmaße sprengt, hochtechnisiert und von kältester, maschinengleicher Rationalität. Interessanterweise finden beide Indianer aber in der völlig fremden Umgebung zu ihrem Indianersein zurück. Elijah vermeintlich sogar zu seiner eigentlichen Bestimmung. Sie werden Kundschafter und die besten Scharfschützen des Regiments. Fast vierhundert deutsche Soldaten fallen ihrem Geschick zum Opfer. Dieser unerwartete Twist in der Geschichte ist es, der den Roman durchaus anregend macht.

Die Dialektik der Verklärung

Die Tante in der Heimat kämpft einen anderen Kampf. Er ist spiritueller Natur. Beinahe unterliegt sie, als sie in einer Kirche vergewaltigt wird. Durch langwierige Reinigungsrituale findet sie aber wieder den Kontakt zu ihren angestammten Geistern. Eine Entfremdungsgeschichte allerdings scheint unaufhaltsam. Die Freundschaft Xaviers und Elijahs zerbricht auf die grausamste Art und Weise, als sich Elijah immer mehr in ein wildes Tier zu verwandeln droht. Der Krieg hat ihn zu einem morphiumsüchtigen Killer gemacht, der die Skalps seiner Opfer sammelt. Sein einziger Lebensinhalt ist das Töten geworden. Von den anderen Soldaten als Held gefeiert, versucht Xavier diesem schrecklichen Treiben ein Ende zu machen. Am Ende des Romans finden die einzelnen Erzählstränge natürlich harmonieberuhigt zusammen. Das diktieren schließlich die Gesetze der Bestsellerei. Und über die setzt man sich nicht ungestraft hinweg.

Das Buch sei durchaus lesenswert wurde oben notiert. Das stimmt, täuscht jedoch über einige Schwächen der Geschichte hinweg. Zunächst: Die Gesamtkomposition ist ziemlich ermüdend. Die übermäßigen Rückblenden lassen den Leser in eine tödliche Erwartungsroutine fallen. Hier stehen dem Autor einfach zu wenig künstlerische Gestaltungsmöglichkeiten zur Verfügung, als dass er den einmal genommenen Schwung aufrecht erhalten könnte. Auch haftet dem Konzept insgesamt der Verdacht der Überkonstruiertheit an. Das Ganze trägt den Makel von Gedankenspielerei, von Durchmengung philosophischen und biographischen Materials zu einer bekömmlichen Lesemahlzeit. Es ermangelt letztendlich trotz aller Tragik in der Story, der fühlbaren Fleischlichkeit seiner Protagonisten, ihrer figürlichen Präsenz. Dieses Urteil betrifft sowohl die männlichen als auch die weiblichen Charaktere. Auch sprachlich wird das Buch dem Stoff kaum gerecht. Hier ist wiederum Boydens gestalterisches Instrumentarium viel zu kärglich.
Der letzte Vorwurf: Das Buch ist zu lang. Zu viele Wiederholungen trüben die Laune, das schleppende Tempo der Storyline macht manchmal richtiggehend ungeduldig. Hier wäre ein konsequenter Lektor gefragt gewesen. Auch zu viele Schreibfehler und Ruppigkeiten in der Übersetzung beweisen nur, dass hier ein Produkt allzu schnell auf den Markt gebracht werden musste.

Alles in allem bleibt uns nur ein verständnisvolles, aber müdes Lächeln. Recht gutes Handwerk mit übersichtlicher Botschaft. Aber ein langer Weg – für den Leser.

Christoph Pollmann


Joseph Boyden: Der lange Weg
Roman
Aus dem Englischen von Bettina Münch und Kathrin Razum
448 Seiten
Erschienen bei: Knaus Verlag München
Preis: 19,95 ¤
ISBN 3-8135-0270-8

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