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Freitag, 24. Februar 2017 | 18:10

 

Paul Murray: An Evening of Long Goodbyes

17.10.2005

Schräger Kampf ums Familienerbe

Der Ire Paul Murray (geb.1975) erzählt in seinem opulenten Roman "An Evening of Long Goodbyes" die Geschichte eines jungen verschrobenen Gutshoferben und seiner Familie.

 

Es macht Spaß, Paul Murrays Roman zu lesen. Wann kann man das schon sagen, wenn ein Buch über 500 Seiten umfasst. Der Einstieg kommt zugegebenermaßen nicht besonders schwungvoll daher, doch gerade, wenn man anfängt, sich um die Konstruktion der Geschichte ernsthaft Sorgen zu machen, wenn man sich fragt, ob Murray es wohl schaffen wird, seinen 24-jährigen irischen Jungadeligen Charles, einen vermeintlichen Guts- und Weinkellerbesitzer, anders als nur schablonenhaft zwischen Dauertrinker und Taugenichts anzusiedeln, ist es ihm irgendwie gelungen.
Zusammen mit seiner jüngeren Schwester Bel wohnt er auf dem hochverschuldeten Gut Amaurot und wiegt sich in einer märchenhaften Sicherheit um den gewohnheitsgemäß reibungslosen Verlauf seines Lebens. Generell erscheint es gar nicht einmal so abwegig, den ganzen Roman als etwas märchenhaft-verrückt zu bezeichnen. Erzählt wird eine Mischung aus unmöglich erscheinenden Freundschaften und Begegnungen, Familienbanden und Geschwisterhassliebe mit komödienhaften wie tragischen Elementen, mal derbe, mal lustig, mal melancholisch.

Exaltierte Mixtur
Man mag nun aufhorchen und denken: so eine Mixtur, das kann nicht gut gehen. Und richtig, es kommen immer wieder Stellen, wo die Gefahr droht, dass Murray seinen Roman doch noch an die Wand fährt, weil er gelegentlich einfach zu viel will, zu viel mit den Figuren und der Geschichte spielt. Aber er schafft es dann doch wieder quasi zurückzusetzen, einen Gang herunterzuschalten, und den Roman in eine stimmigere Bahn zu bringen – dies mitzuverfolgen macht auch einen Teil des Lesevergnügens aus. Wem das (angenehm) Exaltierte von Murrays Vorgehens und seinen Figuren nicht gefällt, wird den Roman jedoch irgendwann zur Seite legen.
Parallel strickt Murray über seinen Protagonisten die Biographie der einstmals real existierenden und als schönste Frau der Welt bezeichneten Schauspielerin Gene Tierney ein. Sie dient als authentische Lebensparabel, was in einem Glamourleben alles schlimmes schief gehen kann. Man kann durchaus der Meinung sein, dass man diese Parallelgeschichte nicht vermissen würde, gäbe es sie in diesem Roman nicht.
Aber Gut, irgendwie muss Murray seinen Charles ja nun einmal intellektuell ablenken, zumal ihn seine Umgebung mit dem Vorhaben tyrannisiert, in Amaurot ein Theater aufzubauen, da seine Schwester Bel in der Schauspielkunst dilettiert und mit Hilfe von Sponsoren der Familienbesitz vielleicht noch zu retten wäre.
Jedenfalls wird Charles bald durch die Umstände – bzw. seine Mutter – gezwungen, aus dem Gut auszuziehen und ausgerechnet bei dem ihm zunächst unsympathischen, weil unerwünschten Liebhaber seiner Schwester, in einem Slumgebiet unterzukommen. Und das ist noch nicht alles: er muss sich auch noch selbst einen Job suchen.
Der Buchtitel leitet sich übrigens vom Namen eines Hundes ab, der an Wettrennen teil nimmt, und diese Hundewetten sind ebenfalls eine Option, das Gut zu retten und damit dem Schicksal einer tagtäglichen Arbeit zu entfliehen...


Olaf Selg


Paul Murray: An Evening of Long Goodbyes. Roman. A, d, Engl. Von Wolfgang Müller. Kunstmann. 2005. Geb. 575 S. 24,90 ¤. ISBN 3-88897-404-6

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