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Freitag, 24. Februar 2017 | 18:11

 

Joseph Coulson: Abnehmender Mond

03.10.2005


Von der erdabgewandten Seite des Mondes

Joseph Coulson Debutroman “Abnehmender Mond” zeigt: der Autor hat erzählerisches Potential, nutzt die dramaturgischen Chancen seiner Story jedoch nicht zur Genüge aus

 

Über ein halbes Jahrhundert erstreckt sich die Dauer des Debütromans von Joseph Coulson. Eine lange Zeit, und doch kommt man in „Abnehmender Mond“ nicht wirklich in den USA der 30er bis 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts an. Woran mag das liegen? Im Mittelpunkt stehen die eigentlich keineswegs langweiligen Erlebnisse der beiden Brüder Stephen und Philip Tollman und die Auseinandersetzung mit ihrem Vater, der letztendlich mit dem finanziellen Ruin der Familie und einem Leben unter teilweise erbärmlichsten Umständen die Erblindung ihrer Mutter mitverschuldet.
Die Geschichte um die in Cleveland und Detroit lebende Familie Tollmann wird solide erzählt, aber nicht mitreißend. Und das trotz der genannten innerfamiliären und zusätzlichen außerfamiliären Katastrophen wie Wirtschaftskrise, Zweiter Weltkrieg, die Bedrohungen der 50er Jahre und schließlich der Vietnamkrieg. Diese weltbewegenden Ereignisse sind zwar mehr als Stichwortgeber und beeinflussen das Zusammenleben der Familie, sie erreichen aber nicht jene Präsenz, die sie potentiell als dramaturgische Elemente einer Familien- und Zeitgeschichte in sich bergen. Und auch der auf dem Titelbild suggerierte Zusammenklang mit einer musikalisch-leitmotovischen Komponente ist zwar da – die beiden Brüder spielen in ihrer Jugend in einer eigenen Band und eine Jazzpianistin scheint nahezu dämonischen Einfluss auf alle männlichen Wesen auszuüben – doch erreicht die Musik eben nicht jene Strahlkraft, die das Buch beseelen, geschweige denn ihm einen eigenen Rhythmus geben würde.
Es bleibt permanent eine unterkühlte Atmosphäre, eine Distanz zum Geschehen bestehen, die aber nicht gewollt und gekonnt eingesetzt wirkt, sondern die trotz aller Schicksalsschläge besteht. Der formale Kunstgriff, den Roman aus drei wechselnden Perspektiven zu erzählen, verhilft zwar zu etwas mehr Profil, doch auch hier sind mehr Chancen vergeben als genutzt worden, denn zu eng liegen die erzählerischen Stimmen beieinander.
Nein, der Roman ist nicht belanglos, auch nicht langweilig, aber letztendlich ohne Pfiff. Die Geschichte scheint auf der erdabgewandten Seite des Mondes zu spielen, von der einfach nicht mehr Strahlkraft auf die Erde ausgeht.


Olaf Selg


Joseph Coulson: Abnehmender Mond. Roman. A. d. Engl. V. Ingo Herzke. C.H. Beck. 2005. Geb. 416 S. 22,90 Euro.
ISBN 3-406-52977-1

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