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Sonntag, 19. Mai 2013 | 05:58

 

Urs Widmer: Das Buch des Vaters

21.05.2004

Ein Traumtänzer des Lebens und der Literatur

Urs Widmers „Buch des Vaters“: Roman versus Biographie

Erst hat der 1938 geborene Basler Autor Urs Widmer dem (verborgenen) Leben & Lieben seiner Mutter einen Roman gewidmet, der 2000 unter dem Titel „Der Geliebte der Mutter“ erschien; nun beleuchtet er die Liebes- & Lebensgemeinschaft seiner Eltern mit dem „Buch des Vaters“, eines leidenschaftlichen Literaturliebhabers.

 

Der Geliebte der Mutter

Ein bisschen „anrüchig“ für Schweizer Verhältnisse war Urs Widmers Roman Der Geliebte der Mutter schon. Denn es war seine „wirkliche“ Mutter, von der er darin erzählte, und ihr Geliebter war der einst weltbekannte Basler Dirigent Paul Sacher, einer der reichsten Männer der Schweiz, der durch Einheirat Chemieindustrieller geworden war. Er konnte sich sogar ein eigenes Orchester leisten, für das moderne Komponisten (wie z.B.Igor Strawinsky) Stücke schrieben und dafür fürstlich entlohnt wurden.

Als er noch nur Musiker und arm war, scharte er Anhänger um sich. Die junge schöne Clara, die Mutter des Schriftstellers, war eine davon und seine Geliebte. Aber die ebenso schöne Tildi besaß noch mehr als ihre Liebe zu dem Musiker: sie war auch noch unermesslich reich. Sie konnte ihm seine wahre Leidenschaft, die Musik, finanzieren. So ließ er Clara, die ihn nur leidenschaftlich liebte und verehrte, eines Tages sitzen und heiratete in die Basler Geldaristokratie ein. Dadurch aber kam der mittellose Querkopf Karl, der wiederum die Bücher über alles liebte, aber trotz leidenschaftlicher Lieben immer noch jungfräulich geblieben war, zu Clara – und Urs Widmer zu seinen Eltern. Während aber Karl überaus glücklich mit seiner Clara wurde, mehr aber noch mit seinen Büchern, bewahrte Clara insgeheim ihre Leidenschaft für den treulosen Geliebten ihrer Jugend: – eine lebenslange Verdrängung, die bis in den Wahnsinn reichte.

Urs Widmer hat diesen Lebensroman in seinem 2000 erschienenen Geliebten der Mutter imaginiert, und es ist das wohl bewegendste unter seinen höchst eigenwilligen, phantasievollen, witzigen und melancholischen Liebes-Büchern geworden. Nun lässt der schweizer Autor dem Mutter-Porträt Das Buch des Vaters folgen.

Ehe aus zwei Perspektiven

Eine Ehe und Lebensgemeinschaft wird also aus zwei unterschiedlichen Perspektiven erzählt, übrigens (& selbstverständlich bei diesem empathetischen Schriftsteller) mit der gleichen humanen und humorvollen menschlichen Wärme und Nachempfindungsfähigkeit für die menschliche Komödie wie in allen seinen Büchern. In beiden Fällen ist der Autor Biograph seiner Eltern, also in der Situation von Laurence Sternes Tristram Shandy, der ja auch von dem erzählt, was er nicht selbst miterlebt hat, nämlich seiner vorgeburtlichen Zeit und jenen Kindheitsjahren, in denen er noch gar nicht verstehend & verständig mitbekommen konnte, was sich im Hause & unter den Eltern zugetragen hat.

Deshalb hat Urs Widmer, wie immer und wie zuvor in seinen Erzählbüchern, sich entschieden in beiden Elternbüchern eher der Freiheiten des Romans bedient, als der vertrackten Einengung des Biographen sich anzupassen. Das erlaubt ihm „biographische Belustigungen“ (Jean Paul), spielerischen Umgang mit dem Stoff – und vorallem kompositorische Gestaltungsmöglichkeiten: gelebtes Leben findet eine erzählerische Form. Im Buch des Vaters ist es der Mythos vom „Lebensbuch“, und es ist ganz unerheblich, ob es sich da „wirklich“ um den Ritus einer Dorfsekte handelte oder um eine wunderbare Erfindung des Schriftstellers – wie ich annehme.

Initiations-Ritual

Als Zwölfjähriger muss Karl von der Stadt auf einem genau festgelegten Weg allein und zu Fuß in seine Heimatdorf hinter den Bergen wandern, wo er unter den Augen der Dorfgemeinschaft seine Initiation als Mann erfährt: mit einer rituellen Waschung, bei der er nackt allen Blicken dargeboten wird, bevor man ihn neu einkleidet. Zum Abschluss bekommt er einen Sarg, der im Dorf auf ihn wartet und ein Buch, in das er seine Tagewerke eintragen soll bis zu seinem Ende. Diese Wiedergeburtsszene wird abgeschlossen von einem dörflichen Fest, auf dem jeder mit ihm tanzen will und wo Karl seine erste Liebe (sommersprossig) begegnet.

Dieser archaische Ritus, der ebenso „afrikanisch“ wie protestantisch anmutet, aber auch „dionysisch“ genannt werden könnte, gibt den Namen und den Rahmen für Widmers Buch des Vaters. Es gehört zur Vergehens-Melancholie dieses Erinnerungsromans, dass der Sohn, als er nach dem Tod des Vaters dessen Sarg im Dorf abholen will, nichts mehr vorfindet: die Särge sind längst verschwunden und verheizt und das Initiations-Ritual gehört der Vergangenheit an. Mehr noch: die Mutter hat nach dem Tod des Vaters unwissentlich auch sein „Lebensbuch“ samt anderem schriftlichen Müll „entsorgt“, bevor der Sohn eingetroffen ist – was dem Autor geradezu mythisch auferlegt und literarisch verpflichtet, die verlorene Schrift des väterlichen Lebens neu zu erstellen: als „Das Buch des Vaters“. Erstaunlich nur, daß er dabei aus dem Lebensbuch hin- und wieder zitiert! Jedoch ohne literarisches Augenzwinkern geht es bei dem schweizer Erzählhumoristen nicht ab – oder:. „Jedes Buch, das etwas taugt, spielt mit seinem Leser“ (T. W. Adorno).

Enthusiast der Bücher

Innerhalb dieses Rahmens spannt Widmer seinen Roman als Biografie eines Enthusiasten der Bücher und der Literatur und eines Schweizer Lebens vom Anfang bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts aus. Es entsteht, wie mit leichter und munterer Hand geschrieben, das Porträt einer Ehe und Lebensgemeinschaft, bei der zwar Vieles idyllisch und glücklich anmutet, aber doch bedroht ist und bei aller bohèmehafter Leichtsinnigkeit des Vaters immer auch am Absturz ins Elend entlangschlittert. Während die duldsame Mutter den Garten bestellt (wie´s bei Voltaire im Buch steht), hält der Vater als Gymnasiallehrer, Übersetzer und Rezensent die Familie finanziell geradeso über Wasser. Wenn jedoch die Mutter nicht doch noch ein kleines Erbteil mit in die Ehe gebracht hätte, wäre die Lebenssituation durch den eigensinnigen, rechthaberischen und zornwütigen Vater, den sein Sohn als Musterbeispiel eines weltfremden Intellektuellen mit liebevoller Ironie und nostalgischer Sympathie für seine Passionen zeichnet, mehr als einmal prekär geworden. Erst recht, als er sich zeitweilig als Kommunist der eidgenössischen Schulbehörde verdächtig gemacht und zu alledem jahrelang keine Steuern bezahlte, weil er die Bescheide einfach weggewarf.

Sicher war er, der trotz einiger verzweiflter Liebschaften seiner Jugend, jungfräulich in die Ehe mit Carla ging, ein leidenschaftlicher Liebhaber seiner schönen Frau – wenn auch später wohl mehr und mehr der Literatur, der Kunst und des Geistigen. Einmal treibt ihn, als er weit entfernt von zuhause in der Heimwehr Dienst leistete und man mit dem Einmarsch der Deutschen in der Schweiz rechnete, die Sehnsucht nach seiner Frau in ein wahnwitziges Abenteuer. Urs Widmer schildert die abendliche Fahrradfahrt des liebestollen Vaters durch Täler weit und Höhen bis zur ehelichen Vereinigung und zum Wunder seiner pünktlichen morgendlichen Rückkehr nach dieser unerlaubten Entfernung von der Truppe wie eine märchenhafte Aventuere aus einem mittelalterlichen Ritterroman. Ein furioses Glanzstück des Erzählers, der nicht nur hier wie ein literarisches Pendant von Ernst Lubitschs Kino-Komödien erscheint.

Durch puren Zufall werden die Eltern auch einmal in die Herrschafts-Villa von Claras Liebhaber eingeladen. Während Karl aber die feine Gesellschaft düpiert und statt des exquisiten Menüs nur einen Emmentaler verlangt, bekennt Clara, als sie ihrem Geliebten gegenübersteht, dass sie schwanger ist, was ihr Ehemann Karl noch nicht einmal wusste. Sollen wir aufgrund dieser situativen Merkwürdigkeit in dem Erzähler – ein Kuckucksei vermuten?

Karl jedenfalls, der seine ganze Leidenschaft auf die Literatur und seine provinziellen Malerfreunde gerichtet hat, erfährt spät erst, nach eine einzigen kurzen außerehelichen Affäre mit einer reichen Fabrikantin, dass Carla von ihrem früheren Liebhaber sitzen gelassen wurde und sie daraufhin „den erstbesten Mann“ geheiratet habe, nämlich ihn. Möglich, dass er dann erst den plötzlichen Schizoschub seiner Frau sich zu erklären wusste – aber ob das Paar sich darüber austauschte, bleibt ungesagt. Wer mit dem Geliebten der Mutter nicht vertraut ist, könnte hier auf erzählerische Dunkelzonen stoßen.

Die Wahrheit des gelebten Lebens

Während Urs Widmers Mutter-Buch leichter als Roman eines tragischen Frauenlebens und einer unerwiderten leidenschaftlichen Liebe, die im Selbstmord endete, lesbar ist, hat er es mit der literarischen Fiktionalisierung des väterlichen Lebens schwerer. Denn bevor Urs Widmer als einer der bekanntesten Schweizer Schriftsteller seinem Vatersnamen Ehre machte, hatte sich der Vater, nämlich Walter Widmer, in den Fünfziger und Sechziger Jahren auch in Deutschland einen guten Namen erschrieben: nicht nur als brillanter literarischer Kritiker der Hamburger Zeit, sondern auch als Übersetzer, vor allem aus dem Französischen und im besonderen Stendhals, dessen Werke in Widmers gerühmter Übertragung in schmucken, kleinen Bänden des Winkler-Verlags erschienen.

Offenbar wollte der Sohn, der uns auch andere Details aus diesem Bereich des „wirklichen Lebens“ seines Vaters mitteilt – dass er z.B. früh schon mit Heinrich Böll u.a deutschen Autoren, die einmal ins väterliche Haus in Basel gekommen waren, eng bekannt, wo nicht gar befreundet war und dass er für einen Hungerlohn seinen literarischen Übersetzer-Enthusiasmus von deutschen Verlegern ausbeuten ließ – : offenbar wollte Urs Widmer beim romanhaften Andenken an den Vater dessen literarischen Taten ein Eingedenken bewahren. Recht so; er nimmt dabei jedoch in Kauf, dass gegen Ende seines Romans der freie Erzählfluss ins additive Stottern kommt und das imaginative Porträt „Karls“ momentweise krude zum Abbild Walter Widmers wird.

Eine weitere Schwierigkeit hatte Urs Widmer mit Leiden & Tod seines Vaters Karl. Denn erst gewissermaßen im letzten Augenblick erzählt er nachholend, daß dem ebenso vertrackten wie glücklichen Leben des leidenschaftlichen Literaten ein lange unendlich schmerzhafte Nervenkrankheit als düstere Begleitmusik zugrundelag, deren Qual der schuftende Vater durch Tabletten zu mindern suchte, was seine Restgesundheit ruinierte. Die „Wahrheit“ des gelebten Lebens ist eben manchmal nicht kompatibel mit den Wahrlügen des Romans.

Wolfram Schütte


Urs Widmer: Das Buch des Vaters. Roman. Diogenes Verlag, Zürich 2004, 209 Seiten, 19.90 ¤. ISBN: 3-257-06387-3

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