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Sonntag, 26. März 2017 | 00:28

John Banville alias Benjamin Black: Eine Frau verschwindet

19.11.2012

Familienbande

John Banville ist einer der ganz Großen der gegenwärtigen irischen Literatur. Mit Unendlichkeiten, einer hintergründig-ironischen Prosakomödie, gelang ihm erst vor Kurzem wieder ein die internationale Kritik begeisternder Streich. Dublin ist auch der Ort, an dem seine bisherigen fünf Kriminalromane spielen, die er unter dem Pseudonym Benjamin Black erscheinen ließ. Eine Frau verschwindet, das dritte Buch der Reihe, lässt etwas Spannung vermissen. Dafür freilich punktet es mit viel Atmosphäre und einer anspielungsreichen Sprache. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Banvilles Serienheld, der Gerichtsmediziner Quirke, kommt gerade aus einem selbst verordneten Entzug zurück, als ihm seine Tochter Phoebe um einen Gefallen bittet. Seit Tagen hat sie nichts gehört von ihrer Freundin April Latimer, einer intelligenten jungen Ärztin, umschwärmter Mittelpunkt eines kleinen Dubliner Schikeria-Zirkels. Niemand hat die Frau in letzter Zeit gesehen, an ihrer Arbeitsstelle hat sie sich krankgemeldet; und weil sie das ungeliebte enfant terrible einer angesehenen Familie ist, macht die auch keinen Finger krumm, um das Verschwinden aufzuklären.

 

Aber da ist ja noch Quirke, der nach anfänglichem Zögern langsam Feuer fängt. Allerdings muss er sich ein bisschen zügeln, denn während er ermittelt, greift der Teufel Alkohol wieder von allen Seiten aus nach ihm. Und ob ein Alvis TC 108 Super Coupé, das er sich aus heiterem Himmel zulegt, das richtige Gegenmittel gegen Trunksucht ist, darf stark bezweifelt werden – hat der Mann ja noch niemals selbst hinter dem Steuer eines Wagens gesessen.

 

Ermittlungen in Dublins Nebel

Banville entführt uns zusammen mit seinem tragikomischen Helden in das Dublin der späten 50er Jahre. Die Jeunesse dorée geht im existenzialistischen Schwarz, gibt sich kultiviert und kosmopolitisch und tut alles, um sich nur ja von der etablierten bürgerlichen Klasse abzuheben. Da kann es einer Familie, die sich bis in die höchsten Gesellschaftskreise emporgearbeitet hat, nicht egal sein, wenn sich eine, die ihren Namen trägt, mit dubiosen Schauspielerinnen, anrüchigen Boulevardjournalisten und einem exotischen Schwarzen öffentlich sehen lässt. Als Quirke im Laufe seiner Nachforschungen dann noch auf einen Blutfleck stößt, der darauf hinweist, dass die junge Dame eine Abtreibung vornehmen lassen musste, glaubt er zu wissen, in welche Richtung er zu ermitteln hat.

 

Scheinheilige Ärzte und korrupte Politiker, Fremdenhass und der allgegenwärtige Alkoholismus, ärmliche Wohnverhältnisse und die permanente Abwesenheit von Licht – es sind schlimme Verhältnisse, hinter deren Kulissen der sympathische Mann, den sie in seinem Krankenhaus »Doktor Tod« nennen, seine Nase stecken muss. Dabei hätte er weiß Gott genug mit seinen eigenen Problemen zu tun. Der Leser ahnt freilich bereits, dass es für Quirke nicht leicht werden wird, die langen Schatten, die aus der eigenen Vergangenheit in die Gegenwart herüberreichen, loszuwerden.

 

Literarische Qualität, aber über weite Strecken fehlender Thrill

Wunderbar, wie Banville alias Black die Atmosphäre Dublins um die Mitte des letzten Jahrhunderts wiederauferstehen lässt. Was den erzählten Kriminalfall betrifft, so hätte dem ein bisschen mehr Tempo allerdings gut getan. So muss der Leser lange warten, ehe wirkliche Spannung aufkommt. Und nicht jeden Kriminalfan wird die unzweifelhaft vorhandene literarische Qualität für den fehlenden Thrill entschädigen.

 

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