TITEL kulturmagazin
Sonntag, 26. März 2017 | 00:28

Louis Bayard: Algebra der Nacht

12.11.2012

Die düsteren Geheimnisse der Buchsammler

Musen können in verschiedenen Formen auftauchen, und jeder Autor wird von ihr mal mehr, mal weniger geküsst. Wie kommt ein Autor zu seiner Idee? Oftmals sind es eigene Erlebnisse, andere Autoren oder die Geschichte selbst, die sie inspirieren. Nicht so bei Louis Bayard, er wurde von einer ganz anderen Quelle der Inspiration getroffen. Denn der Autor verriet, dass dem »Zeitfresser und Ideengenerator« Google diese rundum gelungene Mischung von Krimi und Historienroman zu verdanken ist. Algebra der Nacht – besprochen von TANJA LINDAUER

 

Eines Nachmittags klickte sich Bayard von Link zu Link und landete schließlich bei dem Wikipedia-Eintrag der School of Night. Bayard wurde neugierig: Was ist das für eine Schule? Er recherchierte weiter und fand Antworten, die ihn für seinen neuen Roman inspirieren sollten. Die Schule war nichts weiter als eine Gruppe von Intellektuellen, zu denen keine Geringeren gehörten als Christopher Marlowe und Walter Ralegh. Diese Männer trafen sich des Nachts heimlich, um der Alchemie, der Politik, dem Atheismus und den dunklen Künsten zu frönen – mag man den Gerüchten glauben schenken.

 

Auch ein Jüngling namens William Shakespeare soll an diesen Treffen teilgenommen haben. Doch ob es diese Schule der Nacht wirklich gab, ist umstritten. Aufzeichnungen gab es keine und so hatte Bayard immer mehr Fragen anstatt Antworten. Der Autor begriff dies aber schnell als Geschenk: »Doch mir wurde bald klar, dass die Wolke, die die Schule der Nacht umwaberte, für einen Verfasser historischer Romane ein Geschenk der Götter war.«

 

So kam es auch, dass Bayard sich entschied, eine weniger bekannte Figur der Gruppe, Thomas Harriot, in das Zentrum zu rücken. Ein ebenso brillanter Kopf, doch weitestgehend unbekannt. Gemeinsam mit seiner Hausangestellten Margaret, die auch seine spätere Geliebte wurde, soll er riskante Experimente durchgeführt haben. Was für eine Vorlage für eine gute Story!

 

Bibliophile Sammler unter sich

Doch die Geschichte beginnt im Hier und Jetzt, mit einer Beerdigung. Alonzo Wax, seines Zeichens ein exzentrischer Buchsammler, hat sich umgebracht. Zurück bleibt sein alter Studienfreund und Historiker Henry Cavendish, der aus seiner Perspektive die Geschichte rückblickend erzählt. Sein ganzes Leben lang war Alonzo von der Schule der Nacht fasziniert, ja regelrecht besessen, und immer auf der Suche nach Hinweisen zu deren Existenz.

 

In seiner Todesnacht hinterlässt er auf Henrys AB eine ominöse Botschaft, die Schule der Nacht sei wieder zusammengetreten. Hängt diese Botschaft mit Alonzos Tod zusammen? Henry hat kaum Gelegenheit über solche Fragen nachzudenken, denn er wird zum Nachlassverwalter erkoren. Zudem wendet sich nun auch noch Bernard Styles an ihn, denn Alonzo soll ihm einen Brief von Sir Walter Ralegh wieder beschaffen, den Wax Styles heimlich entwendet haben soll. Da Henry knapp bei Kasse ist und Styles ihm einen hohen Geldbetrag verspricht, willigt er ein, den Brief zu finden.

 

Auch die Frau in dem roten Kleid, die Henry auf der Beerdigung gesehen hat, taucht nun wieder auf. Clarissa Dale soll eine Vertraute von Alonzo gewesen sein, die ebenfalls Antworten zur Schule der Nacht sucht. Doch glaubt sie nicht, dass Alonzo wirklich Selbstmord beging. Als auch noch Lily, eine ehemalige Mitarbeiterin, unter mysteriösen Umständen ums Leben kommt und die wertvolle Büchersammlung aus Alonzos Tresor verschwindet, glaubt auch Henry nicht mehr an Selbstmord. Steckt womöglich Styles dahinter? Würde er buchstäblich über Leichen gehen, um den Raleghs Brief wieder zurückzuerlangen?

 

Schlaflose Nächte sind programmiert

Hat man erst einmal mit dem Lesen begonnen, ist man auch schon augenblicklich gefesselt. Zwei parallele Handlungsstränge, die nicht weniger als 400 Jahre trennen, werden gekonnt miteinander verwoben und ergeben nach und nach ein Gesamtbild, das dem Leser den Atem stocken lässt! Nach und nach werden auch Henry und Clarissa die Zusammenhänge deutlich und sie stoßen auf ein uraltes Geheimnis.

 

Was hat Harriot 1603 wirklich getrieben? Was war seine Motivation? Was hat es mit diesem Brief auf sich? Beim Lesen vergisst man regelrecht Raum und Zeit und wird vollkommen in die Geschehnisse hineingezogen. Und erst am Ende ergeben alle Puzzleteile ein Gesamtbild, das den Leser verblüfft und überrascht zurücklässt. Nicht alles ist so, wie es scheint und vieles stellt sich doch als falsch heraus. Nur am Ende trägt Bayard vielleicht eine Spur zu dick auf, worüber man aber nach solch einem Leseerlebnis gerne hinwegsieht.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

Von STEFAN HEUER

Mr. Charms ist nicht zu fassen!

Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

Die Jugend endet auf dem Campingplatz

Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter