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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 17:51

    Eduardo Mendoza: Katzenkrieg

    29.10.2012

    Eine heitere Komödie

    Heiter geht es in Eduardo Mendozas Roman Katzenkrieg zu, der unmittelbar vor Ausbruch des spanischen Bürgerkriegs spielt und in dessen Mittelpunkt ein Bild von Velázquez steht. Ein britischer Kunstexperte, der unverhofft in Turbulenzen gerät, spanische Politiker und ein Herzog mit seiner Familie sind die Protagonisten dieses Romans, der zurecht von der Kritik einhellig gelobt wurde. BETTINA GUTIERREZ hat mit dem Autor gesprochen.

     

    Ihre Romane handeln meist von der spanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts. In Ihrem jüngsten Roman Katzenkrieg befassen Sie sich mit dem spanischen Bürgerkrieg. Warum haben Sie dieses Thema gewählt?

    Aus vielen Gründen. Ich wollte über den Bürgerkrieg schreiben, doch ich wusste nicht wie, da schon so viel über diesen Krieg geschrieben wurde. Es gibt so viele persönliche Berichte, Geschichtsbücher und Romane über diese Zeit. Schließlich fiel mir ein Kapitel ein, das bisher kaum behandelt wurde. Es sind die Tage vor Ausbruch des Krieges. Mein Grundgedanke war, einen Roman über eine Zeit zu schreiben, dessen Ende und Ausgang allen Lesern, jedoch nicht den Protagonisten des Romans bekannt sind. Sie wissen nicht, dass ihr Handeln einen Krieg verursachen wird. Sie handeln einfach nur. Diese Momente, in denen man noch Entscheidungen treffen kann, fand ich interessant.

    Inmitten der politischen Turbulenzen entdeckt Ihr Protagonist Anthony Whitelands ein Bild von Velázquez.

    Die Handlung meines Romans ist teils fiktiv und sinnbildlich. Er befindet sich in einem Spanien, das vollkommen durcheinander ist, in dem es laut und gewaltvoll zugeht. Gleichzeitig hat er aber auch einen Bezug zu einem viel profunderen und älteren Spanien, für das Velázquez steht. Er befindet sich also zwischen zwei Spanien, dem gewaltsamen und oberflächlichen und dem profunden und nachdenklichen. Ich wollte nicht nur über das eine, sondern über die beiden Spanien sprechen, zwischen denen sich Anthony Whitelands befindet.

    Sie beschreiben einige Bilder und Stationen des Lebens von Velázquez und Tizian. Welche Bedeutung hat die Kunst für Ihren Roman?

    Jede Geschichte, auch die Geschichte des Bürgerkriegs und Europas, wird von Menschen gemacht, die sich in manchen Momenten so verhalten wie wir und nicht wie historische Persönlichkeiten. Das gilt ebenfalls für die Kunst. Sie wird von Menschen gemacht, die so sind wie wir, die in einem bestimmten Augenblick von ihrer Welt, ihrer Wirklichkeit und Vorstellung von Wahrheit sprechen. Die Kunst und die Geschichte werden meist als etwas Mechanisches angesehen. Als ob der Künstler einfach nur ein Bild malen wollte und als ob dieses, genauso wie die Geschichte, in gewisser Weise das Ende einer Reise darstellt. Mir ging es darum, diese Reise zu beschreiben und den Protagonisten des Romans sowie Tizian und Velázquez dabei zuzusehen, wie ihr Werk entsteht.

    An einer Stelle beziehen Sie sich auf die Entfremdung der Kunst, darauf, dass die Kunst manchmal als Mittel zum Zweck angesehen wird.

    Ja, ein Künstler wie Velázquez malt ein Bild, das seinen Gefühlen und Vorstellungen entspricht. Manchmal wird dieses Bild zu einem nationalen Schatz, kommerziellen Produkt oder akademischen Forschungsobjekt. Dies hat dann nichts mehr mit dem Bild zu tun, das Velázquez gemalt hat. Das Gleiche geschieht mit der Geschichte. Die Menschen handeln auf eine bestimmte Art und Weise indem sie ihren Vorstellungen und Gefühlen folgen.

     

    Dieses Handeln verwandelt sich später in Geschichte, über die Bücher geschrieben, Filme gedreht und Denkmäler errichtet werden. Doch diese Geschichte hat sich ereignet. Ich glaube, dass es die Aufgabe eines Romans ist, die Geschichten der Personen und nicht der Länder und Ereignisse zu erzählen. Und zwar so, wie sie sich zugetragen haben.

    Unter Ihren Protagonisten tauchen neben Anthony Whitelands einige Politiker auf. Manuel Azana ist ein kunstaffiner Premierminister, der Falangistenführer José Antonio Primo de Rivera ein Musikliebhaber. Spielte die Kultur eine wichtige Rolle?

    Diese Personen waren im Alltag ganz normale Personen und hatten ihre Interessen, die einen Teil ihrer Persönlichkeit ausmachten. Ich wollte aber vor allem vom Spanien und Madrid jener Zeit erzählen, das sich in den Jahren vor Ausbruch des Krieges sehr verändert hatte. Madrid gehörte damals zu den kultiviertesten, lebendigsten und interessantesten Städten Europas.

     

    Alle Avantgardekünstler, Schriftsteller, Musiker und Maler kamen nach Madrid. Selbst viele lateinamerikanische Schriftsteller, die später berühmt wurden, kamen dorthin. Es war eine lebendige und kreative Stadt. Das hörte mit dem Krieg auf. Ich wollte zeigen, dass es dieses Madrid gab, wo zum Beispiel die Frauen zum ersten Mal in der Geschichte Spaniens öffentliche Ämter an den Universitäten bekleideten oder einen Beruf ausübten.

     

    José Antonio Primo de Rivera ist eine zentrale Gestalt in Katzenkrieg. Sie schildern ihn als einen galanten Aristokraten und erfolglosen Demagogen.


    Ich glaube, dass er eine sehr interessante Persönlichkeit ist, besonders wenn man ihn aus heutiger Sicht betrachtet. Heute ist er fast in Vergessenheit geraten, obwohl er zu seiner Zeit sehr wichtig war. Er war der Gründer der faschistischen Partei Spaniens und ein großer Bewunderer Mussolinis. Er wollte in Spanien einen Faschismus im Stile Mussolinis einführen. Hitler gefiel ihm nicht und die Nationalsozialisten verstand er nicht.

     

    Er gründete eine Partei, die nicht viel Erfolg hatte und wurde zu Beginn des Bürgerkriegs hingerichtet. Während der Diktatur wurde er deshalb zu einem heiligen Schutzpatron und einer beinahe göttlichen und mythischen Gestalt stilisiert. In allen spanischen Städten und Dörfern wurden Statuen von ihm aufgestellt und sein Name wurde immer und überall erwähnt. Als die Diktatur zu Ende war, verschwand er gleichermaßen. Mich hat seine Persönlichkeit interessiert.

     

    Er war sympathisch, galant und hatte sehr vage politische Vorstellungen. Er war ein verantwortungsloser Mensch, der nicht wusste, was er tat und ein Spielzeug der Geschichte.

    Francisco Franco schildern Sie ganz anders.

    Franco hatte weder eine Ideologie noch irgendwelche politischen Grundsätze. Er war vielmehr wie ein lateinamerikanischer und nicht wie ein europäischer Diktator. Außerdem war er ein kalter und schlechter Mensch, der gerne tötete. Dies tat er sowohl während des Bürgerkriegs als auch während seiner Zeit als Militär in den afrikanischen Kolonien. Er war sehr grausam; er war grausam mit seinen Feinden und Freunden. Ihm fehlten jegliche Gefühle und politische Überzeugungen, weshalb er sich vierzig Jahre lang an der Macht halten konnte.

     

    José Antonio war dagegen ganz anders. Er war vitaler und von seiner Politik überzeugt, auch wenn sie falsch war. Mir kam es hierbei auf die Darstellung von Politikern an, die Menschen indoktrinieren und anschließend ihrem Schicksal überlassen. Oft sind sie für ihren Tod verantwortlich.

    Ein Thema ihres Romans sind die Beziehungen zwischen Spanien und England.

    Mein Protagonist sollte ein Ausländer und somit ein unparteiischer Zeuge sein. Und es sollte ein Engländer sein, da die Engländer von Spanien fasziniert sind. Fast die ganze spanische Zeitgeschichte wurde von Engländern geschrieben. Das heißt von englischen Intellektuellen, die seit einigen Jahren in Spanien leben und zur spanischen Kulturlandschaft gehören. Anthony Whitelands ist einer dieser Intellektuellen. Er ist von der spanischen Kunst, Kultur und Geschichte fasziniert und fühlt sich dort wohl. Außerdem war England damals das wichtigste Land  des britischen Imperiums. Die Engländer interessierten sich für das, was in Spanien passierte, weil es für sie den Mittelmeerraum repräsentierte.

     

    Sie haben einen heiteren Roman geschrieben. Welche Bedeutung hat der Bürgerkrieg für die heutige spanische Gesellschaft?

    Für viele ist der Bürgerkrieg schon Geschichte. Nur wenige haben den Krieg noch erlebt. Vor kurzem ist der Generalsekretär der Kommunistischen Partei gestorben. Mit ihm wurde ein Teil der spanischen Geschichte des Bürgerkriegs begraben. Die heutige Generation erinnert sich nicht mehr an den Krieg. Für sie gehört er zur Vergangenheit, so als ob es sich hierbei um die Napoleonischen Kriege handeln würde.Trotzdem ist er noch als eine Referenz vorhanden, auf die man sich nicht mehr so emotional, sondern etwas besonnener bezieht, da sich die Geschichte immer wiederholen kann.

    Und welche Bedeutung hat er für Sie?

    Ich bin in der unmittelbaren Nachkriegszeit geboren. In einer Zeit, in der über das, was geschehen war, geschwiegen oder nur leise gesprochen wurde. In der man sich an diejenigen erinnerte, die ins Exil gegangen waren, und im Gefängnis saßen. Oder an die Sieger, die nun öffentliche Ämter innehatten. Dies war die Welt meiner Kindheit. Es war eine Welt, die ich sehr gerne hinter mir gelassen habe. Deshalb wollte ich eine Komödie schreiben, die zwar keine anderen Erinerungen, wohl aber andere Empfindungen über diesen Krieg auslöst. Ich fand, dass es an der Zeit war.

     

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