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    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:50

    Christian Schüle: Das Ende unserer Tage

    22.10.2012

    Kapitalismus im XXL-Format

    Christian Schüles Roman Das Ende unserer Tage. Gelesen von PETER MOHR

     

    Als Reisejournalist und Feuilletonist hatte sich Christian Schüle bereits einen Namen gemacht. Nun hat der 41-jährige Hamburger seinen ersten Roman vorgelegt, eine beklemmende erzählerische Mischung aus futuristischem Horrorszenario, totaler Dekadenz der Werte und des Erwachens einer sanften Gegenbewegung.

     

    Schüle hat seinen opulenten Zukunftsroman Das Ende unserer Tage in einem fiktiven Jahr 2012 in Hamburg angesiedelt. Die hanseatische Metropole hat sich gewaltig verändert, in den traditionsreichen Gotteshäusern zwischen Elbe und Alster haben sich mittlerweile Event-Agenturen niedergelassen oder sind Broker ansässig geworden.

     

    Hamburg bewegt sich im Zeitalter des globalen Expansionswahns und eines monströsen Egoismus'. Die halbe Hansestadt befindet sich bereits fest in chinesischer Hand oder unter der Knute von ostasiatischen Investoren. Eine radikal-kapitalistische, sektengleiche Vereinigung, die sich »Revitalisten« nennt, gibt den ausschließlich gewinnorientierten Pulsschlag an. In St. Georg hocken die führenden Köpfe beieinander, beratschlagen über die weitere Beschleunigung des Konsumrauschs, über noch mehr Wachstum, noch effektivere Formen der Ausbeutung der Mitarbeiter und brüten in ihrem »Fachchinesisch« allerlei parolenhaften Unsinn aus (»Konzepte zur Clusterung von potentiellen Brandings.«)

     

    Was uns Autor Christian Schüle hier vorführt, ist ein tiefschwarzes ökonomisches Fantasiebild: Kapitalismus im ganz schäbigen XXL-Format, in seinen schlimmsten Auswüchsen und dunkelsten Schattierungen. Menschliche Regungen sind auf der Strecke geblieben. Die Figuren wirken alle leicht überdreht und sind gleichförmig gezeichnet. Wir begegnen zumeist schlanken, durchtrainierten und von A bis Z gestylten Zeitgenossen, die dem eigenen Erfolg alles unterordnen.

     

    Zu dieser Spezies gehört auch der Kommunikationsstratege Jan-Philipp Hertz, Mittdreißiger und lupenreiner Opportunist, der irgendwann auf der steilen Karriereleiter die Balance verliert, in die Tiefe abstürzt und plötzlich ohne Job dasteht.

     

    Dann gibt es noch die schillernde Figur des Motivationstrainers Emperado, der keineswegs zufällig auf den Vornamen Jesus hört, denn er ist von einem tiefen missionarischen Eifer beseelt. »Es ist nicht ausgedacht, weil es diese Figuren gibt, die in der Lage sind, Hallen zu füllen mit fünf- bis sechstausend Leuten. Wenn dann so einer sagt, macht den Adler, dann machen die den Adler. Das muss man mal erlebt haben, das hat schon so präfaschistische Elemente zum Teil«, meinte Autor Christian Schüle in einem Interview über seine Emperado-Figur.

     

    Als Gegenpart zu all den neurotischen Gewinnmaximierern fungiert zunächst Charlie Spengler, ein typisch hanseatischer Unternehmer alten Kalibers, der in Harburg die New-York-Hamburger-Gummi-Waren-Compagnie leitet. Auch er wird vom chinesischen Kapital überrollt. Auf seinem Firmengelände soll ein großer Vergnügungspark entstehen (ein Motiv, dem wir in diesem Jahr schon in Thomas von Steinaeckers Roman begegnet sind), doch er leistet Widerstand, gründet eine Art Solidaritäts-Bündnis der Verlierer und wird selbst zum Demagogen, der die Massen für sich einsetzen will.

     

    Hinter Christian Schüles Überzeichnung der Auswüchse steckt selbstverständlich Methode, der dargestellte Wahnsinn wird erst durch die maßlose Übertreibung richtig greifbar. Und wer mag, der kann den hier skizzierten unmenschlichen, renditegesteuerten Existenzkampf auch als Mahnung für die Zukunft lesen.

     

    Was diesem Roman allerdings etwas fehlt, ist eine identifikationsstiftende Figur, der man in diesem Chaos mit voller Sympathie blind folgen würde. Bei der Zeichnung seines Personenensembles hätte man Christian Schüle ganz ungeniert etwas mehr Mut zur Vielfalt gewünscht. So lassen sich gegen dieses Debütwerk zwar manche Vorbehalte erheben, dennoch steht unumstößlich fest, dass es äußerst spannend und mit großer Liebe fürs erzählerische Detail inszeniert wurde.

     

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