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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 02:23

    Alexis Jenni: Die französische Kunst des Krieges

    22.10.2012

    Eine Ilias des 20. Jahrhunderts

    Alexis Jenni malt in seiner Kunst des französischen Krieges ein Historiengemälde der späten französischen Kolonialzeit, erzählt aus dem Blickwinkel eines Antikriegers. Monumental – findet HUBERT HOLZMANN

     

    »Der Krieg fand statt. Aber was heißt das schon? Für uns hätte er eine Erfindung sein können, wir verfolgten ihn am Bildschirm.« – Diese Perspektive des Beobachters aus sicherer Entfernung (im Übrigen sehr bald schon zusätzlich durch das »Glas« abgetrennt) war seit jeher dem Generalstab vorbehalten. Heute ist der Wohnzimmersessel Stand- bzw. Sitzpunkt für die entmilitarisierte »Normalbevölkerung« – jedenfalls für die unserer nordwestlichen Hemisphäre! Das Monumentalwerk Die französische Kunst des Krieges des Franzosen und Goncourt-Preisträgers von 2011 Alexis Jenni bestätigt dies eindrücklich.

     

    Denn für den mehr oder weniger fiktiven Ich-Erzähler und Kommentator des Romans sind Kriege eigentlich reduziert auf Geschichtsfakten, auf Erinnerungen und Erzählungen. Einen direkten »Einschlag« beim Autor gibt es erst als eine Art persönlichen Kollateralschadens, den das Unternehmen »Wüstensturm« des Jahres 1991 bei ihm hinterlässt – und zwar keinen ganz leicht zu verschmerzenden. Für ihn bedeutet nämlich die óperation Daguet – wie der Wüstenkrieg gegen Saddam aus französischer Sicht heißt –, dass er in Folge von wirtschaftlicher Rezension und Einsparungsmaßnahmen seinen Arbeitsplatz verliert. Dadurch zieht er sich nun ganz auf die Beobachterposition zurück, werden doch von den Kampftagen stündlich neue Bilder in schwarz-grün vom Erfolg des desert storm gesendet.

     

    Und darauf wartet der Erzähler neben den Nachrichten noch: auf seine Freundin und vielleicht auf eine Veränderung, auf eine Explosion in seinem Leben. Er verlässt Nordfrankreich und kehrt zurück nach Lyon, den Ort, in dem er seine Kindheit verbrachte und schlägt sich mit dem Austragen von Zeitungen durch. Dabei trifft er auf einen alten Mann, Victorien Salagnon, der während des Zweiten Weltkriegs aufseiten der Résistance gekämpft hat und danach als Legionär nach Indochina ging und im Algerienkrieg eingesetzt war. Jetzt als alter Mann lebt er mit seiner griechisch-jüdischen Frau, die in Algerien geboren wurde, zurückgezogen und malt.

     

    © Catherine Hélie / Edition Gallimard © Catherine Hélie / Edition Gallimard

    Krieg und Frieden - Roman und Kommentar

    »Zum ersten Mal begegnete ich Victorien Salagnon an einem Samstag in diesem Bistro, und zwar sah ich ihn durch die dicken gelben Kurzsichtigen-Linsen der Weißweingläser um die Mittagszeit, die die Realität verschwimmen, in größere Nähe rücken und sie endlich flüssig, aber nicht greifbar werden lassen, was mir zu jener Zeit durchaus angenehm war.« – Auch hier also erneut das Distanz schaffende Glas. Der Erzähler ist fasziniert von dem alten Mann, darf ihn besuchen kommen und erhält von ihm Unterricht im Zeichnen. Und ganz nebenbei geht es um die Vergangenheit. Schließlich übergibt der alte Mann dem Erzähler seine Memoiren, Schreibhefte voller geordneter Erinnerungen, ein ganzes Leben in ein paar karierten Schulheften. Und hier beginnt der eigentlich Roman.


    »Ich las alles. Er hatte recht, es war langweilig; es war nicht besser als die in einem Selbstverlag publizierten Kriegserinnerungen. … Ich weiß nicht, welche Kompetenz er mir zuschreibt. … Aber ich bin der Erzähler und daher erzähle ich.« – Alexis Jenni wechselt in seiner Französischen Kunst des Krieges, an der er fünf Jahre lang gearbeitet hat, von der Gegenwart in die Vergangenheit. Der dicke Band, der bei Luchterhand erschienen ist, läuft in zwei Handlungssträngen parallel nebeneinander her: Im Roman breitet der Ich-Erzähler das Leben von Victorien Salagnon in sechs Teilen vor uns aus und stellt es in die große epische Form. In einem zweiten Teil, den Kommentarkapiteln, wird dies durch den Erzähler gespiegelt.

    Zunächst berichtet der allgegenwärtige Erzähler in den Romankapiteln von der Zeit der Besatzung im Vichy-Regime. Victorien Salagnon besucht zu Anfang ein kirchliches Gymnasium und muss miterleben, wie der Vater um zu überleben als Kaufmann doppeltes Spiel mit den Nazis treibt. Durch einen Onkel gerät Salagnon noch als Jugendlicher in die Résistance, kämpft gegen die deutsche Besatzung, ist bei Sabotageakten mit von der Partie und lernt in diesen Wirren seine spätere Frau, die Tochter eines jüdischen Arztes, der aus Algerien stammt, kennen.

    Die Rolle der Algerienfranzosen erhält nach der Befreiung 1944 durch die Alliierten eine ganz besondere Bedeutung: Wird doch in Algier 1945 ein vermeintlicher Aufstand der Algerier mit extremer Härte blutig niedergeschlagen. Diese Härte ist es auch, die sich in Indochina und im späteren Algerienkrieg fortsetzt. Es fallen nicht nur Kampfgefährten, frühere Mitstreiter werden als Verräter hingerichtet, das eigene Überleben hängt von Zufällen ab.

    In diesen sechs »Romanen« der Französischen Kunst des Krieges erzählt Alexis Jenni eine starke, bewegende Bilderfolge: Das Überleben der Familie hängt von der Laune und dem »Augenzwinkern« eines deutschen SS-Offiziers ab, aus ähnlichem Zufall wird sein Schulfreund des Nachts beim Schmieren von Parolen erschossen, die Verhaftung der jüdischen Nachbarn kann nicht verhindert werden – euphemistisch wird hier der florierende Ost-Tourismus betont. All dies macht die Beweggründe sichtbar für jene, die sich der Résistance anschließen. Beweggründe für Widerstandskämpfer, denen sich noch heute 24-Stunden-Sondersendungen im französischen Fernsehen gewidmet werden, wie etwa für Raymond Aubrac, der am 11. April 2012 verstorben ist.

     

    Packend ist auch der Kampf Mann gegen Mann im Dschungel Indochinas, die fürchterlichen Kampftaktiken des Vietkong, die Bombenflüge der Luftwaffe – der Walkürenritt heranfliegender apokalyptischer Rotoren wird – auch Jahre nach Coppolas Antikriegsfilm – erneut hörbar. Doch diesmal nicht als Anklage gegen die Großmacht USA, sondern als literarischer Versuch, die Grande Nation zum Nachdenken zu bewegen. Für Alexis Jenni eine Erinnerung an die Toten, eine Wehklage für, ein Paseo für die Toten, ein Gedenken.Die Großmacht ein Totenreich: »La France mit diesem emphatischen Anfangsbuchstaben, diesem langen, pfeifenden F, wie de Gaulle das Wort aussprach und wie es heute niemand mehr auszusprechen wagt«. »Frankreich ist eine Art des Aushauchens.« – Die französischen Kolonien als Schlachtfeld.

     

    Versucht Alexis Jenni hier den Anstoß zu geben, die eigene Geschichte aufzuarbeiten? Oder soll die Anklage die Kolonialzeit entmythifizieren? Oder vielleicht rehabilitieren – nicht nur die mutigen Unterzeichner des Manifests der 121 vom August 1960? Dass er heute zumindest ein anderes Frankreich vor sich hat wie Sartre und die Ungehorsamen, beweist die Veröffentlichung bei Gallimard und das extrem positive Echo und hymnische Lob nach der Veröffentlichung des Romans über »Krieg im Frieden«.


    Und dieser »Krieg im Frieden«, den der Ich-Erzähler erlebt und empfindet, wird im siebenfachen Kommentar des Autors beschrieben. Hier steht anders als in den sechs Roman-Teilen kein kriegsführender Held im Zentrum, sondern der erlebende, schauende, nachdenkliche. Der Erzähler, der immer mehr zum lebensuntauglichen Außenseiter der Gesellschaft wird, muss miterleben, wie seine Umwelt mehr und mehr gegen Minderheiten, Ausländer und den Abgrund der Gesellschaft aufrüstet: Er spielt an auf die zunehmende Polizeigewalt in den Banlieus in den 90er Jahren.

    Der Erzähler genügt den Anforderungen der Gesellschaft nicht mehr, will ihnen auch selbst nicht mehr entsprechen. Er verweigert sich. Als erstes nimmt er in eine extreme Verweigerungshaltung ein, zieht sich in sein Bett zurück. In dieser Abriegelung von der Welt beendet er seine Beziehung zu seiner Freundin, indem er ihr und seinen Freunden ein symbolisches Blutopfer und eine Blutmahlzeit serviert. Die Zutaten für diese Mahlzeit könnten durchaus beispielhaft für französische Nouvelle Cuisine sein, zumindest wenn man sie im Sinne von »ungewohnt«, vielleicht sogar abschreckend versteht: fast rohe Kutteln, Innereien, ein Schafskopf und ein Hahnenkamm versprechen mehr als kulinarische Exotik, der Erzähler schließt damit ein Kapitel in seinem Leben.

    Der Kommentator und Erzähler des groß angelegten Romanepos verurteilt nicht, er berichtet – von damals und heute. Von Kriegswirren, von Friedenszeiten. Von einem Frankreich, das immer noch in tradierter Weise lebt – wie »ein langer Sonntag, der böse endet«. »On y ...« – »man fährt hoch«, »man geht zur Kirche«, »man kauft Törtchen«, »man geht, obgleich die Schuhe drücken«, »man stirbt. Und das ist gut so.« Alles geht seinen gewohnten Gang. Doch der Tod kommt als Schlag, als Explosion, wie eine plötzliche »Sprengladung« einer »Thrombose« – und dies als Grund für das Schreiben. Was bleibt, ist das Leben.

     

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