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    TITEL kulturmagazin
    Donnerstag, 27. April 2017 | 18:50

    Rainald Maria Goetz: Johann Holtrop

    15.10.2012

    Fossil der Ellenbogengesellschaft

    In der Reihe »Literatur & Marketing« bespricht THOR KUNKEL Grenzfälle zwischen Literatur und Selbstvermarktung

     

    Hört, hört! Mit Johann Holtrop hat Rainald Maria Goetz den bösen Kapitalisten mal so richtig die Leviten gelesen.

     

    Es ist ja eigentlich ein klitzekleiner Skandal. Der Roman des deutschen Großschriftstellers Rainald Goetz wurde von den Feuilletons in Nullkommanichts durchgewunken und allgemein als nichtig erkannt: Man muss ihn nicht lesen, finden die meisten.

     

    Als ich Anfang Juni hier in die Berge der Monte Rosa aufbrach, wo man dann gute zwei Monate braucht, das Massiv zu durchklettern, hatte ich mich wirklich auf die Lektüre, die mir gleich zweimal(!) von Suhrkamp zugestellt wurde, gefreut. Mitte September (okay, ich hatte noch einen Abstecher in die Bernina gemacht) fand ich endlich Zeit in Ruhe zu lesen, allerdings bereits mit gemischten Gefühlen. Dass sich ausgerechnet Iris Radisch, die Leitschnecke aus der literarischen Provinz des Gutmenschen, für den Roman starkmachte, konnte nur heißen, dass zwischen ihr und Goetz freundschaftliche Bande bestanden oder dass Johann Holtrop, der Roman, auf den die Feuilletons angeblich »dreißig Jahre lang warten mußten«, das krasse Niveau eines Brigitte-Fortsetzungsromans vorlegen würde. Andere Möglichkeiten gab es eigentlich nicht.

     

    Kapitalismuskritik aus »Dallas«

    Die ersten fünfzig Seiten legten dann doch etwas anderes nahe: Rainald (ist das eigentlich ein Künstlername?) hatte in den vergangenen Jahrzehnten wirklich seine Hausaufgaben gemacht und jedes Fitzelchen Kapitalismuskritik, die seit Anfang des neuen Millenniums neben CO2-Panikmache und Gender-Gequatsche zum guten Ton der Medien gehört, abgeschrieben, gesammelt und alles zu einer ganz schlimmen Kolportage aus der »Welt der Wirtschaft« verdichtet. Man könnte es auch einfach den ehernen Wiederholungsplot der RTL-Serie Alles, was zählt nennen, das Spiel der Intriganten, für die Wahrheit nur eine kubische Angelegenheit ist. Dreimal darf man daher raten, wie sich die Chefs und Unterchefs auf dem korporierten Affenfelsen gebärden ? – Ja, genau.

     

    Sicher, Goetzens Vorbild für Johann Holtrop, das Ekel J. R. Ewing, ist fast vergessen und das mediale Sediment, aus dem er seine Stereotypen kratzt, liefert ihm neben Paten wie John Self, dem Helden aus Martin Amis’ Roman Gierig, auch viele reale Vorbilder, zu denen aber sicherlich nicht Thomas Middelhof zählt. Zu behaupten der Roman erzähle verschlüsselt den Fall des Bertelsmann-Managers dürfte unter das bewährte name-dropping fallen, denn die Behauptung authentisch zu sein, fragt um Aufmerksamkeit, selbst wenn der Autor und sein Projekt als »überholt« gelten dürften:

     

    In einer Zeit, wo der Bundespräsident als Schmarotzer aus dem Amt gejagt wurde, und selbst kleine Versicherungsheinze der Ergo ihre »verpufften« Spesen steuerlich absetzen konnten, wirkt die Geschichte vom skrupellosen und schuftigen Manager Holtrop, der seine Konkurrenten kaltschnäuzig eliminiert, und am Schluss selbst abserviert wird, wie ein müder, nach dem Mief deutscher Sendeanstalten riechender Aufguss von Wallstreet 2, freilich alles ein bisschen anders, ein bisschen mehr »Bananenrepublik«, aber doch mit ähnlichem Personal.

     

    Es ist die Welt der Nieten in Nadelstreifen, die man spätestens aus den 80er Jahren kennt, die frostige Arena der Top-Manager, die sich natürlich als tumbe Topf-Manager entpuppen müssen, um den Leser zu amüsieren. Malen nach Zahlen also. Doch Goetz diffamiert und denunziert, als ob dieser Negativ-Tratsch nun wirklich eine Weltneuheit wäre. Nicht sonderlich originell. Auch die Plattitüden aus Yuppie-Land, die er seine Anti-Helden abhusten lässt. Dabei weiß er es eigentlich besser.

     

    »Was Leute, die gedanklich dauernd mit Geld und Kapital beschäftigt sind, sich unter einem Ich vorstellen, ist echt ein Witz, kein Ich«, hatte er mal geschrieben. Und damit war eigentlich alles über das Innenleben der wirtschaftlichen Funktionselite gesagt. Die meisten verstehen es, ihren Status als Erster Maschinenmensch des imperialen Todessterns bei der feindlichen Übernahme eines Konzerns kurz mit einem Winner-Smile (ich sage nur Ackermann) zu zelebrieren. Andere wie der ausgeschämte und strunzdumme Dominique Strauss-Kahn, dem inzwischen auch Zuhälterei und Menschenhandel vorgeworfen werden, belohnen sich dagegen in den Niederungen des horizontalen Gewerbes. Der Fick ist im Reigen der armen Geister der letzte mögliche Gottesdienst und Beschwörung eines neuen heidnischen Cäsarismus der Euro-Penunze, in dem Geld alles, und der Mensch nur ein in Kauf zu nehmendes Übel bedeutet.

     

    Noch ein Roman zur Jahrtausendwende

    Was könnte also an diesen Kretins »lesenswert« sein? Dass sie mehr haben, als ein alternder Schriftsteller, der von den Brotkrumen schlecht verkaufter Auflagen lebt, ja, das ist bitter, aber erklärt nicht ganz die Missgunst, die Götz für seinen Protagonisten empfindet. Sein Roman kränkelt vor allem an Empathie und das macht das Lesen über eine Hochebene der Redundanz zur Tortur. Offenbar scheint sich Rainald nicht als Erzähler, sondern als geißelschwingender Stellvertreter des chancenlosen pseudo-intellektuellen Prekariats zu verstehen, das der Hass auf die Bessergestellten und Boni-Abkassierer vereint.

     

    Nur hat diese Schicht eben kein Geld, bei Ulla Unseld-Berkéwicz eine Schwarte zu ordern, deren Inhalt es im Netz kostenlos und oftmals viel bösartiger ausformuliert gibt. Rainalds »Managergeschichte« klingt nicht nur fürchterlich antiquiert, das Buch erinnerte mich auf fatale Weise an das ebenso mit trauriger Häme übergossene Werk des Deutschschweizers E.Y. Meyer: Wandlungen. Untertitel: Roman zur Jahrtausendwende. Das Buch vermittelte leider auch keinen Schimmer von Erkenntnisgewinn, sondern liest sich wie eine einzige Tirade aus Unkenrufen gegen die bösen Buben des Materialismus.

     

    Auch Goetzens Syntagmen sind zu stumpf oder ungeschliffen, um die Schädel, um die es ihm geht, zu trepanieren. Überhaupt, richtig scharf im eigenen Brägen war Goetz eigentlich nie, schon bei seiner Antrittsvorlesung in Klagenfurt brauchte er eine Rasierklinge, um sein sprachliches, vor allem stilistisches Gebrechen durch show zu kaschieren. Die überhastete Sprache des Telepromoters schreibt er heute nicht mehr, doch der näselnde, betont elitäre Tonfall, der gelegentlich an Krachts Romane erinnert, produziert doch nicht mehr als ästhetisch kaum wahrnehmbare Sprechblasen oder besser gesagt »blurbs«, an denen sich der Autor wohl in die pseudo-intellektuellen Talkrunden der Hauptstadtstudios einchecken wollte. Soweit hat das nicht funktioniert.

     

    Nur dass wir uns richtig verstehen: Ich habe die deutsche Popliteratur immer gemocht; zum einen konnte man dort die neuen fraktalen Selbstvermarktungstechniken in vivo studieren, zum anderen trat dort das intellektuelle Gefälle zwischen Deutschland und Frankreich so deutlich wie sonst nirgends zutage. Rainald Goetz war eigentlich immer nur im Dunstkreis von erfolgreichen Pop-Literaten zu finden, selbst wenn er sich von ihnen nie vereinnahmen ließ. Mal profitierte er von Stuckis PR-Kapriolen, mal tat er so, als kollaboriere er mit »CK«, aber die Ergebnisse waren unendlich schwach.

     

    Liest man einmal in die Schluchten hinein, dann weiß man, wie peinlich der Job des von Existenzängsten geplagten Berufsschreibers auspacken kann. Schon hier schlägt Goetz oft genug den Ton der Neidkappe an, die es im Grunde genommen frustriert, dass das 21. Jahrhundert den Nummernmenschen und künstlerischen Schießbudenfiguren gehört. Und das die Meinung von Knallköppen mit dicken Oberschenkeln und nuttig verpackten Jung-Miminen gefragter ist als die Meinung eines seriösen und promovierten Schriftstellers, der seine Tage damit verbringt, Sätze auf dem Papier hin und her zu schieben und dieses undankbare Hobby für etwas ganz Wichtiges hält.

     

    So just relax, sit back and cry, watch lesser talents passing you by...

    Lesser talent, okay, Rainald? Die Weniger-Begabten, die jetzt an allen Fronten durchbrechen, die gut vernetzten Nichtskönner und schamlosen Witzfiguren à la Sascha Lobo, die schreibenden Gender-Freaks, die auf die ideologische Tour bei den Mameluckinnen des Literaturbetriebs punkten, die cleveren Eintagsfliegen der Viva-Generation und Generation Nix, die sind jetzt mal dran. Es bleibt zu konstatieren, das auch Stucki und »CK«, als sie für Peek & Cloppenburg Purzelbäume schlugen, wohl auf dem Höhepunkt ihres künstlerischen Schaffens angelangt waren. Während Rainald noch wirklich schrieb, waren beide schon weiter, sie waren eigentlich schon digitale Boheme, als es das Label noch gar nicht gab. An denen sollte sich Rainald vielleicht mal ein Beispiel nehmen und aufhören Künstlergewänder zu tragen, die man im Theater-Jargon auch salopp »Wallander« nennt. Dieses verhärmte Asketen-Photo in der FAZ, musste das sein?

     

    Das wirklich Tragische an Rainald Goetz’ spätem Comeback: Er scheint nicht begreifen zu wollen, dass in einer ordolibertären Wegwerfgesellschaft ohne Wertsysteme und Maßstäbe, eine kontinuierliche Künstlerbiografie ein Ding der Unmöglichkeit ist. Der Relativismus braucht keinen Helden, einen der durchhält und die Zähne zusammenbeißt, während andere an der Welt des Totalen Markts basteln: Was hier zählt, ist die reine Neomanie. Ein trotziges Weiterschreiben wie es Walser und Grass über ein halbes Jahrhundert durchhielten, – so etwas ist nicht mehr möglich, dazu fehlen dem heutigen Kulturestablishment die Ressourcen. Tragisch für einen Egomanen der alten Schule.

     

    Der Kampf um Anerkennung ist ein ewiger, den man im Älterwerden verliert. Keiner von uns kommt an der Mottenkiste vorbei. Goetz’ trumpft noch einmal wie ein Dinosaurier auf, der einen Weideplatz zwischen Beutelratten und anderen fitten Kleinsäugern sucht. Sein Roman wurde infolgedessen von den jungen, pfiffigen Rezensenten auch nicht offen zerrissen, sondern lächerlich, ja, unmöglich gemacht. Andreas Platthaus in der FAZ: »Goetz als Romancier – muss nicht mehr sein.« Die Süddeutsche und die Neue Züricher urteilten noch negativer, denn tatsächlich reicht es nicht einfach Seite um Seite mit »Zeitungsstoffen« zu füllen, ohne diese in etwas »Kunstfertiges« zu verwandeln.

     

    Der Roman versandet bereits nach Seite 113 in Agitprop und geschmackloser Effektliteratur. Wäre Johann Holtrop nicht bei Suhrkamp, sondern beispielsweise bei Matthes & Seitz oder Mervé erschienen, kein feuilletonistischer Hahn hätte nach dieser Kapitalismuskritik eines enttäuschten und vertrockneten Selbstdarstellers gekräht. Schon die Sprache verströmt wenig mehr als die Frustration eines Menschen, den es offensichtlich wurmt, nicht zu den cleveren Schweinchen zu zählen, die in den Nullerjahren alles an Moneten einsteckten, was sich aus dem System herausholen ließ.

     

    Der politisch-mediale Komplex ließ es sich gut gehen wie nie zuvor: Selbst der deutsche Moralapostel Friedman wurde mit Nutten geschnappt, der Malerfürst Immendorf gleich im Rudel mit »zwölf weiblichen Wesen«, die er ausschließlich zur »Schmerzlinderung seiner Rückenprobleme gebrauchte«. Das waren quasi Pharaos Zeiten. Und wo warst du da, Rainald, du heilloser Schöngeist, als ausgezählt wurde? Als man die Rosinen vom Kuchen der ordolibertären Befreiung verteilte, – und auch die frisch gefangenen, ukrainischen Austern, für deren legalen Import der damalige Außenminister durch einen Erlass in dubio pro liberate selbst gesorgt hatte?

     

    Es bleibt der größte Wermutstropfen in Johann Holtrop, dass der Autor die politische Hintergrundsebene der Wirtschaftswelt konsequent ausblendet, auf keine historischen Zusammenhänge verweist, und stattdessen so tut, als wäre der Typus des Holtrops eine Art, die man schleunigst ausrotten müsste. Hätte er sein Thema ernst genommen, statt es nur als Label zu nutzen, dann hätte sich in der Geschichte Holtrops auch die Geschichte der dilettierenden politischen Hofschranzen und ihrer Claqueure abzeichnen müssen.

     

    Dass die Weichen, auf denen Holtrops gravy train dahinraste, erst von der Politik zum Abbau des Mittelstands so gestellt wurden wie sie nun stehen, diese Tatsache wird mit keiner Silbe erwähnt, denn der von Goetz beckmesserisch betriebene Genie-Kult um das eigene nichtige Selbst braucht eben genau diesen faulen Kompromiss mit der linksliberalen Kulturhegemonie, – einerseits so zu tun, als wolle man die Gesellschaft wirklich mit Worten abreisen, andererseits aber doch zum Kanon der geförderten und verhätschelten Schreibäffchen zählen, die außer Verachtung für ihre Mitmenschen und Leser nichts empfinden. Für seine Loyalität zum Juste Milieu haben ihm die Bewohner des Elfenbeinsturms gerade den Berliner Literaturpreis verpasst. Na also, dann hat sich das Buch doch zumindest für einen hohlen Tropf unter der Sonne gelohnt!

     

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