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    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 02:23

    Kein Nobelpreis für Haruki Murakami

    12.10.2012

    Kafka als Wohlfühl-Märchen

    Verpasste Chance: Haruki Murakami war Favorit für den Literatur-Nobelpreis 2012. Und stieß eine überfälige Debatte an – um Bestseller, Gefälligkeit, kulturelle Grenzen und das Schreiben für den globalen Markt. Von STEFAN MESCH

     

    Zwölf Romane. Rund 40 Kurzgeschichten. Verfilmungen und internationale  Bestseller: Der japanische Erzähler Haruki Murakami, 63 Jahre alt, gilt seit Jahren als einer der großen Favoriten für den Literatur-Nobelpreis. 2012 führte er die Wettliste an – vor Peter Nádas (Ungarn), William Trevor (Irland), Mo Yan (China) und Alice Munro (Kanada).

     

    Doch anders als Yasunari Kawabata (1968) und Kenzaburo Oe (1994), die bislang einzigen japanischen Preisträger, brachten Murakamis Chancen auf die Auszeichnung auch in Japan zahlreiche Gegner und Kritiker auf:

     

    Mit Herta Müller, Thomas Tanströmer – und, 2012: Mo Yan – wählte das Komitee der Schwedischen Akadamie oft widerspenstige, kantige Preisträger aus einer geheimen, jeweils fünf Namen umfassenden Shortlist.

     

    Murakamis Rolle als Favorit war eine seltene, paradoxe Ausnahme: Eminent lesbare, süffige, schlicht erzählte Schmöker. Bücher zum Verschenken, mit Sogkraft, Schwung und einfacher, klarer Poesie.

     

    Dabei ist der simple, bisweilen plakative Erzählton  Murakamis größte Stärke. Ein poetisches Gegenprogramm zur Literatur der Nachkriegsjahre: »Man könnte seine Arbeit als eine stilistische ein-Mann-Revolution bezeichnen, durch die er eine neue urbane, kosmpolitische und deutlich amerikanische Würze in die japanische Literatur einbrachte«, erklärt Harvard-Professor Jay Rubin.

     

    Einsame Männer in tristen Apartments. Katzen, die durchs Dunkel schleichen. Erschreckende Verwandlungen und mysteriöse junge Frauen – oft mit wunderschönen, erotischen Ohrmuscheln: In Murakamis spannend-unheimlichen Großstadtwelten sind Alltag und Abgrund kaum zu unterschieden.

     

    »Ich warf Steine oder prügelte mich mit Polizisten«, schreibt er über das Jahr 1969, als die Studentenbewegung die Universitäten erfasste und eine neue, repressionsfreie Gesellschaft möglich schien. »[Doch] allein bei der Vorstellung, einander während einer Demonstration an den Händen zu halten, läuft es mir kalt den Rücken hinunter.«

     

    Murakami heiratete früh, führte eine Jazzbar in Tokio, und begann erst Ende der Siebziger, Anfang 30 und als Autodidakt, mit surrealen Kurzromanen. Kafka, magischer Realismus, Cyberpunk und griechische Mythologie – die Phantastik seiner Erzählwelten steht in schärfstem Kontrast zur Durchschnittlichkeit der Ich-Erzähler und ihren faden Träumen und Lebensentwürfen: Folter, Verbrechen, sexuelle Gewalt und plötzlicher Terror – beobachtet von hilflosen, konformen und frustrierten Männer einer Generation, die in den 70er Jahren ihre Hoffnungen und Ideale verlor.

     

    Kritiker schwärmen oft, bei Murakami stünde »kein Wort zuviel«. Geschult an US-Erzählern wie Raymond Carver, und selbst als Übersetzer tätig (Fitzgerald, Salinger, Capote), schleift er an sachlichen, möglichst direkten, simplen Sätzen – und wertet es als großes Kompliment, wenn patriotische Autoren kritisieren, sein Japanisch klinge, als sei es aus dem Englischen übersetzt.

     

    Nur zwei Romane, Afterdark (2004) und das geschwätzige, naive 1Q84 (2009), haben bislang enttäuscht. Der Studentenroman Naokos Lächeln (1987) und das fulminante Kafka am Strand (2002) sind besonders süffig. Erzählerischer Mut zeigt sich in Mister Aufziehvogel (1995) und dem Science-Fiction-Märchen Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt (1987).

     

    Doch überall geht es um Hilflosigkeit, Geworfensein, Verlust und Isolation im Großstadtleben. Und in der Häufung zeigen sich Murakamis Schwächen und Marotten: Kaum ein Erzähler ist verheiratet oder von Menschen umgeben, die ihm nahe stehen. Privater Trott, persönliche Rituale beherrschen einen zeitlosen, schwammig-apolitischen Raum. Und wie Paul Auster oder Stephen King plätschern immer neue Bücher um immer gleiche, alte Fragen und Motive.

     

    »Murakamis internationaler Erfolg zeigt nicht, dass Stil und Kunst nationale Grenzen überwinden kann«,  ätzt ein nationalistischer Kommentar der Japan Times, »sondern nur, dass das amerikanische Verlagswesen noch immer die Vorherrschaft hat: Das Englisch lesende Publikum interessiert sich nicht für das tatsächlich Fremde.«

     

    Auch Tim Parks beklagte 2010, dass internationale Bestseller immer weniger verraten über die Länder und die spezifischen Sprachwelten, denen sie entstammen: »Kazuo Ishiguro rät Schriftstellern, Sprachspiele und lokale Anspielungen zu vermeiden, damit es der Übersetzer leicht hat. Skandinavische Autoren sagten mir, dass sie ihren Figuren keine Namen mehr geben, die  englischsprachigen Leser schwer fallen.«

     

    Globale, gefällige, Kulturräume überschreitende Erzählungen. Romane für ein denkbar breites, internationales Publikum: Haruki Murakamis Nobelpreis-Chancen sind ein streitbares, klares Signal. Auch 2013 werden sie Debatten schüren – um die Frage, wie offen, unterhaltend, spannend und »global« preiswürdige Literatur sein darf. Und, wie viel Lokales, Politisches, Spezifisches noch Platz findet – in transnationalen Bestsellern.

     

    Foto: Galoren.com

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