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    TITEL kulturmagazin
    Mittwoch, 28. Juni 2017 | 02:24

    Zum 70. Geburtstag des ungarischen Schriftstellers Peter Nádas am 14. Oktober

    14.10.2012

    Schreibender Grenzerkunder

    Der Schriftsteller Peter Nádas ist ein Mann der Extreme und mit konventionellen Maßstäben kaum zu messen. Er liebt seine Geburtsstadt Budapest ebenso wie die Abgeschiedenheit seines Dorfes Gombosszeg, wo er seit mehr als zwanzig Jahren lebt; er ist einer der großen gebildeten Enzyklopädisten und tritt dennoch vornehm zurückhaltend auf; er schreibt keine zeitgeistkonforme Fast-Food-Literatur, sondern opulente Wälzer, die nicht gelesen, sondern bezwungen werden müssen. Von PETER MOHR

     

    Nádas, der am 14. Oktober 1942 in Budapest geboren wurde und früh seine Eltern verloren hat, liebt die Herausforderungen: »Ich muss beim Schreiben abtasten, wo das Menschliche und das Tierische liegen, das Egoistische oder Individuelle und das Kollektive. Es kann sein, dass dabei ein Eindruck von Freiheit im Sinne einer bestimmten Romanauffassung entsteht. Es war mir wichtig zu sehen, wo die Grenzen eines Menschen liegen.«

     

    Eine ganz eigene, schreckliche Grenzerfahrung (neben seinen familiären Erinnerungen an den Holcaust) machte Nádas im April 1993, als er in Budapest auf offener Straße zusammenbrach und sein Herz für mehr als drei Minuten still gestanden hatte. Seitdem habe sich seine Einstellung zum Tod völlig verändert. Im Buch Der eigene Tod beschreibt Nádas, dass er einen mysteriösen Zustand durchlebt, »auf den Grund des Lebens gesehen und das Wesen der Dinge erkannt« habe. Vielleicht hat die »zwanghafte geometrische Ordnung«, die Nádas seinem eigenen Werk attestiert, in diesem Schwellenerlebnis ihre Wurzeln. »Ich beschäftige mich nicht mit Problemen. Mich interessieren vielmehr Handlungen, Abläufe, Prozesse, und dabei auch nicht besonders die Ereignisse, sondern hauptsächlich die Strukturen«, hatte Nádas sein künstlerisches Credo konkretisiert.

     

    18 Jahre lang hat Péter Nádas an seinem opulenten Mammut-Roman Parallelgeschichten (dt.: 2012) geschrieben, der 2005 im Original in drei Bänden erschienen war: Ein großes Zeitzeugnis in 39 bewegenden Kapiteln, ein hochartifizielles deutsch-ungarisches Geschichtsbuch des 20. Jahrhunderts. Peter Nádas, der seit seinem großen Roman Buch der Erinnerung (1985) immer wieder (und nicht zu Unrecht) als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, weiß genau, wovon er schreibt. Er ist ein Pendler zwischen den Welten, lebte in Budapest, Salzburg und Berlin, ehe er sich mit seiner Frau, der Journalistin Magda Salomon in der ungarischen Provinz (4 Bahnstunden von Budapest entfernt) niedergelassen hat.

    Während sich in seinem Buch der Erinnerung vor knapp 30 Jahren noch alles um ein bürgerliches Ich drehte, geht es bei Nádas heute um die Polyphonie, um die Parallelität unterschiedlichster Stimmen und Perspektiven. »Der Individualität sind die Reserven ausgegangen«, hatte der Autor einmal in einem Interview erklärt.

     

    Die Verzahnung von deutschen und ungarischen Lebensläufen zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung der Parallelgeschichten, deren Eckpunkte der niedergeschlagene Aufstand des Jahres 1956 in Ungarn und der sich abzeichnende Mauerfall im November 1989 sind. Wie eine tiefschwarze Folie hüllen die Untaten der Nationalsozialisten viele Handlungsstränge ein.

     

    Péter Nádas, der als junger Mann zunächst Chemie studiert hatte und sich dann als Fotograf und Journalist betätigt hatte, ist ein akribischer Genauigkeitsfanatiker, der seine erzählerischen Wurzeln bei den bedeutenden Romanciers des 19. Jahrhunderts, aber auch bei Sigmund Freud, dem Erkunder des Unbewussten, hat. »Im Augenblick des Todes ist der ganze Umfang der Bewusstseinsinhalte abrufbar wie in einem Computer. Zu erleben, dass meinem Gehirn alle Inhalte zur Verfügung stehen und zwar gleichzeitig, das ist wirklich großartig. Der Tod war das schönste Erlebnis, das ich im Leben hatte.«

     

     Dieser Peter Nádas ist nicht nur ein großer, europäischer Erzähler, sondern auch (wie er in seinen Essays hinlänglich bewiesen hat) ein absolut singulärer, bisweilen streitbarer Freigeist, der die politische Entwicklung in seinem Heimatland mit Argusaugen beobachtet und scharfzüngig kommentiert. »Wenn in einer Gesellschaft keine demokratischen Traditionen da sind, dann müssen sie eben von irgendwoher kommen. Sie werden nicht aus der Luft, dem Blut oder von Gott erschaffen, sondern einzig durch Erfahrungen, auch aus schlechten. Gerade macht mein Land eine sehr schlechte Erfahrung. Was daraus wird, weiß ich nicht«, hatte Nádas im Frühjahr in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung erklärt.

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