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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 21. August 2017 | 17:52

    Anna Katharina Hahn: Am Schwarzen Berg

    08.10.2012

    Hysterie über Heslach

    Am Schwarzen Berg regiert einer von Mörikes Fantasiegestalten, aber auch rechtschaffene Gutbürgerlichkeit inmitten brüchiger Vorstadtidylle. Anna Katharina Hahn entlarvt mit ihrem neuesten Roman die verschämten Lebenslügen und kleinen Fluchten zweier Generationen. Von INGEBORG JAISER

     

    Mit Anna Katharina Hahns Roman Am Schwarzen Berg ließe sich vortrefflich eine literarische Stadtführung ausrichten: bergauf und bergab, quer durch das aufgewühlte Stuttgart des Spätsommers 2010, als im aufgeheizten Kessel der Schwabenmetropole das Wutbürgertum der S21-Gegner mit der geschäftigen Umtriebigkeit eines Großumzugs der Stadtbibliothek kulminiert.

     

    Nicht nur am topografischen Tiefpunkt der Stadt sind zwei der Protagonisten verankert: am traditionsreichen »Gymnasium neben dem Staatstheater« der kurz vorm Ruhestand stehende Studienrat Emil Bub, in dem schräg auf der anderen Straßenseite liegenden Palais der Stadtbücherei seine Ehefrau Veronika. Doch ihr gequälter urbaner Aktionsradius gleicht fast einer »Weltreise von Burghalde nach Heslach, diesem letzten Wurmfortsatz der Stadt, eingepresst in ein enges Tal.«

     

    Der Kessel kocht

    Hier die gepflegte, wenn auch in die Jahre gekommene Vorortsiedlung Burghalde mit Blick auf den Neckarhafen, dort das grindig bröckelnde Arbeiterquartier Heslach. Hier eine konservierte kleine Idylle aus Sprossenfenstern und Klappläden, dort »schmutziger Putz, schadhafte Dächer, Fensterrahmen mit abblätterndem Lack«. Hier das bereits erwähnte, kinderlos gebliebene und sacht dem Alkohol verfallene Ehepaar Bub, nebenan die neureichen Nachbarn Rau (ein Humanmedizin praktizierender Workaholic namens Hajo mit seiner norddeutschen Frau und patenten »Muddi« Carla) – dort der Sohn: ein dem gestrengen Rau´schen Mikrokosmos entflohenes »Peterle«, das sich allen elterlichen Hoffnungen widersetzt, schließlich die aufstrebende Tochter einer Putzfrau ehelicht und als Halbtags-Logopäde ohne jeden Ehrgeiz dahindümpelt.

     

    Sohn, wessen Sohn eigentlich? Sich aus den Armen der eigenen fordernden Eltern windend, dockt Peter Rau schon früh beim nachbarlichen Ziehvater Emil an, saugt bei ihm diese leicht subversive Aura von Naturburschentum, verklärter Mörike-Romantik und begehrendem Widerstand auf. Eine Wahlverwandtschaft, wie sie im Buche steht. Gemeinsam deklarieren sie »Am schwarzen Berg, da steht ein Riese«, gemeinsam verharren sie – wütend gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21 protestierend und hoffnungsfroh Baumhäuser bauend – bei Wind und Wetter im Schlosspark. Veronika, Emils Ehefrau und resolute Bibliothekarin, betreibt derweil ihre eigene Version von kleinen Fluchten: Mit schwarz gefärbtem Haar und fuchsienrot geschminkten Lippen tröstet sie sich wahlweise mit unterm Fahrersitz versteckten Spirituosen und gepflegten Seitensprüngen über die Vergänglichkeiten des Lebens hinweg.

     

    Selbstzerfleischung und Lebenslügen

    Offener Trübseligkeit trotzend, begegnen uns Am Schwarzen Berg dennoch reichlich verunglückte Lebensentwürfe unter dünner, brüchiger Kaschierung. Versäumnisse und ungenutzte Chancen plagen die Protagonisten bis hin zur Selbstzerfleischung (herrlich: die bluttriefend-detailreiche Beschreibung, wie sich Emil einen erhabenen, fälschlicherweise für eine Zecke gehaltenen Leberfleck qualvoll herausrupft).

     

    Wer könnte diese schwäbisch toughen Lebenslügen meisterhafter enttarnen als Anna Katharina Hahn, die mit ihrem erfolgreichen und mehrfach ausgezeichneten Bestseller Kürzere Tage mit bis zum Sarkasmus gehender Ironie bereits ein Stuttgart »zwischen Hysterie und Eurythmie« skizziert hat. Mit ihrem neuesten Roman ist ihr ein schonungsloses Psychogramm einer 68er-Generation gelungen, die an lauen Sommerabenden verschämt Cat Stevens hört und die aufkommende Rührseligkeit mit reichlich Bowle hinunterschwenkt. Während sich einige Meter weiter ungeahnt und ungebremst eine längst zu erahnende Katastrophe ausbreitet.

     

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