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    Montag, 24. Juli 2017 | 08:49

    Martin Walser: Das dreizehnte Kapitel

    10.09.2012

    Spiels noch mal, Martin

    Martin Walser improvisiert in seinem brandneuen Roman Das dreizehnte Kapitel wieder einmal auf der Klaviatur der vergangenen 50 »Walser«-Jahre. Noch einmal stürzt sich die literarische Eminenz vom Bodensee in eine Liebesbeziehung, sucht noch einmal die Abenteuerwelt eines Jack London auf und verfasst dabei – en passant – einen durchaus philosophischen Briefroman. Eine ziemliche Wucht – findet HUBERT HOLZMANN.

     

    Martin Walser platziert seine Story wie gewohnt mitten hinein in die bundesdeutsche Realität. Die Exposition bildet ein Empfang für Wissenschaft und Wirtschaft durch den Bundespräsidenten im Schloss Bellevue. Es treten auf – neben dem zu erwartenden Personal wie umherwuselnde Livrierte und dem Bundespräsidenten nebst Gattin – Walsers Held, der gealterte Schriftsteller Basil Schlupp und Ehefrau Iris Tobler sowie die Theologin Dr. Maja Schneitlin mit ihrem Mann Korbinian, einem Wissenschaftler und Pharmaunternehmer, dem zu Ehren der Abend gegeben wird.

     

    Walser oder genauer sein Held fällt – wie (fast) zu erwarten – relativ schnell aus dem Rahmen der Konvention: Schlupp ist in der Runde der Ehrengäste der Exot, der fast ein wenig als personifiziertes »epitheton ornans«, als schmückendes Beiwerk, fungiert, wird er ja vor allem eingeladen wegen seines viel diskutierten Buchs »Strandhafer« – reduziert »zum Konversationsfutter der Saison«, »auf ein paar Schlagwörter« »dass wir nämlich alle Strandhafer seien, Verzierung und Befestigung der Kulturwälle gegen die Barbarei, gegen die von innen wie von außen«. – Reflexe auf die eigene Biografie?

     

    Schlupp versteht er es jedoch wiederum, sich mit einem einzigen Satz in den Mittelpunkt zu katapultieren und so den braven Smalltalk zu entlarven. Und das nur, weil eine Dame, die mit ihm am Tisch sitzt – eben die genannte Dr. Maja Schneitlin – bislang kein wirkliches »Auge« für Schlupp hatte. Aus dieser verletzten Eitelkeit heraus entwickelt sich die späte Nachlese in Briefform und wohl nicht der letzte Flirt Schlupps/ Walsers.

     

    Foto: © Philippe Matsas/Opale Foto: © Philippe Matsas/Opale

    Experiment ohne doppelten Boden

    Also schreibt Basil Schlupp der ins Auge Gefassten kurzerhand, etwas unvermittelt, vielleicht zu direkt, gewiss jedoch nicht in einem unverfänglichen Tonfall: Es ist der Charme des Zweiflers, des sich auf Umwegen Nähernden, also des durch und durch Walserschen Helden, der bereits im ersten Brief den ersten »literarischen« Schritt auf die »frei schwebende Brücke« »ohne festes Drüben« wagt. Es ist die ganz große Nummer. Alles oder nichts. Eine Eroberung im Sturm. Und diesmal ist es kein Gottlob Zürn, kein Anselm Christlein oder Helmut Halm, die aus dem Gleichgewicht gefallen sind – die Namen von Walsers Protagonisten zeugen von Walsers ungemeiner Erfindungsgabe –, es ist auch nicht der späte Goethe, der eine »Jungbrunnen«-Romanze im böhmischen Kurbad erlebt.

     

    Es ist wie ein Sog, eine Erregung, die Schlupp zur Feder greifen lässt und einen Briefwechsel evoziert, der in seiner Intensität an den von Peter Tschaikowsky mit seiner Mäzenin Nadeschda von Meck erinnert. Beide haben tiefe Gefühlsausbrüche, vieles wird gedacht, ist aber unerfüllbar und wird vorsichtshalber sofort relativiert. »Lieber Basil Schlupp, nennen wir’s ein Experiment, in das wir, ohne es zu wollen, hineingeraten sind.«

     

    Walser erkundet im Dreizehnten Kapitel aufs Neue die Aussichtslosigkeit der Liebe. Der Erfolgsautor und die Theologin Dr. Maja Schneitlin verfassen Liebesbriefe, Briefe über die Liebe – aus theologischer Sicht. Die Form fast ein Disput, jedenfalls ein literarisches Spiel mit Antithesen, ein ambivalentes Schwanken, zwischen Unmöglichkeit und Realität, zwischen Liebe und Verrat, zwischen Beziehung und Haltlosigkeit, Halt und Abgrund. Kurzum ein Balanceakt zwischen den Extremen.

     

    Das dreizehnte Kapitel ist allerdings ebenso lesbar als Eheroman. Natürlich steht hier nicht wie im Falle Susi Gern (Der Lebenslauf der Liebe, 2001) eine Frau aus der Mitte der Gesellschaft im Zentrum. Das dreizehnte Kapitel ist einem erlesenen Personal vorbehalten. Alles ist feiner gewoben. Fallhöhe erklommen, nicht zuletzt in der letzten Radtour der Schneitlins durch die kanadische Wildnis. Die Handlung tritt zunächst völlig in den Hintergrund. So etwas wie ein Treuebruch nie wirklich gezeichnet. Die zufällige Begegnung am Flughafenterminal (nach der Buchmesse) ein bloßer Augenkontakt und – wie modern – ein schneller E-Mail-Austausch.

     

    Walser stellt seinen Roman auf die höchste Stufe platonischer Philosophie und bettet ihn theologisch ins Denken des evangelischen Theologen Karl Barths, dem »Lehrer der Lehrer« ein. Eros und Thanatos werden gebannt auf Papier. Es gibt keine fassbare Begegnung, keinen Ehebruch, keinen Liebestod. Im Gegenteil. Basil Schlupp bestätigt seine glückliche Ehe mit Iris Tobler. Und bei den Schneitlins wird die langjährige Freundschaft als Basis ihrer Beziehung betont. Und selbst das dritte, mit den Schneitlins befreundete Ehepaar, Luitgard und Ludwig Froh, sind trotz allen Gezerres mehr als ein eingespieltes Team.

     

    Und doch: Walser wäre nicht Walser, wenn er nicht gerade diese vermeintliche Sicherheit anzweifelt. Basil Schlupp und Maja Schneitlin halten die Briefe vor ihren Ehepartnern geheim. Beide teilen einander die intimsten Geheimnisse von ihren Partner mit. Und die Theologin Maja Schneitlin begründet ihre Briefe nicht nur theologisch durchaus gewagt: »In der ›freien Luft‹ schwebend, sagt der Meister. Ohne Sicherungen. Durch ›keine Sicherung behindert‹, sagt der Meister.« Für Schlupp ist es »die Buchstabenkette, an der ich mich zu Ihnen hinüberhampeln wollte.« Auf der Strecke bleiben schließlich nicht nur Iris geheimer Plan eines eigenen Romanprojekts. Auch mit Majas Ehemann wird literarisch aufs Furchtbarste abgerechnet.

     

    Schweigen oder die Fülle des Wortes

    Konsequent ist es, dass Maja Schneitlin die Korrespondenz mit Schlupp immer wieder abbricht. Schlupp reagiert auf die Pausen panisch, schreibt zweimal, dreimal, ohne Erfolg – ihre Antwortschreiben bleiben aus. Er muss notgedrungen die Wirklichkeit anerkennen, ohne sie allerdings zu akzeptieren: »Auch wenn ich mir mit aller Geisteskraft, die ich doch eigentlich haben müsste, sage, dass auch heute nichts, wieder nichts da sein kann, auch wenn ich mir das vorsage, vorsage, vorsage, wenn dann der Apparat meldet: Es sind keine Objekte in dieser Ansicht vorhanden, ist es ein Schlag.«

     

    Majas Schweigen ist begründet: Sie fühlt sich gekränkt von der Stillosigkeit Schlupps, der in einem Interview für eine Frauenzeitschrift sein Gefühl gegenüber Frauen routiniert auf Höflichkeit reduziert. Maja schweigt. Lässt sich trotzdem aus der Reserve locken und antwortet äußerst lakonisch. Schlupp gelingt es, diesen alles vernichtenden Grundtenor zu relativieren nur durch seine literarische Kunst, die Dinge zu verdrehen, gedanklich herumzuschlingern, sich zu wenden, neu zu verbandeln – und steigert sich so auf absolute schriftstellerische Höhenflüge, die der Ironie eines Thomas Manns würdig wäre. Und das alles per E-Mail-Verkehr? Mutig. Würde Walser, wäre er heute 40, vielleicht sogar simsen?

     

    Wohl kaum. Denn Kürze ist nicht das Stilmerkmal des Badensers, der sich hineinschreibt in komponierte Passagen, in sichere Metrik, in beinahe antikes Versmaß: »Sie sagte zu mir: Ich freu mich. Ich zog mein Gesicht in verwunderte Falten. Und sie: Als sie mich auf der Gästeliste entdeckt habe, habe sie darum gebeten, mit mir an einem Tisch zu sitzen. Und sagte Strandhafer. Ja, sagte ich, das ist ein vernichtendes Schicksal, wenn man erlebt, was man in vierzig Jahren gemacht hat, zusammenschnurrt auf ein einziges Wörtchen.«

     

    Typisch desgleichen die gedehnten Gedankengänge, die akribische Genauigkeit, die beinahe enervierende Ausführlichkeit: »Lieber Basil Schlupp, unsere Rechtfertigung war die Aussichtslosigkeit. Weil es aussichtslos war, durfte es sein. Wir haben beide mit dem ALS OB gespielt. Wir haben geflirtet mit der Unmöglichkeit. Andere geben sich anders. Wenn die Menschen so toll wären, wie sie sich geben, müsste es längst anders zugehen in dieser Welt. Das kann daran liegen, dass die musterhaft Auftretenden die Weltherrschaft noch nicht übernommen haben. Zum Glück!«

     

    Die Fülle der Gedanken, Überfülle, der Gebrauch von Floskeln, wiederholtes Aufgreifen von Gedanken – Martin Walser versteht es immer wieder, einzelne Gedanken zu ziselieren, aufzudröseln, sie zu weiten, umzulenken, zu vervielfachen, sodass die Briefe wirklich zum Abenteuer werden und ein menschliches Leben ausleuchten. Beinahe süß könnte man Walsers Sammlung von Grußfloskeln nennen, würden sie nicht als eine Art Quintessenz die Tiefe der einzelnen Briefe ausloten. So nähert sich Walser langsam in diesen Anreden der unendlich Fernen, und so steigert er sich in seiner Walserschen Wortgewalt: »Ihr Basil Schlupp«, »Ihr Nominierter«, »Es grüßt Sie der Verratssüchtige«, »Ihr Anempfinder«, »Ihr heute Ausgelieferter«, »Ihr vom Glück gestreifter Basil« u.s.w.

     

    Und Walser wäre nicht der Künstler, würde sich das Thema der Aussichtslosigkeit nicht auch in einzelnen Paarungen widerspiegeln: So wird das Briefverhältnis von Basil Schlupp und Dr. Maja Schneitlin auch in Iris merkwürdiger Rückwendung zu ihrer ersten Beziehung mit Beatus Niederreither gedoppelt. Und in Kanada wird der Trekking-Reisende Christopher McGee Maja Schneitlin ähnlich merkwürdig nachreisen und sie in Zettelbotschaften verehren. Und selbst die zerbrochene Freundschaft zwischen Korbinian Schneitlin und Ludwig Froh kann in diesem Spannungsfeld der Doppelungen gelesen werden. Auch hier ist es die Unmöglichkeit der Beziehung und die Überhöhung in einer Kopfgeburt Korbinian Schneitlins.

     

    Und in letzter Konsequenz führt Walsers Dreizehntes Kapitel geradlinig in die Untiefen menschlicher Existenz: Besticht der erste Teil stellenweise noch durch eine gewisse Komik, die durch die Unbeholfenheit Schlupps erzeugt wird, so wandelt sich diese spielerische Leichtigkeit im zweiten Teil komplett. Gibt im ersten Teil noch Schlupp den Ton an, verschiebt sich das Gewicht im zweiten auf Dr. Maja Schneitlin, die Schlupp in einem ihrer Briefe die Krebsdiagnose ihres Mannes mitteilt. Ihre Briefe geben Zeugnis von der letzten Radtour durch die Wildnis Kanadas – eine Expedition in das ungesicherte Terrain des mit dem Tode Ringenden. Diese Zeit wird nicht nur kräftemäßig für Maja zur existenzbedrohlichen Strapaze.

     

    In diesem zweiten Teil gerät ebenfalls die Form des Briefwechsels aus den Fugen. Wie in Schuberts Unvollendeter wird das erste impulsive, hochdramatische Allegro des Anfangs im umschmeichelnden Dreiviertel-Takt des Nebenthemas aufgefangen, diese Unbeschwertheit jedoch in das trügerische – und ganz und gar nicht harmlose – meditative Andante con moto des zweiten Satzes gewandelt. Martin Walser verordnet in diesem zweiten Teil des Dreizehnten Kapitels dem Protagonisten Basil Schlupp Schweigen. Schlupp muss lesen.

     

    Es sind die fesselnden Botschaften von der Adventure-Tour durch die Wildnis Kanadas, die Maja Schneitlin auf ihrem iPhon aufzeichnet – betreibt Walser hier offene Schleichwerbung oder setzt der mit Lorbeeren überhäufte Autor jetzt schon gar auf eBooks? Es sind Lebenszeichen einer Frau, deren Mann ums Überleben kämpft und der »eine Affäre mit einer schrecklichen Anderen« gehabt hatte. Und am Ende dann Walsers Kunstgriff. Er zitiert noch ein letztes Mal die Lektüre aus Kindheitstagen, vielleicht seinen eigenen Traum vom großen Abenteuer, ein atavistisches Aufbäumen mit Buck aus dem Ruf der Wildnis: »the blood lust, the joy to kill ... an ecstasy that marks the summit of life, and beyond which life cannot rise.«

     

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