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    Montag, 21. August 2017 | 17:52

    Georges Perros: Luftschnappen war sein Beruf

    01.10.2012

    Seltsamer Vogel mit gestutzten Flügeln

    Anne Weber versucht, uns Georges Perros & seinen »Gedichtroman« nahe zu bringen. Seit die zwar in Offenbach geborene, jedoch schon sehr lange in Paris lebende Anne Weber Pierre Michon mit seinen wunderbar dichten Erzählungen Leben der kleinen Toten für uns zum Leben erweckt hat, tat man gut daran, diese vorzügliche Übersetzerin im Auge zu behalten. Auch als Autorin von eigenen Gnaden ist Anne Weber mit schmalen Romanen hervorgetreten. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Was von ihr übersetzt wurde, war wohl von ihr auch ausgewählt. Ich vermute es zumindest jetzt bei dem »Gedichtroman« von Georges Perros, der den deutschen Titel Luftschnappen war sein Beruf trägt. Das ist ein Zitat des in Paris geborenen, aber am äußersten westlichen Rand der Bretagne die meiste Zeit seines Lebens (1923/78) gelebt habenden Autors, der eine Zeit lang Schauspieler an der Comédie francaise war, bevor er sich als bescheiden lebender Literat mit Frau & drei Kindern in das bretonische Fischerstädtchen Douarnenez zurückzog.

     

    Der seltsame Mann war offenbar so etwas wie eine französische Variation des Schweizer Dichters Robert Walser & gehörte zu einer eigenwilligen französischen Literatenspezies, die sich eher im Verborgenen aufhält oder mit einem schmalen Oeuvre ausgefallenen Charakters hervortut. Zu diesen seltsamen literarischen Vögeln gehörte z.B. Jean Paulhan oder auch der Romancier & Essayist Julien Gracq & heute vielleicht auch ein Autor wie Jean Rolin.

     

    Georges Perros war jedenfalls bislang  bei uns unbekannt, bis ihn nun Annes Weber mit ihrer Übersetzung seines »Gedichtromans« samt erklärenden Anmerkungen & einem kundigen Nachwort bei uns vorstellte.

     

    Nun ja, eine gewisse Vorstellung gewinnen wir durch dieses übersetzerische Vabanque-Unternehmen  von Perros & seiner poetischen Haltung zum Leben, in dem er sich fremd fühlte, weil er »nur vom Hörensagen« von seiner Geburt weiß, obwohl er ja »dabei gewesen« ist. Auch er scheint einer jener »Kleinen Toten« gewesen zu sein, von deren Leben Pierre Michon so eindrücklich erzählt.

     

    Aber trotz Anne Webers übersetzerische Kunst & persönlicher Empathie: Der Poet mit seinem »Gedichtroman« bleibt uns fern & das ganze hochherzige literarische Unternehmen zutiefst problematisch. Ein  seltsamer Vogel mit gestutzten poetischen Flügeln.

     

    Lyrik zu übertragen, ist ohnehin an der Grenze des Möglichen, eine so umfangreiche Komposition wie das in Gedichtform(en) gebrachte Leben des Autors kann dessen Faktizitäten  in die andere Sprache hinüberretten, aber die Formen, in denen es der Autor gegossen & lyrisch beschwört hat, sind nicht zu übersetzen.

     

    Das wirkt bei dem ganz der Schlichtheit seine banalen Lebens zugewandten Autor – im Gegensatz zu der von ihm verehrten Lyrik Hölderlins – umso grotesker, als seine Sätze, wenn sie gewissermaßen sich in klarem Licht präsentieren, sehr prosaisch sind. Da erscheint schon ein Gedicht wie das folgende hochpoetisch: » Mein Vers ist Hase ist Schildkröte / Hier Frettchen dort Schnecke / er läuft und rutscht oft aus / denn Leben ist Bananenschale/ und gelangt vorwärts nach / eignem schlendernden Belieben«.

     

    Es gibt einige solcher lyrischer Momentaufnahmen in dem »Gedichtroman«. Der Titel verspricht jedoch mehr Poesie & literarisches Wagnis, als er de facto halten kann. Indem ich meine Reserve gegenüber dem um seinen lyrischen Mehrwert notwendigerweise verminderten Buch zu formulieren versuche, bemerke ich, dass ich es denn doch lieber gelesen als ich es jetzt in Erinnerung habe. Was nun doch auch wieder für es spricht; aber bloß flüsternd.

     

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