TITEL kulturmagazin
Montag, 27. März 2017 | 20:29

Rayk Wieland: Kein Feuer, das nicht brennt

17.09.2012

Ein schwereloser Findlingsblock des Witzes

Der Vorname des in Leipzig geborenen & nun bei Hamburg lebenden Autors ist so selten wie seine spezifische literarische Begabung. Rayk Wieland – auch sein Nachname hat einen einzigartigen literarischen Vorgänger – scheint nämlich eines der raren sowohl intelligenten als auch ironisch-humoristischen Talente zu sein, mit denen die deutsche Literatur nicht gerade gesegnet ist. Ebenso seltsam & aus dem geläufigen Sprach-Rahmen fallend ist die zweifache Verneinung des zweiteiligen Titels des hier anzuzeigenden Romans: Kein Feuer, das nicht brennt. Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Im Buch selbst wird das Paradox erklärt: Es handelt sich um ein Video, auf dem ein Kaminfeuer vor sich hin brennt & suggeriert, es handele sich realiter am Ort seiner Bildschirm-Erscheinung um ein Feuer in einem Kaminfenster.

 

Das eigenartige Sprachbild metaphorisiert das Thema des Romans, dessen (erzählender) Held »W.« – wie der Anfangsbuchstabe des Nachnamens des Autors – ein »Reisereporter« aus dem Ex-Ostberlin ist, der für seine Reportagen von allen Ecken der Welt (zuletzt: Nordkorea) nicht gereist ist, sondern sie aus vorhandenem Material (Reisebücher, Lexika, Internet) für eine International Geographic Revue (eine Fiktionalisierung von Geo) zusammenrecherchiert & -phantasiert hat.

 

Als sich der nordkoreanische Botschafter in Berlin aber meldet & versichert, dass »W.« nie den Boden seines Landes betreten habe, gesteht der Reisereporter dem empörten Zeitschriftenchef Andersheim, dass alle seine dort mit großer Leserresonanz publizierten Reportagen aus z.B.  Guadeloupe, Ramallah, Omsk, Wien, Madagaskar, Castelvetrano, Montreux & Kolberg auf die gleiche Art & Weise zustande gekommen sind.

 

Der Ost-Berliner hat die nach dem Ende der DDR mögliche Reisefreiheit – die seine Landsleute sofort in die Spur der westdeutschen »Reiseweltmeister« versetzt hatte, noch nicht einmal dazu gebracht, die DDR-Grenze zu überschreiten, schon gar nicht in Berlin, wo er sich penibel an den mittlerweile fiktiv gewordenen Verlauf der Mauer gehalten hatte. Erst als er nun – vom empörten Andersheim in die Westberliner Redaktion des angesehenen Reisemagazins bestellt – mit dem Taxi, das angeblich von dem ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer gefahren wurde, der bekanntlicherweise während seiner Frankfurter Spontizeit auch einmal Taxifahrer gewesen ist, in einen Verkehrsunfall verwickelt wird, wacht er im Kreuzberger Urbankrankenhaus, vulgo: im Westen auf.

 

Weder »W.« noch sein Autor Wieland, der »gelernter Reisereporter« (Klappentext) sein soll, sind  DDR-Nostalgiker; der Ostberliner Schriftsteller, von dem wir einmal annehmen, er sei, was er zu sein behauptet, lässt  seinen »Reisereporter« sich aus dem längst vorhandenen Wissens-Fundus bedienen. Genauso wie kürzlich der Schweizer Hollywood-Korrespondent Tom Kummer für seine vorgeblichen Interviews mit Prominenten aus dem Fundus der bereits früher von ihnen geäußerten Meinungen & gegebenen Antworten geschöpft hatte.

 

Rayk Wieland parodiert mit dem fiktiven Reisejournalismus seine Protagonisten den »Authentizitätsfetischismus« der ubiquitären Medien & den massenhaften Welttourismus, der (wie Enzensberger schon früh diagnostizierte) auch noch den letzten, bislang verborgenen Flecken durchwühlt.

 

W.: das ist die postmoderne, humoristisch-philosophisch-humanistische Rechtfertigung des Borderline-Journalismus, die poetische Transzendenz des Journalismus & dessen Fort- & Ersetzung in Literatur, kurz: in die scheinbare Faktizität des Real-Fiktiven.

 

Rayk Wieland treibt das Spiel mit »Wahrheit« & »Lüge«, Selbst erlebtem & Nachempfundenem & Erfundenem nicht allein in der Binnenwelt der Erzählung, die »W.« nicht nur in die zu einem Hostel umfunktionierte Berliner Botschaft Nordkoreas, sondern sogar auch noch als Besucher einer ehemaligen Freundin, die heute in Shanghai lebt, bis nach China & dessen »Mutter aller Land-Mauern« gelangen lässt. Wenn Wieland als Autor versichert, dass es »den Mond über Shanghai gegeben habe«, soll wohl damit durch die Blume gesagt sein, dass er als Autor wirklich in China gewesen ist. Da aber Marco Polo in seinem China-Bericht die doch unübersehbare Mauer nicht erwähnt, fragt sich W. ob der berühmte Vorläufer wirklich in China gewesen oder (auch) er schon ein literarischer Flunkerer gewesen sei.

 

In seiner Danksagung am Ende des Buches erwähnt Rayk Wieland nicht Jean Paul – weil er wohl das größte Imaginationsgenie der deutschen Literatur gar nicht kennt, wenngleich der Goethe-Zeitgenosse z.B. am Anfang seines Romans Titan die Isola Bella im Lago Maggiore vor unseren staunenden Augen erstehen lässt, als habe er sie selbst in Augenschein genommen & quasi abgefilmt. Dabei ist er nie aus Deutschland herausgekommen; und in Jean Pauls Giannozzo erscheint die Erde, wie sie erstmals Luft-, bzw. Raumfahrer unserer Zeit mit eigenen Augen sehen konnten. Der fränkische Autor war nämlich ein »Reisereporter« der Phantasie – bevor seinesgleichen Rayk Wieland erfinden konnte.

 

Aber Xavier de Maistre wird unter den Anregern des Buchs genannt. Der literarische Kenner weiß, dass es sich dabei um den Autor eines ebenso merk- wie denkwürdigen literarischen Exzentrikums handelt: um das kleine Buch Reise um mein Zimmer.

 

Kein Feuer, das nicht brennt ist mit dem von ihm variantenreich & ironisch-humoristisch durchgespielten Thema ein ebenso leichtfüßiges wie philosophisch weitreichendes Buch des Gedankenspiels. Ein schwereloser Findlingsblock des Witzes & der Ironie.

 

Obwohl, wie der Autor am Ende mitteilt, »dieses Buch eine Weiterführung des Romans Ich schlage vor, dass wir uns küssen ist & es nahe liegt, dass das Lektorat das ursprüngliche Manuskript aufgetrennt & zweigeteilt hat, bietet der nun angeblich bloß fortgeführte Roman einem auf Sprache & Phantasie erpichten Leser großes Amüsement, wenn auch die Shanghai-Episode samt Chinesischer Mauer wie ein angepapptes Füllsel auf gesenktem, will sagen auf banalem Niveau wirkt.

 

Es würde mich nicht verwundern, wenn eines Tages auch dieser Schriftstellername sich als Fake herausstellte. Das scheint ja derzeit geradezu eine deutsche literarische Modeerscheinung zu sein. Gleichwohl: Der Autor, wer er auch sei, ist ein erfreulich Trouvaille unserer jungen Literatur.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Tage, Tage, Jahre

Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

Seitenhiebe

Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

Von STEFAN HEUER

Mr. Charms ist nicht zu fassen!

Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

Die Jugend endet auf dem Campingplatz

Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

Die böse Schlange
und das weiße Kaninchen

In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

Wer will fleißige Handwerker sehn

Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter