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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. April 2017 | 23:02

    Tobias Sommer: Dritte Haut

    24.09.2012

    Sexyboy27 und sein Treiben bei Nacht

    Tobias Sommer und sein Roman Dritte Haut über die Wahrheiten unter den Häuten.

    Rezensiert von STEFAN HEUER

     

    Ach ja, wie wunderbar unbeeindruckt von politischer Korrektheit konnte man als in den 1980er Jahren aufwachsender Teenager noch das Wort »Neger« gebrauchen. Man aß Negerküsse und Negerbrote und durfte einen Freund, der um einen Gefallen bat, schon mal mit einem »Bin ich dein Neger, oder was?!« in die Schranken weisen – harmlos und ohne rassistische Hintergedanken gebraucht, bereitete uns dieses Wort ebenso viel Vergnügen wie das in jedem Satz auftauchende »geil«. Wie gesagt, hatte das Wort »Neger« für mich und meine Altersgenossen keinerlei negativen Beigeschmack, es gehörte ganz selbstverständlich zu jener Sprache, in der ich als kleines Kind »Mecki bei den Negern« gelesen und später »Zehn kleine Negerlein« im Fernsehen gesehen hatte.

     

    Nun: Die 1980er Jahre sind vorbei, und vieles hat sich geändert. Im Zuge rechtsradikaler Gewalttaten und Schmähungen ist der Begriff »Neger« in Verruf geraten. Als würde es an der braunen Scheiße in einigen Köpfen etwas ändern können, haben auch die Sprachfaschisten nicht lange auf sich warten lassen und Negerküsse zu »Schaumküssen mit Schokoladenüberzug« erklärt, das gute alte Negerbrot zur »Togo-Schnitte«, und angeblich sollen auch Theatermacher ernsthaft überlegt haben, sich dem Diktat der ach so korrekten Zeit zu beugen und Agatha Christies wunderbares Stück als »Zehn kleine Schwarze« auf die Bühne zu bringen. Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so blöde wäre.

     

    Geheime Talente?

    Das Wort »Neger« wäre also entsorgt, auch »Penner« sind in Obdachlose verwandelt worden – bleiben noch die Behinderten. Wohl kaum ein Wort, um das es in bestimmten Kreisen zur Zeit eine größere Diskussion gäbe. »Behinderung« klänge ja so negativ, meinen viele. Ja Scheiße, natürlich ist eine Behinderung negativ! Aber man solle doch bitte schön das Positive herauskehren, sagen die Schützer der Moral, man könne stattdessen doch auch »Menschen mit anderen Fähigkeiten« oder »Personen mit besonderen Bedürfnissen« sagen. Ja, ich gebe zu: das könnte man sicher. Man könnte auch »Brot« zu Blumen sagen, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

     

    Aber zurück zu einer Person mit besonderen Bedürfnissen, denn um genau eine solche Person handelt es sich bei Louis Sebastian M., dem Hauptprotagonisten in Tobias Sommers 2011 erschienenem Roman Dritte Haut. Wäre er in einem alten Edgar Wallace-Film noch entmündigt und in ein Sanatorium eingewiesen worden, hat sich die Behandlungsstrategie inzwischen geändert.

     

    Der vorangestellte Abdruck eines Zeitungsartikels mit der Überschrift »Arbeitsplätze für geheime Talente« erklärt die Ausgangslage: ein gemeinschaftlich von Jugendamt, Sozialpädagogen und Psychologen ausgearbeitetes Förder- und Integrationsprogramm für (wie es hier heißt) geistig und körperlich benachteiligte Menschen, das es ihnen ermöglichen soll, aktiv am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Zu diesem Zweck hätten sich einige Betriebe im in polnischer Grenznähe gelegenen Beeskow bereiterklärt, der Zielgruppe mittels Praktikum einen Einblick zu gewähren; ein Lebensmittelhändler, das Finanzamt, Restaurants, Hotels – darunter auch das Hotel Mojduch, von dem im Kommenden die Rede sein wird, denn eben hier absolviert der an einer multiplen Persönlichkeitsstörung leidende Louis sein Praktikum.

     

    Erinnerung im Tattoo?

    Tobias Sommer verliert nicht viel Zeit. Er installiert seine Hauptfigur als Ich-Erzähler, und dieser braucht nur drei rasante Seiten um klarzumachen, wer im Hotel das Sagen hat. An den ersten beiden Tagen seines auf maximal zwanzig Monate ausgelegten Praktikums beschränkt er sich noch auf das Leeren von Mülleimern und das Verteilen von Schokoladentäfelchen, die Gästezimmer sind für ihn tabu. Bereits am dritten Tag aber teilt er mit, dass der eigentliche Hotelbesitzer samt Familie auf unbestimmte Zeit verreist sei und er das Regiment übernommen habe.

     

    An dieser Stelle kommt erstmals Verwunderung auf, aber mehr wird dazu nicht gesagt, wohl aber, dass unsere Person mit den besonderen Bedürfnissen fortan über die der deutschen Sprache nicht mächtigen Zimmermädchen und den Koch zu befehlen hat (dem er aber nur noch eine Woche Gnadenfrist zu geben bereit ist, bevor er ihn rauswirft) und die Auswahl der richtigen Gäste als seine wichtigste Aufgabe ansieht, denn längst nicht jeder ist willkommen und darf bleiben. Alleiniges Auswahl-Kriterium ist ihm dabei nicht ein pralles Portemonnaie, sondern vielmehr, ob sich hinter dem jeweiligen Gast eine spannende Lebensgeschichte zu verbergen scheint.

     

    Von jedem ihm interessant genug erscheinenden Gast erhofft er sich ein weiteres Puzzleteilchen, das ihm dabei helfen soll, sich sein eigenes, von den Ärzten als »komplex« bezeichnetes Leben zu erklären. Um seine Forschungsergebnisse zu dokumentieren, hat er damit begonnen, sich die vermeintlich wichtigsten Biografien als Strich auf den Arm zu tätowieren – von diesem sich Strich für Strich vervollständigenden Barcode erhofft er sich Auskunft über sein eigenes Leben.

     

    Unterstützung bei der Führung des Hotels (von dem schnell klar wird, dass es sich aufgrund der spärlich eingerichteten und schmutzigen Zimmer, des doch mehr als eingeschränkten Services und der drei aus Pappe und Alufolie selbstgebastelten Sterne an der Fassade eher um eine billige Absteige als um ein Hotel handelt) erhält er von einem hinkenden, wie ein Schatten an ihm klebenden Jungen, von dem er nicht viel weiß, eigentlich nur, dass er scheinbar seine Gedanken lesen kann, so dass es ihm möglich ist, auf ungestellte Fragen zu antworten und Louis’ Gedankenfäden weiterzuspinnen.

     

    Billige Absteige, billige Gäste, und so sind es keine Wirtschaftsbosse, die ein Zimmer verlangen. Ausschließlich die seltsamsten Gestalten versprechen den nächsten Strich auf dem Arm, und so füllen sich die 15 Zimmer des Hotels dank strenger Auswahl nach und nach mit den merkwürdigsten Gestalten. Eine mit einem stattlichen Körper versehene osteuropäische Hure (die konsequenterweise in Zimmer 15 untergebracht wird, dessen Wände über genügend Ritzen und Löcher verfügen, um sie, nun ja, genauer betrachten zu können) ist ebenso dabei wie eine Frau, die sich als Raumkünstlerin bezeichnet (und Louis dazu inspiriert, das Hotel nach und nach zu einem sich stetig verändernden Kunstwerk machen zu wollen).

     

    Journalisten tauchen auf, ein angehender Lehrer, der in seiner Jugend von anderen Jugendlichen gemobbt wurde und damals seinen Selbstmord vortäuschte, um anschließend ein neues Leben beginnen zu können; ein weiterer Gast, der sich als Geschäftsmann ins Gästebuch einträgt, dessen Äußeres jedoch eine ganz andere Sprache spricht. Weitere Gäste sind eine baskische Terrorismus-Sympathisantin, ein jüngeres Paar mit Tochter (das zunächst im Grunde zu normal wirkt, aber das klärt sich dann auf), eine ältere Frau, die im Hotel ihre letzte Reise antreten möchte. Ich möchte nicht alle aufzählen, aber es ist wirklich ein bunter Haufen. Und sie alle sind auf ihre Art selbst auf der Suche nach Antworten, sind Suchende, suchen sich, das Glück...

     

    Wie man vermutet: Dritte Haut ist kein Märchen im klassischen Sinne, und so führt ein Jugendlicher mit besonderen Bedürfnissen das Hotel auch nicht glücklich und zufrieden bis in alle Ewigkeit. Sprachlich virtuos leitet Sommer ein Ende ein, das es in sich hat. Klang bis hierhin skurril? Ein bisschen dubios? Mag sein, aber das Ende bringt Licht in die Angelegenheit, ein wenig wie bei Pulp Fiction, wo es ja auch des Endes bedarf um zu wissen, warum ein auf dem Klo erschossener Vincent Vega dann doch wieder in frischen Sportklamotten auftaucht.

     

    Ein feines, gut konstruiertes und mit zunächst belanglos scheinenden eingestreuten Zeitungsmeldungen clever collagiertes Buch, das sprachlich beeindruckt. Hoch anzurechnen und gut für das Buch, dass Tobias Sommer der Versuchung widersteht, die Story zeilen- bzw. seitenschinderisch auszuweiten. Es wäre ihm ein Leichtes gewesen, noch weitere Personen in das Hotel einziehen zu lassen, und jeder neue Gast hätte mühelos 7 oder 9 weitere Seiten an der Rezeption abgeben können. Die Geschichte aber ist so rund genug, runder als rund geht nicht, und deshalb war es nur gut und konsequent, den Roman nach 155 Seiten zu beenden.

     

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