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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:38

    Alan Pauls: Geschichte der Haare

    17.09.2012

    Frisuren als Spiegelbild

    »Kein Tag vergeht, an dem er nicht an seine Haare denkt.« – So wenig spektakulär eröffnet der argentinische Schriftsteller Alan Pauls seinen neuen Roman. Doch nur wenige Zeilen später, der Protagonist hat gerade einen Friseursalon betreten, entführt uns der 53-jährige Autor in einen endlosen Strom von Assoziationen, Rückblenden, Erinnerungsfetzen und vagen Andeutungen. Gelesen von PETER MOHR

     

    Die namenlose männliche Hauptfigur hat die vierzig überschritten, lebt in einem der vornehmen Stadtviertel von Buenos Aires und wurde gerade von seiner Frau verlassen, die auch noch den Hund und fast das komplette Mobiliar mitnahm. Doch es kommt noch schlimmer: Auch sein Friseur Celso, »einer der schwulen Friseure, die sich die Wirklichkeit ausgedacht hat, um das Klischee zu bestätigen«, ist plötzlich verschwunden. So beschließt der Protagonist erst einmal, seine Haare wachsen zu lassen, bis er sich irgendwann wie ein »wandelnder Molotov-Haarcocktail« fühlt.

     

    Da wird sogleich ein Erinnerungsfluss in Gang gesetzt, der in die Jugend der Hauptfigur zurück führt, in die Zeit der blutigen Militärdiktatur und seines pubertären Lockenschopfs, den er (den Moden der Zeit gehorchend) so liebend gern gegen eine Afrolook-Frisur à la Angela Davis getauscht hätte.

     

    »Distanz ist für mich die wichtigste Tugend. Wenn sie keine Distanz haben, können sie nichts erkennen und nicht reflektieren«, hatte der Romancier Alan Pauls 2010 in einem Interview erklärt. Seine eigenwillige Form der Distanzierung drückt sich formal in der kühnen Konstruktion aus, die Frisuren als Spiegel des gesellschaftlichen Lebens zu instrumentalisieren. Hinter der zur Existenzkrise aufgebauschten Frage nach der richtigen Frisur verbirgt sich (beinahe folgerichtig) ein verschleiertes politisch-philosophisches Bekenntnis.

     

    Das geschieht bei Alan Pauls, der von seinem chilenischen Kollegen Roberto Bolaño als »einer der größten lebenden Autoren Südamerikas« gerühmt wurde, in langen, oft über mehrere Seiten verschachtelten Sätzen. Nicht die Gesetze der Logik, nicht eine stringente Handlung, sondern das freie, assoziative Denken bestimmt den Duktus. So lernen wir zwischen Afrolook, Igelschnitt und Föhnfrisur auf ganz verspielte Weise am Ende doch einiges über die jüngere argentinische Geschichte.

     

    Nicht dogmatisch mit dem Holzhammer, sondern hoch artifiziell verabreicht. Alan Pauls' Bücher eignen sich aus diesem Grund auch nicht für die schnelle Zwischendurch-Lektüre. Man muss bereit sein, sich auf sein verschlungenes Denken einzulassen und in Kauf nehmen, manche Seite zweimal lesen zu müssen. Auch der Schluss lässt den Leser beinahe verzweifeln, man wäre geneigt, zu sagen, sich die Haare zu raufen: »Rasier mir den Kopf, aber wirf die Haare nicht weg. Ich nehme sie mit.«

     

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