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    Montag, 24. April 2017 | 23:03

    Stefano Benni: Brot und Unwetter

    10.09.2012

    Eine (mehrfache) Zumutung

    Dieses Buch ist eine Zumutung. Nicht in dem Sinne wie Prousts Recherche oder Brochs Schlafwandler-Trilogie eine Zumutung für die Geduld oder die philosophischen Kenntnisse ihrer Leser sind. Die 297 Seiten von Stefano Bennis Roman Brot und Unwetter sind im Vergleich dazu »Peanuts«. Sie stellen keine intellektuellen Anforderungen an die Leser, die zu dem Buch gegriffen haben, weil sie sich, darin eine Hommage an die italienische Bar versprochen hatten. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Die Bar – zumeist mit dem Zusatz »Centrale« oder wie in diesem Buch: mit dem Zusatz: »Sport«- ist ein einzigartiger gesellschaftlicher Mythos & Sammelplatz des kommunikativen Austauschs in Italien. Selbst unsere sprichwörtliche »Eckkneipe« kann es mit diesem magischen Ort nicht aufnehmen, der noch vor Kirche & Rathaus Kreuzung & Treffpunkt für die Bewohner der jeweiligen Ortschaften ist. Hier sehen sich alle täglich auf  einen Espresso oder Grappa, hier kursieren die Gerüchte und der Tratsch.

     

    In dem fiktiven kleinen Dorf Montelfo soll die auf der zentralen Piazetta gelegene »Bar Sport« einem gigantischen Einkaufszentrum weichen. Das erregt den Unwillen aller Stammgäste. Aber wer sich jetzt einen Roman erhofft hatte, der symbolisch »das alte Italien« im erfolgreichen Kampf gegen den Angriff des turbokapitalistischen Italiens der Globalisierung feiert, sah sich sogleich enttäuscht.

     

    Und je länger er las, desto befremdlicher wurde ihm Stefano Bennis Brot und Unwetter. Schon der Titel ist rätselhaft & so bizarr wie die literarische Methode des 1947 in Bologna geborenen Autors, der offenbar als Erzähler nach dem wurschtig-anarchistischen Slogan »Anything goes« des Philosophen Paul Feyerabend verfährt. Denn bald nach Beginn der Lektüre fühlt man sich in ein Kinderbuch versetzt, in dem die Figuren sprechende Namen wie z. B. »Trincone der Stier«, »Archimedes Archivio« oder »Bum, Bumm Delirio« tragen & ein »weißgekleidetes Mädchen mit blondem Engelhaar« natürlich Alice (wie die Titelheldin des »Wunderlands«) heißt.

     

    Dann bewegt sich die Geschichte der Freunde der »Bar Sport« in Montelfo, erzählt von einem sich alles erlaubenden auktorialen Erzähler, ins Märchenland, wenn von Fen das Phänomen, dem »klügsten Hund der Welt«, die Rede ist, der die menschliche Sprache versteht & magische Kräfte besitzt. Er wird zuerst als hässliche Promenadenmischung vorgestellt, entpuppt sich dann aber als letztes Exemplar der uralten, adligen Rasse des »Timur Tatar Moghul Wolfcamel«, die einst mit Tamerlan aus Asien in Europa eingefallen war.

     

    Märchen ja – aber doch »für Erwachsene«. Nicht wegen der grobianischen Furzereien, die gelegentlich die sprachkünstliche Welt durchwehten, sondern auch wegen der z.B. eindeutigen Erotik, mit der Fen durch das Abschlecken und Poposchnüffeln der Hundedame Kiki wieder auf Trab gebracht wird. Die Namen Gault und Millau für zwei andere Hunde, denen »unvergleichlicher Spürsinn« nachgesagt wird, fungiert als Augenzwinkern unter lesenden Gourmet-Kennern. Dass der hinterhältige Bösewicht des Buches ein Max »Massacre« Mediamogul ist, lässt wohl auch noch den erkennbar camouflierten Silvio Berlusconi in Stefano Bennis Brot und Unwetter auftreten.

     

    Obwohl Bennis literarischer Streifzug sowohl bei Walt Disneys Erfindungen vorbeischaut, als auch gelegentlich das zitierte Latein des Heiligen Augustinus unübersetzt lässt, schraubt sich sein episodenreicher Roman immer wunderlicher in eine künstliche Welt ein, die mit satirischer Verve, humoristischer Laune & phantasiereicher Erzähllust einem apokalyptischen Finale zutreibt, aber schließlich überraschend in einem bewegendem Lyrismus endet.

     

    Man wird das erstaunliche Buch, das literarisch changiert wie ein Chamäleon, wohl trotz oder wegen der Zumutung, die es darstellt, ein Meisterwerk der Postmoderne und ein Kaleidoskop hybrider Literatur nennen müssen.

     

    So oft wie bei seiner Lektüre habe ich noch nie über ein Stück moderner Literatur den Kopf abfällig geschüttelt & mich dann doch wieder von der wild wuchernden, geradezu geil ausufernden Prosa Stefano Bennis mit- & fortreißen lassen. Möglicherweise hat der Autor künstlerisch recht, allen Realismus als untauglichen Journalismus hinter sich zu lassen, als er ein Abbild des gegenwärtigen Italiens in märchenhaften Splittern und auch aus absonderlichen Verzerrungen vor uns entfaltet; vermutlich ist sein verwirrendes literarisches Mixtum Compositum, für das er als Ahnherrn Edgar Allen Poe andeutet, sogar besonders gut geeignet, die katastrophale Lage & Aussicht seines Heimatlandes illusionslos zu beschwören. Deshalb siegt der Autor mit Brot und Unwetter am Ende  über die Zumutung, die er für den skeptischen Leser mit seinem Buch bereitet hat.

     

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