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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:34

    Philippe Grimbert: Ein besonderer Junge

    03.09.2012

    Der Kaffeesatz der Psychologen

    Philippe Grimbert, der Autor des Bestsellers Ein Geheimnis (2004), zaubert in seinem neuesten Roman Ein besonderer Junge eine nicht ganz brandaktuelle Geschichte aus dem Hut. Der französische Erfolgsautor erzählt eine Aufbruchs-, Ausbruchsgeschichte aus dem Frankreich der frühen 70er Jahre. Eine durchaus charmante Geschichte, in der dem Leser jedoch viel zu viel erklärt wird, findet HUBERT HOLZMANN.

     

    Der Protagonist in Philippe Grimberts Roman Ein besonderer Junge ist der junge Student Louis, der mehr aus Zufall aus der gesicherten Bahn katapultiert wird. Erst jetzt kann er sich von seiner Mutter ablösen, die eher blass im Hintergrund steht, und sich aus den Klauen des Vaters befreien, der sich als leuchtendes Vorbild und Übervater sieht. Da kann sein Sohn nur verlieren. Oder? Louis versucht es gleich gar nicht, in Konkurrenz zum Alten zu treten. Er ist ja nicht wie andere Jungen seines Alters – er, der »große Schweiger«, »ein besonderer Junge«.

     

    Louis ist schnell zu charakterisieren: er ist ein Außenseiter, fällt nicht weiter auf, will auch nichts Besonderes. Mit den neu errungenen Freiheitswerten der 68-Revolte weiß er wenig anzufangen, hat kaum Kontakte zu Gleichaltrigen und zeigt ebenfalls (noch) kaum Interesse für das andere Geschlecht. Und ganz wichtig: Louis ist keinesfalls auf irgendeiner Suche.

     

    So bleibt sein Blick mehr zufällig auf der Annonce am schwarzen Brett der Uni hängen. Ein erfolgreicher businessman, der wie sein Vater im neu erbauten Viertel La Défense arbeitet, sucht eine geeignete männliche Person, die seiner Frau bei der Betreuung ihres »besonderen Jungen« unterstützt. Kurzerhand ruft Louis an und erklärt sich für den Job bereit. Und was uns der Psychotherapeut und Autor Philippe Grimbert jetzt auftischt, kann durchaus als eine literarische Ratatouille bezeichnet werden – ein schmackhafter Mischmasch, aber nichts wirklich Erregendes.

     

    Die Recherche in der Kindheit

    Mit diesem Job gelingt es Louis seinem geordneten Leben zu entkommen. Er unterbricht sein Studium, muss Paris verlassen und fährt an die Küste der Normandie. Es ist fast eine Flucht, die allerdings keinen Neuanfang markiert. Louis´ Entschluss ist beileibe kein Ausbruch. Er bedeutet mehr ein Abtauchen aus der Jetzt-Zeit in seine Vergangenheit. Denn der Ort, an dem die Frau mit dem behinderten Kind lebt, ist der Urlaubsort »Horville«. Hier hat Louis als Kind die Ferien mit seinen Eltern verbracht. Horville ist dabei der in Vergessenheit geratene Name eines alten, traditionsreichen Seebads an der Côte de Nacre nahe Le Havre, das außerhalb der Urlaubssaison wie ausgestorben ist, fast verfallen, versunken wirkt, irreal, wie aus der Zeit heraus genommen.

     

    Vielleicht versteckt sich dahinter auch ein Neologismus – die Zusammensetzung aus hors »außerhalb« und ville »Stadt« – ein außerhalb der Stadt, ein Draußen. Psychologisch durchaus im Rahmen unserer Geschichte. Louis erkennt sich im Außen, im Anderen und in einem besonderen Feld des Experimentierens. Ein zunächst Handeln im Außen, in der Provinz.

     

    Louis Fahrt nach Horville wird für ihn ein Rückwärtsschreiten in seine Kindheit. Die Anfahrt wurde schon von den Eltern immer zelebriert. Wie früher nimmt Louis die Landstraße mit seinem alten 2CV. Die Anreise und auch die Stadt selbst wird zur Spiegelung en miniature der Proust´schen Recherche: das Annähern an die Stadt am Meer, das Arrangement aus Hotels, die Promenade und der Stand. Andere Details weisen ebenfalls auf das »Kaleidoskop der Kindheit« des großen französischen Meisters: Wie beim Urbild blickt Louis kurz vor der Ankunft auf eine alte gotische Kirche. Horville ist als Ort ebenso eine Gegenwelt zu Paris: ausgestorben, zum Teil verfallen, nur der Erinnerungen anheim gegeben.

     

    Ödipus oder Die Abgründe der Literatur

    Louis erlebt hier in Horville ein klassisches Déjà-vu. Die Parallelen im Roman zur seiner eigenen Biografie werden überdeutlich: Iannis, der behinderte Junge, den Louis betreut, wird in seinen Gedanken zu Antoine, dem Sohn des Hotelbesitzers, mit dem er als Kind in den langen Wochen des Sommers gespielt hat. An den verwunschenen Orten wird er »Iannis-Antoine« im Heute das ein und andere Mal wiederbegegnen. An die Oberfläche geraten allerdings mit den Erinnerungen auch die Sehnsüchte, Ängste, Fragen.

     

    In dieses Szenario hinein setzt Grimbert nun eine Kunstfigur: die Schriftstellerin und Mutter des besonderen Jungen, Helena. Fast komisch wirkt neben dieser Namensgebung auch die Tatsache, dass sie in Horville vor beinahe romantisch inspirierender Kulisse in Ruhe arbeiten will – an wie es ihr Mann nennt »speziellen Romanen«. Im Klartext heißt das, sie tippt in ihre Schreibmaschine ihre erotischen Träume. Und dabei kann ihr betreuungsintensiver Sohn ja nur stören. Ein männliches Wesen mehr im Haus – und noch dazu ein Jüngling wie Louis – stört also nicht.

     

    Und das verspricht unserem jungen Helden und uns Lesern in den nächsten Abschnitten wohl denn ein vorherzusehendes Abenteuer. Die vielleicht etwas verblasste Schönheit einer bereits etwas gealterten Helena ist jedenfalls für Louis immer noch bestrickend. Jedenfalls verraten dies seine Blicke und Einblicke: »Sie war nicht schön, doch ihr Gesicht beeindruckte mich. Ihre etwas kräftige Nase, die bittere Falte um ihren Mund und die tiefdunklen Augen [...] Obwohl sie weit über vierzig war, hatte sie sich eine mädchenhafte Figur bewahrt... [...] Dann ging sie rasch und leichtfüßig mir voraus die Treppe hinauf. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ihre zarten, von einer Jeans geformten Hüften zu betrachten.« – Wir sind also mitten in »spezieller« Lektüre gelandet.

     

    Louis unbewusstes ödipales Handlungsmuster könnte nun hier weiter ausgebreitet werden. Was der alte Jacques Lacan noch liebevoll seine »Leier« nennt, ist bei Philippe Grimbert – wie sein großes Vorbild auch Therapeut – fast ein halbes Jahrhundert später schon eine ziemlich alte Leier. Und schon gar, wenn man wie dieser die Parallelen so deutlich herausstreicht: Louis erlebt die sexuelle Vereinigung mit der ambitionierten Mutter. An seine eigene Mutter, die auch einen besonderen Jungen hat, mag er da natürlich nicht denken. Und dass er mit diesem Akt gleichfalls seinen Übervater, nein nicht erdolchen, aber zumindest hörnt, entgeht ihm ebenfalls. Nicht aber dem Analytiker und dem Leser, dem all dies nur zu dicke aufgetischt wird.

     

    Spiegelungen, Brechungen

    Louis erlebt in Horville, der Stadt, die eher einem Friedhof gleicht, schon sehr merkwürdige Dinge: Lebendig wird nicht nur seine Kindheit, zugleich sind auch die wenigen Personen, die ihm begegnen, die Schriftstellerin und ihr Sohn Iannis, äußerst merkwürdig. Realistisch hingegen dann wieder Grimberts Schilderung der Behinderung des fast Sechzehnjährigen Iannis, mit der Louis konfrontiert wird: mit dessen mangelhafter Artikulation, den extremen Verhaltensauffälligkeiten und der Abnormität des geistig Zurückgebliebenen. Wie in Ratgeberliteratur begegnen Louis einzelne Fälle: Iannis verhält sich in der Badewanne einmal wie eine Wasserleiche, beißt ein andermal Louis wie ein Säugling in die Brust, schmiert sich mit seinen Exkrementen ein oder legt sich in embryonale Stellungen.

     

    Auf den Streifzügen durch die Stadt wird Iannis´ Verhalten dann durchaus doppeldeutig und für die Erzählung bedeutsam: Einmal legt der Knabe aus Strandmaterial die Initialen von Louis Namen, zum anderen sucht er unbewusst die geheimen Orte von Louis’ Kindheit auf: Er findet am Strand die Munitionsrelikte der Alliierten, er läuft zum ehemaligen Hotel, das nun geschlossen ist, und findet den geheimnisvollen, abgesperrten »Saint-du-Loup-Park«. Iannis dringt trotz Verbots in dieses abgesperrte Gelände ein, das Louis etliche Jahre zuvor mit seinem Freund Antoine betreten hat: Für Louis tut sich ein verlorenes Paradies auf, ein vergessener Garten, ein besonderer Erinnerungsort.

     

    Wie in seiner Kindheit mit Antoine findet Louis die geheimnisvolle Grotte wieder und beide dringen in sie ein. An dieser Stelle verdreht selbst der nicht-psychologisch gebildete Leser die Augen. Wenn das nicht anderweitig zu deuten ist! Und der Leser erinnert sich: Ist in dieser Szene der Grund zu finden, weshalb vor Jahren Louis’ Eltern aus Horville unvermittelt abreisten und nie mehr nach Horville zurückkehrten? Gab es vielleicht irgendwelche homoerotischen Initiationsriten zwischen den zwei pubertierenden Knaben? Hier schweigt Grimbert. Vielleicht zum ersten Mal im Roman. Eine ersehnte Leerstelle.

     

    Hingegen breitet er Helenas versuchte Verführung von Louis oder dessen beinahe Vergewaltigung klar aus und »verrät« Ideen aus Helenas »speziellem« Werk: »Unter dem Druck ihres Körpers hatte ich keine Mittel zu widerstehen, ich war gefangen im Schraubstock ihrer Arme, die eine irrwitzige Kraft entfalteten. Sehr schnell begann sie zu hecheln, und ihr entfuhr ein kurzer Lustschrei. Ihr Körper fing an zu zittern...« Fraglich bleibt, ob Louis danach wirklich nur »ein Bedürfnis nach Unschuld und Ruhe« hat.

     

    Dieser geheimnisvolle Job hat jedoch bald ein Ende. Für Iannis ist ein Heimplatz im Ausland gefunden worden und er soll nun von Louis mit dem Zug zurück nach Paris gebracht werden. Waren die bisherigen ersten zwei Teile des Romans – Louis Leben in Paris, die Fahrt nach Horville und die Erlebnisse mit Helena und Iannis, seine Rückblicke, Erinnerungen –, wie man es gewohnt ist, im Präteritum verfasst, bricht Grimbert im dritten Teil mit diesem Prinzip: Er schwenkt ins Präsens. An diesem Punkt geschieht das wirklich Überraschende, der Ausbruch.

     

    In diese Gegenwart hinein verliert sich die Ich-Perspektive des besonderen Jungen und dieser Moment wird im Schluss als Apotheose aufgelöst: »ohne Angst vor den Konsequenzen seines verrückten Handelns, flieht der besondere Junge, der Gehemmte, der große Schweiger durch die Felder, hält die Hand eines verrückten Kindes und ist glücklich dabei.« Dem Übersetzerduo Holger Fock und Sabine Müller sei für ihre feinsinnige Arbeit gedankt. Vielleicht mag Philippe Grimberts neuer Roman Ein besonderer Junge wie schon zuvor im Jahr 2007 Ein Geheimnis als Vorlage für einen Kinofilm funktionieren.

     

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