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Montag, 27. März 2017 | 20:29

Paul Auster: Sunset Park

13.08.2012

Im Land der verschwundenen Dinge

In Sunset Park skizziert Paul Auster erneut Geschichten des Scheiterns – Zwangsräumungen, Existenznot, Verlust der Familie – auch wenn sie dieses Mal drastischer, elementarer und realistischer ausfallen.

Von INGEBORG JAISER

 

Sunset Park ist ein kleines, überschaubares, ziemlich verwahrlostes Viertel im Westen Brooklyns, zwischen 5th und 7th Avenue einerseits, 41st und 44th Street andererseits. Hier leben vornehmlich Einwanderer aus Lateinamerika und Asien: Puertoricaner, Mexikaner, Inder. Ein heruntergekommenes, leer stehendes Holzhaus in der Nähe des Greenwood Friedhofs ist Dreh- und Angelpunkt von Paul Auster`s neuem Roman: Sunset Park klingt romantisch, sehnsuchtsvoll und gefühlsträchtig – ist jedoch eine traurige Metapher für Abstieg, Verlust und Haltlosigkeit.

 

Archiv der vergessenen Habseligkeiten

Traumwandlerisch, in gewohnter Auster´scher Manier, präzise und lapidar wird das Leben des jungen Protagonisten Miles Heller vor uns ausgebreitet: aus gehobenen Verhältnissen stammend (Vater Verleger, Mutter Schauspielerin), ganz selbstverständlich mit Literatur und Sport aufgewachsen, ist der 28jährige Studienabbrecher vor 7 Jahren nach dem tragischen Tod seines Halbbruders aus New York geflohen. Jetzt arbeitet er bei einer Firma in Florida, die zwangsgeräumte Häuser entrümpelt.

 

Obsessiv fotografiert Miles die Hinterlassenschaften der vertriebenen Bewohner. »Inzwischen gehen seine Fotos in die Tausende, in seinem wuchernden Archiv finden sich Bilder von Büchern, Schuhen und Ölgemälden, Klavieren und Toastern, (…) Partykleidern und Tennisschlägern, Sofas, Seidendessous, Fugenspritzen, Reißzwecken, Plastikmonstern, Lippenstiften…«

 

Illegale Hausbesetzung

Als Miles in seinem selbst auferlegten Exil die minderjährige Schülerin Pilar Sanchez kennenlernt, verschweigt er seine Vergangenheit. Seine leidenschaftliche Liebe zu ihr und die strafbare sexuelle Beziehung zwingen ihn jedoch zur Flucht. Wieder einmal bricht er alle Zelte ab – und taucht in New York unter, im Verborgenen, in der Illegalität einer Hausbesetzung.

 

Das leer stehende Holzhaus ist ein  Tipp von Bing Nathan, einem ruppigen, schwergewichtigen Freund aus Jugendtagen, der sich grundsätzlich der modernen, digitalen Welt verweigert und eine »Klinik für kaputte Dinge« betreibt, wo er Gegenstände aus vergangenen Epochen repariert: »mechanische Schreibmaschinen, Röhrenradios, Plattenspieler, Aufziehspielzeug, Kaugummiautomaten und Telefone mit Wählscheibe.« Nach und nach gesellen sich die depressive Wohnungsmaklerin Ellen Brice und die Doktorandin Alice Bergstrom zu ihnen.

 

Jenseits aller Illusionen

Von vornherein ist das interimistische Leben in einem besetzten Haus von Vergänglichkeit und Unbeständigkeit, Heimlichkeit und Angst, Illegalität und Strafbarkeit geprägt. Die Furcht entdeckt zu werden, hängt wie ein Damoklesschwert über ihnen. In seiner Not nimmt Miles wieder Kontakt zu seinen Eltern auf, versucht sich in vorsichtigen Annäherungen und in der Aufarbeitung des Todes seines Halbbruders, für den er sich verantwortlich fühlt. Doch dramatische Ereignisse zerstören seine aufkeimende Hoffnung.

 

In seinem 16. Roman dekliniert Auster virtuos die wohlbekannten Muster und Motiven durch – Selbstverlust, Identitätssuche, Entfremdung –, um sie durch neue, brisante Themen anzureichern. Sunset Park zeigt schonungslos ein von der Finanzkrise gebeuteltes Amerika, von Geldnot und Existenzängsten geplagte Menschen, denen Freundschaft und Familie, Literatur, Film und Theater keinen Halt mehr bieten können.

 

Wenn Auster sich in den gewohnten Gefilden bewegt – die Beschreibung von Hinterlassenschaften zwangsgeräumter Wohnungen, die »Klinik der kaputten Dinge«, die Analyse alter Filme – blitzt die alte, schwebende, transzendentale Magie seiner Romane durch. Doch Sunset Park markiert auch einen unverhohlenen Blick auf eine trostlose, harsche, ungnädige Realität jenseits aller Illusionen.

 

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