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Elisabeth Tova Bailey: Das Geräusch einer Schnecke beim Essen

10.08.2012

Die wunderliche Entdeckung der Langsamkeit

Es war der Titel, der mich zu diesem Buch mit Macht, Magie & Neugier zog: Das Geräusch der Schnecke beim Essen. Sollte das etwa eine ausgefallene Metapher für – Ja, wofür – sein? Von WOLFRAM SCHÜTTE

 

Denn dass Schnecken Geräusche machen, ist ja schon kaum glaublich – auch für den, der die glibbrigen Gartenbewohner schon einmal näher & länger beobachtet hat oder sie als Gärtner hasst, weil sie, aus dem Nichts nach Regen aufgetaucht, sich gefräßig über Zier- & Nutzpflanzen hermachen & einem die schönsten gepflegten Erwartungen zunichtemachen.

 

Geräusche »beim Essen« – von diesen Schleimern? Das könnte man sich ja nur als Schlürfen vorstellen. Aber auch noch hören? 

Man kann sie in der Tat hören unter www.elisabethtovabailey.net!

Es klingt aber gar nicht nach Schlürfen, sondern nach feinstem Knabbern – mit 2640 Zähnchen, die in ca. 80 Reihen à 33 Stück auf ihrer Zunge versammelt sind, wie Elisabeth Tova Bailey sich informiert hat.

 

Sind sie nicht etwa auch die langsamsten & sowohl stillsten als auch klebrigsten Lebewesen? Wenn auch in großer Vielfalt & höchst unterschiedlichen Größen, mit Haus & ohne. Letztere werden »Nacktschnecken« genannt, weil wohl erst einmal das »Schneckenhaus« zu dieser Spezies gehört wie das Geweih zum Hirsch.

 

Vermutlich hat die im amerikanischen Bundesstaat Maine lebende Biologin & Journalistin, die für ihre Essays & Kurzgeschichten mehrfach ausgezeichnet worden sein soll, wie ihr deutscher Verlag mitteilt, so ungefähr auch lange über Schnecken gedacht.

 

Dann fing sie sich auf einer Europareise mit nur 34 Jahren einen seltenen Virus ein. Monatelang war sie zur absoluten Untätigkeit in einem aseptisch weißen Krankenzimmer verdammt; die Qual der Isolation wiederholte sich durch einen Rückfall in die rätselhafte Krankheit, nachdem sie sich schon als geheilt empfunden hatte.

 

Da bringt ihr, die man sich in einer Becketthaften Immobilität ohne Aussicht auf die Welt draußen oder eine Heilung vorstellen muss, eines Tages eine Freundin ein kleines, im Wald aufgelesenes Ensemble von Pflanzen mit, das eine Schnecke bewohnt und das nun für Elisabeth Tova Bailey sozusagen zum Weltinnenraum wird. Das Terrarium, das die Kranke zuerst als ein absurdes Geschenk betrachtet hatte, wird ihr aber zusehends zu ihrem existenziellen Bezugspunkt, in dessen täglichen Anblick sie ihre verzweifelte Lage (fern ihres geliebten Landhauses in der abgelegenen Natur) vergisst.

 

Es ist die Schnecke, die alle ihre Aufmerksamkeit auf sich zieht; und indem die unbewegliche Menschin das fremde, nachtaktive langsam sich bewegende Tier betrachtet wie im religiösen Denken Gott den Menschen & sein Treiben, erzählt die Autorin gewissermaßen  Robinson Crusoe noch einmal – allerdings auf Schneckenbasis.

 

Ernst Toller schrieb zu dem während seiner Festungshaft entstandenen Schwalbenbuch in einem Epilog: »Einen Sommer lang lebten Schwalben in eines Gefangenen Zelle. Es war Gnade für ihn. Was sie ihm schenkten, davon versuchte er zu stammeln«. Elisabeth Tova Bailey, die in einer ähnlich exkludierten Lage wie der wegen seiner Teilnahme an der Münchner Räterepublik zu Festungshaft verurteilte expressionistische Schriftsteller war, fand ihre »Schwalben« in der kleinen Schnecke, die sie nicht mehr aus den Augen ließ.

 

Als sie wieder gesundet war, »stammelte« sie nicht über ihr lebenserhaltendes Abenteuer mit der Schnecke (sie ist ja auch keine Expressionistin), sondern widmete dieser nachhaltigen Erinnerung ein fein strukturiertes, mehrteiliges Buch, dessen sechs Teile Zitate aus Haikus japanischer Dichter über die Schnecke als Motti tragen.

 

Es gleicht einer ausbalancierten Danksagung an die Gastropoden, wie der zoologische Gattungsname der Schnecken lautet. Noch während ihrer Erkrankung macht sich die unwissende Biologin kundig über die Natur & Geschichte der Schnecken. Als Leser nehmen wir sowohl Anteil am grässlichen Krankenschicksal der Autorin & ihrer langsam entstehenden emotionalen Hinneigung zu ihrer seltsamen Zimmergefährtin als auch Teil an ihren wachsenden Detail- & Allgemeinkenntnissen über ihren tierischen Reflektionsgegenstand.

 

Dessen Schleimspur führt zu Papieren, die nächtlings von dem merkwürdigen Gesellen in kleinen Quadraten löchrig gefressen worden waren. Öfter, beobachtet ihre menschliche Voyeurin, wechselt das kleine Tier seinen Schlafplatz & liebt als ein Schnecken-Gourmet den Champignon, den ihr die Beobachterin vorsetzt; und aus dem Studium der umfangreichen Fachliteratur, die  sich die beglückte Autorin in ihre Krankenzelle kommen lässt, erfährt sie z.B., dass sich Schnecken durch ihren außerordentlichen Geruchssinn orientieren, aber kein Gehör haben (jedoch durch Bodenerschütterungen erfahren, dass sich ihnen etwas nähert, füge ich hinzu) – & dass ihr zärtliches Liebesspiel stundenlang dauern oder mit Liebespfeilen ausgeführt werden kann.

 

Wenn aber kein Liebes-Partner zur schleimigen Begattung vorhanden ist, pflanzt sich der Zwitter von selbst fort – genauso wie die sanfte, mutige, entdeckerfreudige Begleiterin der Autorin, die sich dem Tier mit dem Haus auf dem Rücken bald näher fühlt als ihren menschlichen Besuchern, die sie genauso aufmerksam beobachtet wie ihre geliebte Schnecke: »Mich erstaunte, wie ziellos sich meine Besucher im Zimmer bewegten. Es schien, als wüssten sie nicht, wohin mit ihrer Energie. Sie gingen so achtlos damit um.«

 

Die achtsame Hinneigung zu einer Schnecke bleibt für die Kranke, die von ihrem 34. bis fast zu ihrem 54. Lebensjahr an dem mobilitätshemmenden Virus litt, also nicht folgenlos. Sie hat das Buch ihrer Anteilnahme am Leben einer Schnecke, von der sie sich dann genesend trennt & die sie wieder im Wald aussetzt (wie der abreisende Robinson in Bunuels Adaption des Romans seinen Hund auf der Insel hinterlässt) »der Biophilie gewidmet«.

 

Ihre ganz unsentimentale, gelegentlich humoristisch aufleuchtende »Liebe zum Leben« hat Albert Schweizer etwas pathetischer in »Ehrfurcht vor dem Leben« übersetzt. Aus dessen materiellem & spirituellem Zentrum ist Elisabeth Tova Baileys fulminantes Geräusch einer Schnecke beim Essen hervorgekommen & überrascht jeden Leser; der es aufschlägt & genauso fasziniert bei ihm verweilt wie die Autorin bei ihrer Schnecke. Aber gewiss doch!

 

P.S. Zwei Anmerkungen: Haben Schnecken wirklich Augen, wie die Autorin anzunehmen scheint? Warum isst die Schnecke auf dem Titel des Buches und warum frisst sie im Buch?

 

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