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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:33

    William Faulkners vielstimmiger Roman "Als ich im Sterben lag" liegt in einer neuen Übersetzung vor

    30.07.2012

    Sterben & Leben im »Bible Belt«

    Der 50. Todestag William Faulkners dient scheinbar als Anlass, seinen 1930 erschienenen Roman “As I lay dying” in der Neuübersetzung von Maria Carlsson deutschen Lesern (wieder) vorzulegen. Jetzt fallen keine Copyright-Kosten mehr an die Erben des 1962 gestorben Literaturnobelpreisträgers von 1949. Deshalb wohl erlaubt sich nun Rowohlt, bei dem schon früh – noch während der Nazizeit (!) – der amerikanische Autor  erstmals auf Deutsch erschienen war, Faulkner in neuen Übersetzungen zur »Wiedervorlage« bei unseren Lesern zu bringen. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Denn in der Bundesrepublik hatte der Henry-Goverts-Verlag Rowohlt in der Faulkner-Edition abgelöst, und später hat Daniel Keel die gesamte Govert-Ausgabe als Taschenbücher jahrelang am Markt gehalten.

     

    Nun gibt es, nach dem von Helmut Frielinghaus & Susanne Höbel neu übersetzten Licht im August und jetzt mit Als ich im Sterben lag, den großen Amerikaner wieder im Hardcover bei uns. Offenbar rechnet Rowohlt mit einer Neu-, bzw. für eine junge Generation, mit einer Erstentdeckung des großen Südstaaten-Epikers.

     

    Wie Dostojewski einst behauptete: »Wir kommen alle aus Gogols >Mantel<«, könnten die karibischen Autoren der Südamerikaner sagen: »Wir haben bei Faulkner gelernt & Mut für die >wunderbare Wirklichkeit< geschöpft«.

     

    Der in der Provinz des amerikanischen Südstaates Mississippi 1897 geborene William Faulkner war der innovativste Epiker der Vereinigten Staaten im vergangenen Jahrhundert – ein literarisches Genie, dessen kreativer Reichtum und mythenstiftende Evokationskraft nur mit seinem Vorgänger aus den Nordstaaten der USA, Herman Melville, auf künstlerischer Augenhöhe vergleichbar wäre. Die Oeuvres beider Erzähler gehören zu den gewaltigsten Findlingsblöcken der US-Literatur; insofern ist es wenig verwunderlich, dass sie immer wieder Herausforderungen sowohl für Übersetzer als auch für Leser in Deutschland mit seiner großartigen Verlagslandschaft geworden sind, wenngleich es sich bei Melville wie Faulkner (vergleichsweise gesprochen) um epische Hochgebirgslandschaften handelt, in denen sich nur literarische Alpinisten gefahrlos aufhalten & bewegen können.

     

    Faulkner hat – wie schon der Engländer Thomas Hardy – seine Heimat und seinen Lebensraum des Näheren & Ferneren mit einem mythischen Namen ins Imaginäre transponiert. Sein amerikanischer Süden heißt Yoknapatawpha-County – wie dann sein kolumbianischer Verehrer Gabriel García Marquez seine Heimat »Macondo« nannte.

     

    Der Name des südstaatlichen Landstrichs, in dem fast alle Romane & Erzählungen Faulkners spielen, geht auf die Sprache der indianischen Ureinwohner zurück. Seine Namenswahl war glücklich, weil er damit das seiner Heimat inhärente soziale & humane Konfliktpotential – nämlich der Jahrhunderte währende Rassenkampf von entrechteten, armen Schwarzen und den dominanten Weißen  & deren düstere, sex- wie blutdurchtränkte Gewaltgeschichte – in der Schwebe eines immer wieder von Faulkner thematisierten, mythisch verdichteten »Verhängnisses« halten konnte.

     

    Gleichwohl war Faulkners epische Evokation des nordamerikanischen Südens während des schwarzen Emanzipationskampfs ab den Sechziger Jahren ebenso umstritten wie z.B. das Oeuvre & die prekäre persönliche Situation des Algerienfranzosen Albert Camus, als sich Algerien gewaltsam aus seinem Kolonialstatus gegen Frankreich erhob & befreite. Beider Autoren Sicht von Geschichte & Gegenwart ihrer Heimat & ihre persönliche existentielle Involviertheit hat zeitweise ihr literarisches Werk eingedunkelt.

     

    Faulkners 1930 – auf dem Höhepunkt seiner Kreativität – erschienener Roman Als ich im Sterben lag spielt so gut wie ganz unter »armen Teufeln«: in der Schicht  weißer Baumwoll-Farmer, die tief geprägt werden von einer primitiven christlichen Gläubigkeit, Engstirnigkeit & Ignoranz. Das Buch kommt aus dem innersten Zirkel des heute noch existenten »Bible Belt«. 

     

    Die nach einem ebenso erbärmlichen wie arbeitsamen Leben sterbende ehemalige Schullehrerin Addie Bundren hat ihrem Ehemann Anse, dem Baumwollfarmer, das Versprechen abgerungen, von ihm & der Familie ihrer fünf Kinder als Leiche nach dem 40 Meilen entfernten Jefferson gebracht & dort, wo sie herkam, beigesetzt zu werden.

     

    Zu Beginn des Buchs hört & sieht die in ihrem Schlafzimmer aufgebahrte sterbenskranke Addie die Zimmermannsarbeiten ihres Sohnes Cash, der ihren Sarg laustark zuschneidet & -sägt – worüber sich die Nachbarn aufregen. Der Transport ihres Sarges entwickelt sich im Laufe des Romans zu  einer groteskkomischen, einwöchigen  Odyssee.Denn nach tagelangem, sintflutartigem Regen ist die Brücke auf  dem Weg nach Jefferson weggeschwemmt, und bei der Durchquerung der reißenden Fluten mit einem ausgeliehenen Muli-Gefährt, kommen die Tiere um & der bereits früher schon einmal gestürzte Cash bricht sich erneut ein Bein. Als die Familie das Bein des Verletzten mit Zement schient, hat diese »Hilfe« zur Folge, dass sich die Haut mit dem Zement ablöst und der Älteste am Ende das Bein verlieren wird.

     

    Sein jüngerer Bruder Darl, der debil, wie er nun mal ist, einen Stall angezündet hatte, in dem die Reisenden mit der mittlerweile stinkenden Leiche, deren Geruch tagsüber die Geier anlockt, nachts Schutz vor der Zudringlichkeit der Greifvögel gesucht hatten, wird als Irrer von zwei Bundesbeamten in Gewahrsam genommen. Seine elfjährige Schwester Dewey Dell, die ihre Schwangerschaft geheim hält & unterwegs einen abtreibungswilligen Arzt sucht, wird, aufgrund ihrer Unaufgeklärtheit, von einem geilen Arztgehilfen unter dem Vorwand der Hilfe sexuell mißbraucht.

     

    Ihr sehr groß gewachsener Bruder Jewel, den seine Mutter besonders geliebt & umsorgt hatte & der nicht ohne Grund sich von allen anderen unterscheidet, ist ein Pferdenarr, der sich als einziger von eigen verdientem Geld ein ungebärdiges Pferd gekauft hatte. Er überläßt es aus familiärer Solidarität großzügig den Snopes, damit sein Vater bei ihnen neue Mulis für den Sargtransport kaufen kann. (Die beiläufig hier schon als geizig erwähnten Snopes werden im Mittelpunkt einer Trilogie des späten Faulkner stehen.)

     

    Der Vater Arnse wiederum, nimmt seiner Tochter das Geld weg, das sie offenbar von ihrem Liebhaber zur illegalen Beseitigung der unerwünschten Leibesfrucht erhalten hatte. Mit dem Geld kauft sich Arnse ein Gebiss & wirbt erfolgreich um Addies Schwester, die er zuletzt seinen Waisen als »neue Mrs. Bundren« präsentiert. Diesmal, ahnt man, hat er aber nicht einen menschlichen Lastesel zur Ehefrau gemacht, sondern seine zweite Frau wird ihn dominieren.

     

    Von dieser oft nur indirekt & sukzessive erschließbaren Haupthandlung führen verschiedene Weg in die individuellen Lebensgeschichten der höchst unterschiedlichen  Charaktere. Auch erfahren wir, dass die tote Addie ein einsam-verbohrter Mensch war, der nach den Worten ihres Vaters den »Sinn des Lebens« darin sah, »sich bereit zu machen für ein langes Totsein«.

     

    Sie allein weiß, dass Jewel nicht Arnses Sohn ist, sondern aus der leidenschaftlich-sündigen Verbindung mit dem fundamentalistischen Prediger Whitfield hervorging. Whitfield will, als er von Annies Sterben hört, den Ehebruch Arnse gestehen, um sein Gewissen zu entlasten, unterlässt es aber, als er das Haus der »Sünderin« erst nach deren Tod & Schweigen erreicht.

     

    Als Leser erfahren wir diese Geheimnisse Addies, Whitfields & Dewey Dells nicht von einem auktorialen Erzähler, sondern aus den Monologen der Toten & Lebendigen. Faulkner hat hier wie schon in seiner 1929 erschienenen großen Familienchronik The Sound and the Fury die handelnden Personen  zu Selbsterzählern & -bekennern gemacht. Manchmal klingen diese 69, von wechselnden Personen geäußerten Ansichten, wie Innere Monologe, manchmal wie Antworten auf unausgesprochene Fragen eines Rechercheurs, dem man nun lesend folgt. In jedem Fall entwickelt sich das Geschehen aus den subjektiven An- & Einsichten der handelnden Personen.

     

    Faulkner geht sogar so weit, dass er an einigen Stellen das Schriftbild in seine Darstellung mit einbezieht oder abgebrochen Gedanken als abgebrochene Sätze stehen lässt. Warum manche Passagen jedoch kursiv gesetzt werden, hat sich mir nicht erschlossen, weil es obsessive Gedanken der Personen nicht zu sein scheinen.

     

    Im Laufe des sprachnächtigen Romans entsteht so etwas wie ein reflektierendes Spiegelkabinett von fragmentarischen, subjektiven Ansichten, aus denen wir Leser, die zu  intimen Mitwissern der Personen gemacht werden, uns das laufende Geschehen, seine Vor- & Nebengeschichten & seine voreinander verschwiegenen Geheimnisse (re)konstruieren müssen. Das bezieht uns in den Erzählprozess nachhaltiger ein als ein (auktorialen) Erzähler es vermöchte. (Später haben William Gaudis & Antonio Lobo Antunes dieses von Virginia Woolf & William Faulkner entwickelte Erzählmuster noch weiter verfeinert.)

     

    Verlangt wird aber auch schon hier von den mitarbeitenden Lesern größere Konzentration als bei herkömmlichen Erzählformen, bzw. ein Buch wie diese legt es einem nahe, es gleichsam wie ein Musikstück zu behandeln & es mindestens zweimal zu lesen, weil man erst nach einer ersten Lektüre die Vielzahl & Komplexität der Informationen, resp. Verweise versteht, die in den einzelnen Monologen enthalten sind – & damit den immensen literarischen Reichtum des virtuosen Südstaaten-Epikers abschöpfen kann.

     

    Das sollte einen nicht irritieren, bzw. abschrecken. Denn Faulkners Roman entfaltet ein äußerst farbiges, komisches & hintergründiges Bild von seinen Personen & ihrer grotesken Reise mit dem Sarg der Verblichenen. Das makabre Buch ist aber auch zugleich als eine einzige große Metapher für die Tragikomik der menschlichen Lebensreise zu verstehen.

     

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    Warum fallen denn keine Copyright-Kosten mehr an? FÜr ein 1930 in den USA publizierten Text dürfte das eigentlich erst 2025 so weit sein.
    | von Leser, 01.08.2012
    70 Jahre nach dem Tod eines Autors werden die Rechte frei.
    | von Die Redaktion, 01.08.2012
    Nach deutschem Recht gilt das mit den 70 Jahren (wobei ich dachte, Faulkner sein erst 50 Jahre tot); nach US-Recht sieht das für Werke, die vor 2002 veröffentlicht wurden, komplizierter aus. Egal.
    | von Leser, 02.08.2012

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