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    Goncalo M. Tavares: Die Versehrten

    16.07.2012

    Rätselhafte Erzähldichte

    Literarisch Irritierenderes als den Roman Die Versehrten von dem Portugiesen Goncalo M. Tavares dürfte man derzeit wohl kaum auf dem deutschen Buchmarkt finden. Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Der 1970 in Luanda, der Hauptstadt der ehemaligen portugiesischen Kolonie, geborene Autor ist in Portugal aufgewachsen und soll, nach Verlagsangaben, an der Universität von Lissabon Philosophie unterrichten. Seit er 2001 als Schriftsteller debütierte, habe er zahlreiche Preise gewonnen und seine Bücher in unterschiedlichsten Genres würden in rund 30 Sprachen publiziert, liest man weiter über ihn.

     

    Der unter dem rätselhaften Originaltitel Jerusalem bereits 2005 erschienene, nun von Marianne Gareis übersetzte & unter dem Titel Die Versehrten bei der DVA publizierte Roman besteht aus einer Vielzahl römisch durchnummerierter Kurz-Kapitel, die oft noch einmal in arabisch nummerierte Unterkapitel zerfallen – wobei über den Großkapiteln die Namen der in ihnen auftretenden Personen stehen.

     

    So ungewöhnlich diese Erzählform ist, so hat sie doch die präzise Funktion, den Leser auf das jeweilige Personal und den jeweiligen Handlungskomplex & Zeitrahmen hinzuweisen. Solche Orientierungshilfen sind umso notwendiger als der Autor seinen stark philosophisch-essayistischen Roman wie ein Kaleidoskop immer wieder neu aus bewusst reduzierten Erzählfragmenten vor einem auf- & durchschüttelt.

     

    Etwa in der Mitte wendet sich der Roman einige Seiten lang sogar einem fiktiven Buch zu, das eine der Hauptpersonen, der Arzt & Historiker Theodor Busbeck, vor Augen kommt, der wiederum an einer wahnwitzigen Untersuchung arbeitet, deren Ziel es ist, das Vorkommen von Grausamkeit in der menschlichen Geschichte als geheimes Gesetz zu erkennen & grafisch zu fixieren, um es künftig prognostizieren und vielleicht sogar verhindern zu können .

     

    In jenem  Europa 02  genannten Buch stößt Theodor Busbeck auf eine Folge von beängstigenden Bemerkungen zu rätselhaften medizinischen Experimenten, welche die plötzlich davon Betroffenen widerstandslos über sich ergehen lassen, wobei sie  bei der Folter am Ende des registrierten Verlaufs  nicht wissen, ob sie Folterknechte oder deren Opfer sein werden.

     

    (Da es hierbei um Gesundheit & Krankheit & daraus folgend um gesellschaftliche Inklusion & Exklusion geht, mag  der eine an Foucault, der andere an Agamben denken: um eine finstere existentialistische Metaphysik handelt es sich  in jedem Fall).

     

    Aber Europa 02 ist womöglich »nur« ein anderer Blick auf einen von Tavares im Zentralplot des Romans bereits ausgefaltetes Faktum, das durch die erwähnte kaleidoskopische Erzählform ein zeitloses Irgendwo & -wann des Geschehens entwirft, das aber offenbar auch zeitlich vor-& zurückspringt. Man bewegt sich jedenfalls auf einem sowohl imaginären als auch schwankenden Erzähl-Gelände. Es weckt visuelle Assoziationen  an  Lars-Trier-Filme wie Element of crime & Europa oder dessen TV-Serie Hospital des Geistes; literarisch denkt man bei dieser nüchtern-fahlen Prosa an Tavares´ chilenischen Altersgenossen Roberto Bolano & dessen subversive Ästhetik.

     

    Wie Bolano ist der Portugiese offenbar affiziert von den Deutschen, deren KZs  in seinem Roman erwähnt werden. Auch die Namen  einiger Protagonisten des portugiesischen Romanciers (u.a. Spengler) sind so deutsch wie das grundlegende Thema der Angst, das (freilich unausgesprochen) als  menschliches Existential alle beherrscht.

     

    Der deutsche Titel des portugiesischen Romans, Die Versehrten, trifft zwar auf  die Mehrzahl seiner Personen zu. So ist die weibliche Hauptfigur Mylia schizophren, Theodor Busbeck hat sie, als seine Patientin, geheiratet, weist sie aber nach achtjähriger Ehe in die psychiatrische Anstalt des allmächtigen Kollegen Gomperz ein, wo sie auf den Patienten Ernst Spengler trifft, mit dem sie vor aller Mitpatienten-Augen kopuliert, was einerseits Gomperz durch Busbeck erpressbar macht, anderseits den betrogenen Ehemann zur sofortigen Scheidung animiert, während er aber das illegitim entstandene, beinlose, also gleichfalls »versehrte« Kind  namens Kaas an Vaterstatt annimmt & großzieht.

     

    Die danach in der Klinik durch eine Operation unfruchtbar gemachte, offenbar an einem Unterleibskrebs jahrelang leidende Mylia erschießt absichtslos in der Nacht vom 29. auf den 30. Mai den kriegsversehrten Zuhälter Hinnek Obst, der gerade (ohne dass sie davon weiß) ihren Sohn Kaas umgebracht hatte, während dessen Ziehvater Theodor Busbeck die Prostituierte Hanna aufsucht, das »Pferdchen« des Zuhälters Hinneck. Auch hatte Mylia – zu Beginn des Buchs – den zum Selbstmord bereiten Spengler durch ihren zufälligen Anruf von seinem Vorhaben abgebracht.

     

    Aber diese Skizze dessen, was man den »Plot« des Romans nennen könnte, sagt so gut wie nichts über die intellektuelle & ästhetische Eigenart des sowohl finster-faszinierenden als auch rätselhaften Romans aus. Es ist die bedrohlich emotionslos beschworene atmosphärische Dichte des nächtlichen Geschehens & seine traumatische Verbindung von Gewalt, Zufall, Sexualität, Mord & Tod, welche Die Versehrten als ein ungelöstes literarisches Versprechen in der Schwebe hält.

     

    Goncalo M. Tavares, von dem es heißt, dass er neben Romanen, Lyrik auch philosophische Werke & Kinderbücher (!) geschrieben hat, scheint wirklich, wie sein Förderer Saramago behauptete, ein literarisches Ausnahmetalent zu sein.

     

    Auch wenn einem als Leser sein Roman bis zuletzt verschlossen zu bleiben scheint & die offene Vieldeutigkeit zu seiner ästhetischen Form gehört – das hat einen spanischen Rezensenten zum riskanten Wort vom portugiesischen Kafka verführt –, wünscht man sich, diesem Autor & seinem Werk künftig wieder zu begegnen.

     

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