sehen Sie kirschen als obst oder natürliche süssigkeit an? sollte man den menschen, und es gibt sie wirklich, die einen ausschliesslich beim abendessen anrufen, nicht auch etwas zuneigung entgegenbringen? wie hoch war die höchste summe, die Sie je für einen wohltätigen zweck gespendet haben, und was war das für ein zweck?
ich staune, und das wird mir nicht allein so ergehen: die summe habe ich mir durchaus gemerkt, nicht aber den zweck. das halte ich für nachdenkenswert wenn nicht sogar für bedenklich – und lese weiter:
laufen Sie ständig mit einem riesenschlüsselbund herum, oder ist es Ihnen gelungen, sich einzuschränken? könnten Sie den ganzen tag eine rote clownsnase tragen, ohne das zu erklären? macht es Sie nervös, in busse einzusteigen, deren streckenführung Sie nicht kennen?
fragen also ans selbst- und unterbewusstsein des lesers, und zwischendrin auch augenzwinkernd subversive anregung für neue verschwörungstheorien:
ist Ihnen bewusst, dass die gemeine europäische felsentaube, gemeinhin schlicht „taube“ genannt, für eine der erfolgreichsten globalen invasionen in der geschichte der anpassung im tierreich steht? glauben Sie, dass menschliche homosexualität mehr als 10 prozent ausmacht? was meinen Sie, wie stehen die chancen, dass ein mann, der fünfjährige dazu ermuntert, ihre lustigen geburtstagskappen statt auf dem kopf als hosenlatz zu tragen, von eltern, die diese kinder von der party abholen kommen, angezeigt wird? was ist der unterschied zwischen polizeigriff und armumdrehen? ist Ihnen das phänomen vertraut, dass kinder von clowns komplett verängstigt und verschreckt sind
insbesondere, wenn diese ihre rote nase den ganzen tag tragen und es schaffen, sich nicht dafür zu rechtfertigen? die liste der lustigen fragen liesse sich beliebig erweitern. in der verdichtung aber (die hier angeführten zitate sind in wirklichkeit konglomerate von im buch über weite distanzen verteilten fragen) – in der verdichtung erkennt man durchaus wiederkehrende motive und fragerichtungen, die Powells losem katalog eine ernstere note geben als zunächst erwartet.
am ende klappt man das buch jedenfalls zu und ist motiviert, sich nicht nur selbst die eine oder andere gestellte frage um ein quantum ehrlicher zu beantworten, sondern ebenso wie Powell mehr unsicherheitsmarkierungen in die welt zu picken.
»wissen Sie von einem geeigneten kandidaten, der mich als steller dieser fragen ersetzen kann?« zumindest kann einem der roman in fragen als ein probates bindeglied zwischen Max Frischs todernsten tagebuch-fragebögen und Florian Neuners satzteillager erscheinen, in dem der autor immer wieder ansetzt, antworten zu finden für die unstimmigkeit zwischen dem als »realität« gegebenem und der je individuellen wahrnehmung dessen. Neuner probiert das baukastensystem, wetzt konjunktionen von wenn bis was mehr oder weniger systematisch ab, während der Powell‘sche text rankt wie eine bohnenzukunft.
die geschichte, die wir hinter den halb- und abgebrochenen sätzen, wiederanfängen und sprechversuchen erfahren, ist die von einer verwundung und der aus ihr resultierenden behinderung: eine partnerschaft geht zuende oder wird abgebrochen, was sich unmittelbar und verstörend auswirkt auf die arbeits- und ausdrucksmöglichkeiten des „erzählers“, der mal mehr, mal weniger identisch ist zum autor,
weil man das nicht wahrhaben will
weil das geschlecht des autors berücksichtigt werden muss
weil das geschlecht des autors eine rolle spielt
weil der leser (oder die leserin) eine vorstellung hat von dem schreibenden als mann oder als frau […]
weil das vielleicht eine rolle spielt
weil in dem text vielleicht vom ficken die rede ist oder von schwänzen
weil in dem text aber vielleicht auch von liebe die rede ist (& sei es zwischen den zeilen) […]
nachdem Brittens homosexualität vielleicht seine biographie, aber leider nicht seine musik interessanter macht
während Neuner lieber Rolf Riehms schubert teilelager hört und dabei durchaus spass versteht (manche warum- und obwohl-folgen sind urkomisch kalauernd).
fühlen Sie sich nicht besser, viel besser oder unverhältnismäszig sehr viel besser, nachdem Sie etwas poliert haben?
warum so viele fragen offen bleiben
warum so viele fragen gar nicht gestellt werden
warum mir eine anzahl von vollkommen unerheblichen bzw. mich nicht im mindesten interessierenden fakten deshalb im gedächtnis haften geblieben sind, weil sie heute wieder und wieder
in einer rezension vorkamen. und manchmal ist es ja so, dass man nicht genau, sondern nur ungefähr – und auch nur durch ausgiebiges zitieren (»als ich mich hinter zitaten versteckte«) – erklären kann, weshalb einem ein bestimmtes buch gut gefällt. und sei es nur,
da es sein kann, dass man zuviel oder zu wenig getrunken hat […]
da dieser text vielleicht bereits ausufert
da man doch aber alles übertreiben muss, um überhaupt noch etwas kenntlich machen zu können […]
da die produktionsbedingungen dieses textes [ebenso wie die der besprechung] im wesentlichen so beschreibbar sind: mit einem glas rotwein am schreibtisch sitzend […]
um ansatzpunkte zu finden
um anknüpfen zu können
um wieder anknüpfen zu können
um sich auszutauschen
um sich auszuhorchen
um keine peinlichkeit auszulassen
um sich nicht festzulegen
um ins stocken zu geraten