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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:50

    Padgett Powell: roman in fragen / Florian Neuner: satzteillager

    16.07.2012

    ROMAN IN FRAGEN als SATZTEILLAGER

    Padgett Powell fragt sich einen roman zusammen, während Florian Neuner konjunktionen abwetzt

    Von CRAUSS.

     

    aus welcher motivation resultiert ein solcher roman, und kann man ein buch, das ausschliesslich aus fragen besteht, überhaupt roman nennen? eine story im eigentlichen sinn gibts bei Padgett Powell jedenfalls nicht und die fragen haben in ihrer abfolge nur einen losen logischen zusammenhang. es sind aber die unvorhergesehenen und vom autor nicht vorherbestimmbaren verbindungen (denn, so Florian Neuner: »wer ein netz auswirft, kann  nicht wissen, was er am ende einfängt«), die sich beim leser einstellen, die ein grossteil des charmes ausmachen, den dieses buch besitzt:

     

    sind Sie ratlos, was Sie mit unterhosen machen sollen, deren gummiband ausgeleiert ist, die sonst aber noch so gut wie neu sind? hätten Sie den leisesten schimmer, wenn wir plötzlich von vorne anfangen müssten, wie funk oder auch nur telefon neu zu erfinden wären? ist Ihnen klar, warum ich Ihnen all diese fragen stelle?

     

    der wunsch nach weltverbesserung ist es sicher nur am rande. einen guten sinn für unsinn und neckerei (»gibt es ein naturgesetz, dass babies plastiktüten anziehen, welches dem naturgesetz ähnelt, dass wohnwagen wirbelstürme anziehen? wann hört vanillesauce auf und wo fängt der vanillepudding an?«) und eventuell die hoffnung, beim leser interesse zu wecken, sich zwar keine unnötigen gedanken zu machen, doch aber etwas weniger unbewusst, weniger gleichgültig durch die strassen zu laufen, kann man aus Powells im original bereits 2009 erschienenen buch sicher ablesen. im amerikanischen lautet der titel denn auch the interrogative mood. a novel? was durchaus einen unterschied zum deutschen ausmacht. es ist nicht das gleiche, ob ich bereits weiss, dass es sich um einen roman handelt oder ob ich einfach in fragelaune bin und daher zunächst auch das genre infrage stelle: a novel?

     

    sehen Sie kirschen als obst oder natürliche süssigkeit an? sollte man den menschen, und es gibt sie wirklich, die einen ausschliesslich beim abendessen anrufen, nicht auch etwas zuneigung entgegenbringen? wie hoch war die höchste summe, die Sie je für einen wohltätigen zweck gespendet haben, und was war das für ein zweck?

     

    ich staune, und das wird mir nicht allein so ergehen: die summe habe ich mir durchaus gemerkt, nicht aber den zweck. das halte ich für nachdenkenswert wenn nicht sogar für bedenklich – und lese weiter:

     

    laufen Sie ständig mit einem riesenschlüsselbund herum, oder ist es Ihnen gelungen, sich einzuschränken? könnten Sie den ganzen tag eine rote clownsnase tragen, ohne das zu erklären? macht es Sie nervös, in busse einzusteigen, deren streckenführung Sie nicht kennen?

     

    fragen also ans selbst- und unterbewusstsein des lesers, und zwischendrin auch augenzwinkernd subversive anregung für neue verschwörungstheorien:

     

    ist Ihnen bewusst, dass die gemeine europäische felsentaube, gemeinhin schlicht „taube“ genannt, für eine der erfolgreichsten globalen invasionen in der geschichte der anpassung im tierreich steht? glauben Sie, dass menschliche homosexualität mehr als 10 prozent ausmacht? was meinen Sie, wie stehen die chancen, dass ein mann, der fünfjährige dazu ermuntert, ihre lustigen geburtstagskappen statt auf dem kopf als hosenlatz zu tragen, von eltern, die diese kinder von der party abholen kommen, angezeigt wird? was ist der unterschied zwischen polizeigriff und armumdrehen? ist Ihnen das phänomen vertraut, dass kinder von clowns komplett verängstigt und verschreckt sind

     

    insbesondere, wenn diese ihre rote nase den ganzen tag tragen und es schaffen, sich nicht dafür zu rechtfertigen? die liste der lustigen fragen liesse sich beliebig erweitern. in der verdichtung aber (die hier angeführten zitate sind in wirklichkeit konglomerate von im buch über weite distanzen verteilten fragen) – in der verdichtung erkennt man durchaus wiederkehrende motive und fragerichtungen, die Powells losem katalog eine ernstere note geben als zunächst erwartet.

     

    am ende klappt man das buch jedenfalls zu und ist motiviert, sich nicht nur selbst die eine oder andere gestellte frage um ein quantum ehrlicher zu beantworten, sondern ebenso wie Powell mehr unsicherheitsmarkierungen in die welt zu picken.

     

    »wissen Sie von einem geeigneten kandidaten, der mich als steller dieser fragen ersetzen kann?« zumindest kann einem der roman in fragen als ein probates bindeglied zwischen Max Frischs todernsten tagebuch-fragebögen und Florian Neuners satzteillager erscheinen, in dem der autor immer wieder ansetzt, antworten zu finden für die unstimmigkeit zwischen dem als »realität« gegebenem und der je individuellen wahrnehmung dessen. Neuner probiert das baukastensystem, wetzt konjunktionen von wenn bis was mehr oder weniger systematisch ab, während der Powell‘sche text rankt wie eine bohnenzukunft.

     

    die geschichte, die wir hinter den halb- und abgebrochenen sätzen, wiederanfängen und sprechversuchen erfahren, ist die von einer verwundung und der aus ihr resultierenden behinderung: eine partnerschaft geht zuende oder wird abgebrochen, was sich unmittelbar und verstörend auswirkt auf die arbeits- und ausdrucksmöglichkeiten des „erzählers“, der mal mehr, mal weniger identisch ist zum autor,

     

    weil man das nicht wahrhaben will

    weil das geschlecht des autors berücksichtigt werden muss

    weil das geschlecht des autors eine rolle spielt

    weil der leser (oder die leserin) eine vorstellung hat von dem schreibenden als mann oder als frau […]

    weil das vielleicht eine rolle spielt

    weil in dem text vielleicht vom ficken die rede ist oder von schwänzen

    weil in dem text aber vielleicht auch von liebe die rede ist (& sei es zwischen den zeilen) […]


    nachdem Brittens homosexualität vielleicht seine biographie, aber leider nicht seine musik interessanter macht

     

    während Neuner lieber Rolf Riehms schubert teilelager hört und dabei durchaus spass versteht (manche warum- und obwohl-folgen sind urkomisch kalauernd).

     

    fühlen Sie sich nicht besser, viel besser oder unverhältnismäszig sehr viel besser, nachdem Sie etwas poliert haben?


    warum so viele fragen offen bleiben

    warum so viele fragen gar nicht gestellt werden

    warum mir eine anzahl von vollkommen unerheblichen bzw. mich nicht im mindesten interessierenden fakten deshalb im gedächtnis haften geblieben sind, weil sie heute wieder und wieder

     

    in einer rezension vorkamen. und manchmal ist es ja so, dass man nicht genau, sondern nur ungefähr – und auch nur durch ausgiebiges zitieren (»als ich mich hinter zitaten versteckte«) – erklären kann, weshalb einem ein bestimmtes buch gut gefällt. und sei es nur,

     

    da es sein kann, dass man zuviel oder zu wenig getrunken hat […]

    da dieser text vielleicht bereits ausufert

    da man doch aber alles übertreiben muss, um überhaupt noch etwas kenntlich machen zu können […]

    da die produktionsbedingungen dieses textes [ebenso wie die der besprechung] im wesentlichen so beschreibbar sind: mit einem glas rotwein am schreibtisch sitzend […]

    um ansatzpunkte zu finden

    um anknüpfen zu können

    um wieder anknüpfen zu können

    um sich auszutauschen

    um sich auszuhorchen

    um keine peinlichkeit auszulassen

    um sich nicht festzulegen

    um ins stocken zu geraten

     

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