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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:49

    Silvia Tennenbaum: Straßen von gestern

    16.07.2012

    Ein jüdischer Familienroman

    In Ihrem Roman Straßen von gestern beschreibt die Schriftstellerin Silvia Tennenbaum den Werdegang der jüdischen Familie Wertheim in den Jahren 1903 bis 1945. Eine eindrucksvolle Lektüre findet BETTINA GUTIERREZ

     

    »Jichus« bedeutet im jüdischen Sprachgebrauch Prestige und bezieht sich vor allem auf die gesellschaftliche Herkunft, Bildung und den Wohlstand einer Familie. Wer reichlich »jichus« besitzt, zählt meist zum traditionellen jüdischen Großbürgertum. Um das Schicksal der Angehörigen eines solchen Bürgertums geht es in Silvia Tennenbaums Roman Straßen von gestern, in dem die Autorin vom Leben der in Frankfurt ansässigen Familie Wertheim erzählt.

     

    Die Handlung beginnt 1903 und endet 1945 nach dem Zweiten Weltkrieg. Es ist ein Roman mit vielen epischen Passagen und autobiographischen Zügen: Silvia Tennenbaum, selbst jüdischer Abstammung, wurde 1928 in Frankfurt am Main geboren und flüchtete 1938 vor den Nationalsozialisten in die USA. Und es ist ein Roman, der leicht und harmlos beginnt, jedoch nach und nach immer mehr an Tiefe gewinnt. So wird man zunächst in den Alltag der lebensfrohen Kaufmanns- und Bankiersfamilie Wertheim eingeführt, der in erster Linie aus musikalischen Soirees, kulturellen Zusammenkünften, Einladungen in prächtige Villen und üppigen Weihnachtsfesten besteht.

     

    Hedonistisch und sorgenfrei scheint das Leben der Wertheims zu sein, in dessen Zentrum der Vater Moritz mit seinen Söhnen Nathan, Siegmund, Gottfried, Jacob und Eduard stehen. Obwohl es auch hier die üblichen innerfamiliären Streitigkeiten gibt, wird großer Wert auf einen starken Familienzusammenhalt gelegt, für den sich nach dem Tod des Vaters der jüngste Sohn Eduard einsetzt.

     

    Er ist es, der das Erbe seiner Brüder, Nichten und Neffen verwaltet und ihnen in manchen Notsituationen hilft. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs stellt Silvia Tennenbaum die Ereignisse innerhalb dieser weitverzweigten Familie in den Vordergrund, sodass die politische Situation während und nach dem Kaiserreich keine besondere Rolle spielt. Man nimmt als Leser überwiegend am Werdegang der einzelnen Protagonisten teil wie zum Beispiel am unkonventionellen Lebensstil Jacobs, der eine Buchhandlung besitzt. Oder an den Hochzeiten von Emma und Lene, den Töchtern Nathans. Oder an den amourösen Eskapaden Julias, der Tochter Siegmunds.

     

    Nichts scheint bei dieser Innenansicht eines jüdischen Lebens in Deutschland auf die allseits bekannten Gräuel hinzudeuten, die während des Zweiten Weltkriegs stattfanden. Selbst als sich die ethnischen »Säuberungen« abzeichnen, legen die Wertheims und ihre jüdischen Verwandten eine elegische Duldsamkeit an den Tag, die mit der Hoffnung auf das Ausbleiben eines Pogroms verknüpft ist. Nur Eduard und sein Neffe Ernst bringen sich rechtzeitig in Sicherheit und wandern in die Schweiz und nach Palästina aus.

     

    Als aber dann das Jahr 1938 mit den Massenverhaftungen und der Enteignung jüdischer Geschäfte naht, kommen die Handlung und die Autorin gewissermaßen in Fahrt. Nun wird man mit Szenen konfrontiert, bei denen einem ganz anders zumute werden kann: So etwa bei der Schilderung der Kristallnacht, der Einlieferung von Lenes Mutter Caroline in ein sogenanntes Sanatorium und dem Abtransport ihres Sohns Andreas ins Ghetto nach Lodz. Höhepunkte dieser Szenen sind der Selbstmord von Carolines Bruder Jonas und der Tod Jacob Wertheims in Auschwitz.

     

    Doch zum Glück sind es nicht nur diese Eindrücke, mit denen Silvia Tennenbaum den Leser aus ihrem eindrucksvollen Roman entlässt. Sie  wird zum Schluss versöhnlich, richtet ihren Blick auf die kommenden Generationen und eine bessere Zukunft und lässt die seit Jahren im Exil lebende Lene zu ihrer Tochter sagen: »Du und Deine Generation, ihr werdet eure Sache besser machen als wir. (…) Ihr werdet dafür sorgen, dass so etwas Schreckliches nie wieder geschehen kann.« Es sind Sätze, denen eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist.

     

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