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    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:37

    José Saramago: Das Memorial

    25.06.2012

    Erzählerischer Rubenssaal

    José Saramagos historischer Roman Das Memorial

    Von WOLFRAM SCHÜTTE

     

    Es ist ungewöhnlich, aber durchaus erfreulich, dass der Hoffman und Campe Verlag, nachdem er das Spätwerk des portugiesischen Literaturnobelpreisträgers José Saramago auf deutsch vorgelegt hat – weil Saramagos bisheriger deutscher Verlag Rowohlt aus politischen Gründen sich verweigert hatte, es zu publizieren –, nun  seinen dritten Roman, Das Memorial, in der ursprünglich bei Rowohlt 1986 erschienenen  Übersetzung von Andreas Klotsch erneut vorlegt. Das 1982 im Original erschienene Buch war damals der internationale »Durchbruch« des portugiesischen Romanciers.

     

    Das Memorial ist wie Die Reise des Elefanten, des letzten zu Lebzeiten Saramagos auf deutsch erschienenen Buchs, ein historischer Roman, der zum Beginn des 18. Jahrhunderts in Portugal spielt. Schon beim Memorial ist der auktoriale Erzähler (wie in der Reise des Elefanten) »so frei«, seiner historischen Erzählung gelegentlich Vorausdeutungen, z.B. auf die »Nelkenrevolution«, einzuschreiben & damit die von ihm offenbar in einem altfränkischen Stil beschworene Vergangenheit, was der Übersetzer nicht immer glücklich auf deutsch imitiert, irritierend aufzusplittern.

     

    Derartige Illusionsunterbrechungen (a la Brecht) hatten sich die mittelamerikanischen Romanciers García Márquez, Carlos Fuentes und Alejo Carpentier, als sie sich auf die »Wunderbare Wirklichkeit« der Neuen Welt in ihren Poetiken beriefen, nicht erlaubt. Das war Saramagos individueller Zusatz bei seiner Übernahme der »karibischen« Poetik des »Magischen Realismus« im Memorial, das sich für den literarischen Kenner noch auf eine andere Art mit dem Kubaner Carpentier einlässt: Wie in dessen Kurzroman Das Barockkonzert tritt auch, historisch korrekt, der italienische Komponist  Domenico Scarlatti  im Memorial auf.

     

    Er hielt sich zu dieser Zeit als Hauslehrer der portugiesischen Prinzessin Maria Barbara im Portugiesischen Königshof auf & unterhielt mit seinem Cembalospiel nicht nur König Joao V. & dessen bigotte Gattin Maria Ana Josefa von Österreich, sondern ihm wird auch eine geheime Freundschaft zu dem ketzerischen Pater Bartolomeo vom Memorial-Erzähler nachgesagt. Dadurch kommt der Musiker, der sich mit seinem Cembalo auch auf dem Lande aufhält, zur Kenntnis des von Bartolomeo mit Wissen & auf Wunsch des portugiesischen Königs im Verborgenen konstruierten Flugobjekts, einem magischen Vorläufer unserer heutigen Flugzeuge, das der Pater mit dem kriegsverletzten Balthasar baut, der an Stelle einer verlorenen Hand einen Metallhaken hat & der mit Blimunda zusammenlebt, der Tochter einer von der Inquisition gleich zu Beginn des voluminösen Romans verbrannten »Hexe«.

     

    Da ihre Mutter aus einer Marannenfamilie stammte, also als sogenannte »Neuchristin« ursprünglich Jüdin war, verschweigt Blimunda ihre genetische Herkunft, als sie mit ihrem Geliebten, Baltasar, bei dessen bäuerlichen Eltern auf dem Land lebt.

     

    Diese Aufrufung des Antisemitismus im historischen Portugal in Saramagos frühem Roman ist insofern nicht ohne späte Pointe, weil es der Vorwurf des Antisemitismus war, der Saramago gemacht worden war, weil er im aktuellen Palästina-Konflikt sich in seinem Blog auf die Seite der Palästinenser gestellt & Rowohlt sich daraufhin geweigert hatte, das Blog-Tagebuch auf deutsch zu publizieren.

     

    Die anachronistische Konstruktion eines Fluggeräts, mit dem sich der Pater, Balthasar & Blimunda in den Himmel erheben, sogar als Erscheinung des Heiligen Geistes das im Bau befindliche riesige Kloster von Mafra, nahe Lissabon, überfliegen & in einer Gebirgslandschaft niedergehen konnten, ist ebenso phantastisch wie dessen Betrieb durch von Blimunda gesammelten & in Hohlkugeln eingesperrten »Willenskräfte«, gewissermaßen die Seelen von Toten.

     

    Saramago hat sich etwas einfallen lassen müssen, um seine wunderliche Idee eines barocken Flugzeugs des frühen 18.Jahrhunderts innerhalb seines Realismus halbwegs  plausibel erscheinen zu lassen & hat dazu vorrationale, märchenhafte Motive erfunden. Das wirkt im Gegensatz zu Wunderbaren Wirklichkeit z.B. bei García Márquez allerdings bei dem Portugiesen an den Haaren herbeigezogen. Blimundas »hexische« Fähigkeit, bei eigenem leeren Magen, jedem Menschen, den sie ansieht, nicht ins Herz, aber unter die Haut & in die Eingeweide sehen zu können, ist ein weiterer Saramagoscher Ausflug ins Phantastische, der mehr  erzählerischen Umstand erfordert, als poetischen Gewinn erbringt.

     

    Der Roman hat darin nicht seine Stärken, sondern in seinen quasi dokumentarischen Passagen. Denn der portugiesische Romancier, der seinen historischen Stoff – das Entstehen des wahnwitzig großen Mafra-Klosters aufgrund eines Gelübdes König Joaos V. – mit ironischen Bemerkungen über Adel & Klerus durchsäuert, hat  aber die Zeit, den Ort & die Tätigkeiten aus den historischen Dokumenten penibel rekonstruiert. Bei aller polemischen & satirischen Verve des Autors bleibt er jedoch der Epiker, der er als großer Erzähler immer war.

     

    Saramago entwirft & entfaltet zahlreiche farbkräftige, dynamisch bewegte Tableaus zwischen dem königlichen & dem bäuerlichen Hof, zwischen Stadt & Land, sodass man als Leser wie in einem Saal mit riesigen Rubens-Gemälden sich lesend durch das prächtige Memorial-Gelände bewegt, das da einem mit großer Lust & in bester Laune (& Wut auf die Herrschaften!) vor Augen gestellt wird.

     

    Allein schon die Beschreibung des gewaltigen Transports eines gigantischen Steins für die Kanzel des Klosters über Hügel & durch Täler mit Hunderten von Ochsen-Gespannen ist unvergesslich präzise als Monumentalgemälde mit kleinsten Details gelungen & gewissermaßen der epische Höhepunkt der Kunst Saramagos im Memorial. Ein ebenso phantastisches wie realistisch-evokatives Lesevergnügen.

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