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    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:37

    Friedrich Christian Delius: Als die Bücher noch geholfen haben

    23.07.2012

    Der Schweiger von Princeton

    Friedrich Christian Delius ist ein profunder Kenner des Literaturbetriebs und einer der bekanntesten deutschen Autoren der Gegenwart. In seinen biographischen Skizzen sinniert der fast 70-Jährige über seine frühen Aktivitäten und über die Zeiten – Als die Bücher noch geholfen haben.

    Von INGEBORG JAISER

     

    Aufgewachsen in einem strengen hessischen Pastorenhaushalt, früh eingeschüchtert, stotternd und stumm geworden – so fängt es an, »das Ich, das mit gelähmter Zunge zur Sprache drängt«. Friedrich Christian Delius hat die bedrückende Atmosphäre einst eindringlich beschrieben, in Der Sonntag, als ich Weltmeister wurde.

     

    Von dahin führt ein langer, aber beharrlicher Weg zum späteren Literaturidealisten und Literatursüchtigen, vom Abiturienten mit Berufswunsch Redakteur oder Lektor bis zum mehrfach ausgezeichneten Schriftsteller, dem letztendlich mit dem Büchner-Preis die bedeutendste Ehrung als Autor zuteil wird. Aber auch vom zaghaften Pflastersteinwerfer (auf einer Demo gegen den Vietnamkrieg, die ein amerikanischer Student namens Bill Clinton 1968 in London organisiert hat) bis zum Juror, Entdecker, Förderer.

     

    Der Montag, an dem ich mich in Frau Sontag verliebte

    Doch machen wir uns keine falschen Hoffnungen. Die eben erschienene Essay-Sammlung Als die Bücher noch geholfen haben ist weniger Autobiographie als schlaglichtartige Rückblende, weniger beschönigende Erinnerung als literarische und gesellschaftliche Zeitreise zurück in die bewegten 1960er bis 1980er Jahre. »Aufgestiegen vom verschüchterten Knaben zum studentischen Dichterling« findet der Jungautor rasch Zugang zum Wagenbach-Verlag und zur Gruppe 47, auch wenn ihm sein beharrliches Schweigen und Verstummen, seine Unfähigkeit, vor größeren Gruppen zu sprechen und zu diskutieren, bestenfalls als »eigenwillige Klugheit und Überlegenheit« ausgelegt wird. Delius beschließt: was er nicht in mündlicher Rede vermitteln kann, muss er mit Geschriebenen wettmachen.

     

    Unübertrefflich und herrlich selbstironisch sind seine amüsanten Erinnerungen an eine legendäre Lesereise der Gruppe 47 nach Princeton. An einem deutschen Schreibtisch hat Delius noch furchtlos ein Gedicht von Erich Fried verrissen – schon sitzt er mit ihm im selben Bus von New York nach Princeton und macht sich fast ins Hemd vor quälenden Selbstvorwürfen. Fotos zeigen einen sehr blassen, sehr dünnen, im wahrsten Sinne des Wortes sehr zugeknöpften jungen Mann, von Jetlag und Ängsten geplagt. Kein Wunder, dass ihn der Auftritt der ungewöhnlich selbstbewussten und charismatischen Susan Sontag  fast um den Verstand bringt. Selbstredend himmelt er die unwesentlich Ältere nur aus der Ferne an. Und die Publikumsbeschimpfung eines bislang unbekannten Kärntner Autors namens Peter Handke verbucht er sprachlos als hochgrotesken, verrücktesten Moment der deutschen Literaturgeschichte der Nachkriegszeit.

     

    Vom Wir zum Kollektiv

    Derart infiziert gibt es für Delius nur eine Zukunft: hin zu den Büchern! Bereits als Student jobbt er erfolgreich als Hilfslektor für den Wagenbach-Verlag, nach Abschluss seiner Dissertation Der Held und sein Wetter ergattert er schließlich eine feste Halbtagesstelle und erlebt begeistert die vorangetriebene Kollektivierung des Verlags. Doch unterschiedliche Geisteshaltungen der RAF gegenüber führen zu Misstrauen, Ressentiments, Streitlust – schließlich zu Entzweiung und Abspaltung. Zusammen mit drei Mitstreitern (darunter seinem Bruder Eberhard) gründet Delius den Rotbuch-Verlag und zieht eine Reihe außergewöhnlicher Autoren aus der DDR und aus Osteuropa an Land: Heiner Müller, Thomas Brasch, Miklós Haraszti, Herta Müller.

     

    Sehr selbstkritisch und direkt, durchaus streitbar und scharfzüngig räumt Delius mit falschen Legenden und trügerischen Erinnerungen auf. Vor einen ungeliebten Karren lässt er sich nicht spannen – stets fühlt er sich uneingeschränkter Entdeckerlust und literarischem Förderwillen verpflichtet. So wird der einstige Vorzeigeautor der 68er Generation zu einem bedeutenden Chronisten des literarischen Nachkriegsdeutschlands.

     

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