• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:50

    Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez

    25.06.2012

    Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez

    Mit der Schöpfung des sympathischen Verlierertyps Onno Viets gelingt Schulz ein Volltreffer, der seinen Geheimtipp-Status ein für allemal hinfällig werden lässt. Ganz klar: Onno Viets und der Irre vom Kiez ist eine Perle der deutschen Gegenwartsliteratur, meint TOM ASAM.

     

    Ganze 15 Jahre vergingen vom Erscheinen des ersten Teils der legendären Hagener Trinker-Trilogie, Kolk´s blonde Träume bis zum, diese abschließende, 2006 veröffentlichten Ouzo Orakel. Doch ist der Abschluss dieses Mammutprojekts kein Grund für den Autor, sich nun zurückzulehnen. Im Gegenteil, sein Schreibtempo hat sich deutlich erhöht. Auf die Pflicht scheint die Kür zu folgen, die auch stilistisches Neuland zulässt.

     

    Nach einen Anfängerkurs Naturlyrik und einen Kurzgeschichtenband folgt mit Onno Viets und der Irre vom Kietz nun ein Spannungsroman der besonderen Art. Auch wenn hier Elemente der Genres Kriminalliteratur und Thriller verarbeitet werden und das Hamburger Kiez-Millieu eine gehörige Rolle spielt, läuft Schulzens Prosa niemals Gefahr, mit gängiger Regional-Krimi-Ware verwechselt zu werden. Zu vielschichtig gestaltet sich seine Wortakrobatik, zu unverwechselbar ist sein Stil.

     

    Halbostfriesischer Big Lebowski

    Onno Viets, Mitte fünfzig, Harz IV Empfänger und bekennender Noppensockenträger, ist ein sympathischer Losertyp, der diverse Ausbildungs-, Studien- und Jobvarianten an die Wand gefahren hat. Dieser »halbostfriesische« Big Lebowski ist sozial ganz gut integriert. Die Altherrenriege des Ping-Pong Vereins Hamburg Eppendorf, die er mit seiner enervierenden, aber zielführenden Spielweise auf Trapp hält und seine geliebte Frau Edda sind ihm heilig.

     

    Nicht zuletzt weil er letzterer zu deren 50.Geburtstag eine Freude machen will, ist es Zeit für einen erneuten Vorstoß in die Welt der Erwerbstätigkeit. »So, Sportsfreunde. Achtung, Achtung. Ich glaub, ich werd´ Privatdetektiv. Öff. Öff«, verkündet Onno beim traditionellen Aprés-Pingpong im italienischen Restaurant Tre tigli. Die Kameraden sind nicht gerade begeistert, doch Onno´s Freund, der Rechtsanwalt Dannewitz, ermutigt ihn nicht nur in seinem Bestreben, sondern verhilft ihm sowohl mit einer technischen Grundausstattung als auch einem ersten Auftrag zu großen Abenteuern.

     

    Nick Dolan, schmieriger Popmagnat, vermutet, dass seine Gespielin Fiona Popo – die Gewinnerin seiner TV-Porno Casting Show – ihn mit einer aufstrebenden Kiezgröße betrügt. Fiona und Nick kennt Onno bereits aus dem Trash-TV, dem sich der »Nachwuchs-Detektiv«, mit Heizkisten bewaffnet gerne gemeinsam mit der strickenden Edda auf dem heimischen Sofa hingibt. Den aus zerrüttenden Verhältnissen stammenden, Intensivtäter und Doppel Y-Chromosomträger »Händchen« wird er bald kennenlernen. Statt nach ersten Konfrontationen mit Gewalt den Fall an den Nagel zu hängen, folgt er Dolans Anweisung, der Zielperson nach Mallorca zu folgen. Dort entgleisen die Ermittlungen und nach diversen ungeahnten Wendungen nähert sich die Erzählung der Erklärung, warum ein volltattoovierter, nackter Irrer auf der Außenalster einen Ausflugsdampfer samt Besatzung und Passagieren mit einer Machete bedroht. Dieser Gewalt-Exzess wird anhand der Beschreibung von vier Internetclips, deren erstes das Buch fulminant eröffnet, detailgenau nachgezeichnet.

     

    Ein Stulle-Pulle-Typ auf Abwegen

    Fank Schulz thematisiert eine immer weiter in Trash und Oberflächlichkeit versinkende Gesellschaft ohne den Medienkritiker-Zeigefinger zu erheben oder in Schwarz-Weiß-Malerei zu verfallen. Gut und Böse sind nicht so einfach zu trennen, es ist gar so, dass »der Gute gezwungen ist, das Gute im Bösen zu verraten.« Onno Viets und der Irre vom Kiez spielt mit der magnetischen Kraft des Trivialen und der Faszination der Gewalt. Was einen gleichermaßen anzuziehen wie abzustoßen in der Lage ist, wird dabei in der gewohnt einzigartigen SchulzschenWeise beschrieben.

     

    Äußerst exakte, teils verschwurbelte Literatensprache ist untrennbar verwoben mit knappen Dialekt-Äußerungen sowie witzigen Wortkreationen und -spielereien, zu denen nur ein Menschenfreund und guter Beobachter mit Fantasie in der Lage ist. Da trifft »Stulle-Pulle-Typ« Onno auf »Gang-Bang-Gangster« und entdeckt ihm selbst nicht ganz erklärbare Gefühle. »So, Sportfreunde. Achtung. Achtung. Ich glaub ich werde Waldfee. Jawoll Kam´raden. Mich hat der Flamingo gebracht. Öff.Öff« tönt ein fiktives Outing in Onnos Gehirn. Auch wenn hier so etwas Ähnliches wie ein Krimi einen Rahmen vorgibt, bleibt Raum genug für die gewohnt unbändige Fabulierkunst des Autors.

     

    »So hätte Arno Schmidt geschrieben, wenn er nicht bescheuert gewesen wäre«. hat Gerhard Henschel mal über Schulz geschrieben. Damit bezog er sich wiederum auf Flann'O Brien bzw. das irische Volk, welches angeblich der Meinung sei, so wie dieser hätte Joyce geschrieben – wenn der nicht verrückt gewesen wäre. Womit wir beim O´Brienn-Übersetzer Harry Rowohlt landen, der Frank Schulz seit jeher als seinen deutschen Lieblingsautor preist. Diesmal dürften er und andere begeisterte Leser nicht allzu lange auf Nachschub warten müssen – die Figur des Onno Viets wird mit Sicherheit weiterleben. Ein Glück. Wer das nicht blickt, ist eh der »totale Pansen«, nech!

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter