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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:34

    Wolfgang Herrndorf: Sand

    11.06.2012

    Der Himmel über der Wüste

    Nach bereits zweimaliger Nominierung hat Wolfgang Herrndorf den Preis der Leipziger Buchmesse 2012 erhalten. INGEBORG JAISER stellt sich die Frage, welches Genre er eigentlich mit seinem rätselhaft opulenten Roman Sand bedientAgententhriller, Krimi oder Persiflage?

     

    Zugegeben: Auch ich gehöre zu den Menschen, die lange Zeit den kargen, schlichten, aber messerscharfen Blog Arbeit und Struktur verfolgt haben, bang und gebannt, geradezu aufatmend über jeden neuen Beitrag. Spätestens seit Tschick, diesem überraschend leichtfüßig und schnoddrig dahin geworfenen Adoleszenzroman, war ich Herrndorf-Fan.

     

    Natürlich geht es mir gewaltig gegen den Strich, Autor und Werk zu vermengen, keine Trennlinie zu ziehen, medienübergreifend zu lesen. Und dennoch lässt sich das vage Gefühl nicht abschütteln, alles gehöre zusammen, sei vereint in einem undurchschaubaren Kosmos: Persönlichkeitsstörungen und Identitätsverlust, Ausfälle und Anfälle, Zweifel und Halluzinationen, Angst und Schrecken, Mut und Gnade, Arbeit und Struktur. Spuren im Sand.

     

    Zwischen Bowles und Kerouac

    Manche, die Wolfgang Herrndorfs pfundschweren Roman Sand gelesen haben (oft in erstaunlicher kurzer Zeit!) fühlen sich an Spionage- und Agententhriller erinnert, andere wittern die Nähe zu Bowles, Pynchon und Kerouac, wiederum andere zitieren cineastisch die Coen-Brüder oder Quentin Tarantino. Aber fast niemand vermag eine wirkliche Inhaltsbeschreibung zu liefern.

     

    Stecken wir den Kopf in den Sand. Der liegt meterhoch zwischen Targat und Tindirma, irgendwo im Maghreb, im gefühlten Marokko – oder auch nicht. Wir befinden uns im Jahr 1972, zu der Zeit, als während der Olympischen Spiele in München palästinensische Terroristen ein Attentat auf die israelische Mannschaft verüben. Das bringt uns zumindest der Klappentext nahe (auch wenn es damit keine weitere Bewandtnis haben wird). Dem bedauerlichen, zunächst namenlosen Protagonisten ist ebenfalls übel mitgespielt worden. Er wacht mit eingeschlagenem Schädel auf einem unbekannten Dachboden auf. Genau genommen ist ihm sogar seine eigene Existenz unbekannt. Und dennoch: »Ein Hämmerchen haute von innen unters Schädeldach und ließ im Herzschlag-Rhythmus Worte wie Dachboden, Bretterwand, Amnesie, Flaschenzug, Titrierkolben und Sandhaufen aufklappen wie Memorykarten.«

     

    Mord in der Hippie-Kommune

    Dem halbtoten Amnestiker gelingt die Flucht, wobei er an einer Tankstelle von der zwielichtigen, platinblonden Schönheit Helen Gliese aufgegabelt und gerettet wird. In ihrem schicken Bungalow im Park des Sheraton-Hotels päppelt sie den arg lädierten Mann auf und steckt ihn in neue Klamotten. »Carl Groß« steht auf dem Rückenschildchen eines Blazers. Sowohl Jackett als auch der Name Carl passen gut.

     

    Doch der gesamte mächtige Plot drumherum ist auf Sand gebaut. Wie eine unergründliche Fata Morgana tauchen Alpträume und Halluzinationen, Personen und Dialoge, Schauplätze und Settings aus dem Nichts auf – und verschwinden auch wieder. In einer chaotischen Hippie-Kommune sind Menschen ermordet worden – war ein armes Würstchen namens Amadou Amadou wirklich der Täter? Ein pompöser Großindustrieller hechtet den Geheimnissen einer »Mine« hinterher – einer lukrativen Bergwerks- oder einer bloßen Bleistiftmine? Zwei dubiose Literaturnobelpreisanwärter namens Spasski und Moleskine bekämpfen sich – weshalb, wieso, warum?

     

    Wilde Wüstenphantasmagorie

    Während Wolfgang Herrndorf geradezu Wort für Wort, Zeile für Zeile den Antiepileptika und Alpträumen abtrotzt, entwickelt sich Sand zu einem aberwitzigen Agententhriller, zu einer rauschhaften Wüstenphantasmagorie, zu einer brutal-komischen Grotesken! Dass sich dahinter eine immense Belesenheit, eine allumfassende Verlinkung verbirgt, zeigen die Zitate, die jedem der 68 Kapitel voranstehen: von Ulla Berkiewicz bis zu Augustinus, von Herodot bis Luther, von Stendhal bis Salinger.

     

    Leichte Kost ist dies nicht, auch wenn sich Sand erstaunlich locker und spannend herunterliest (die zahllosen Fragezeichen und Leerstellen im Kopfe tapfer ignorierend). Als dieser höchst wundersame Roman den Preis der Leipziger Buchmesse 2012 zugesprochen bekommt, liege ich noch nichtsahnend zwischen wabernden, verwehten Sanddünen in einem anderen Land und blicke in einen weiten, lichtblauen Himmel. Selbst der Autor vermag leider nicht zur Preisverleihung zu erscheinen. »Keine Anfragen, keine Interviews, keine Lesungen«, verkündet in gebotener Rigorosität sein Blog.

     

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