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    James Joyce: Geschichten von Shem und Shaun/Tales Told of Shem and Shaun - Ein Porträt des Künstlers als junger Mann

    16.06.2012

    James Joyce: Ein Porträt des Künstlers als junger Mann und Geschichten von Shem und Shaun/Tales Told of Shem and Shaun

    Eigentlich sollte man meinen, dass an »Joyce auf Deutsch« nicht gerade eklatanter Mangel herrscht. Es gibt ihn in Einzel- und Gesamtausgaben, gebunden oder als Taschenbuch, als kostbar edierte ausgekoppelte Miniaturen, dazu Finnegans Wake komplett im Monumentalformat und antiquarische, noch vom Autor selbst zertifizierte Ur-Übersetzungen. All das ist greif- und kaum noch zählbar. Trotzdem erscheinen pünktlich zum diesjährigen Bloomsday zwei neue Übersetzungen, Ein Porträt des Künstlers als junger Mann und Geschichten von Shem und Shaun/Tales Told of Shem and Shaun. »Warum?«, fragt sich PIEKE BIERMANN.

     

    Die erste Antwort ist marktimmanent: James Joyce starb 1941, folglich sind seine Werke seit Januar 2012 gemeinfrei, und natürlich lanciert man einen »neuen Joyce« sinnvollerweise im Frühjahr, dicht am Bloomsday, dem Tag, an dem Ulysses spielt. Die zweite Antwort ist werkimmanent: Das meiste davon kann man gar nicht oft genug neu zu übersetzen versuchen. Joyces Prosa hat für Leser, die einmal »Blut geleckt« haben, eine ähnliche Sogwirkung wie Drogen. Je mehr man sich auf sie einlässt, je mehr der tausend graphischen, linguistischen, akustischen Schichten man ausgräbt, desto anziehender wird ihr Geheimnis, desto tiefer will man sich hineingraben. Dazu kommt: Auch Joyce selbst und seine Prosa sind von diesem Sog erfasst – diesem Verlangen nach Steigerung bis hin zur waghalsigen Dekonstruktion.

     

    Und so ist es ein glücklicher Zufall, dass zwei verschiedene Verlage denselben Übersetzer, den großartigen Friedhelm Rathjen an just diese beiden Texte gesetzt haben: Ein Porträt des Autors als junger Mann und Geschichten von Shem und Shaun sind Anfang und Ende eines Bogens, an denen man diese literarische Dynamik studieren kann. Das Porträt ist Joyces erster Roman, 1916/1917 in New York/London erschienen, 1926 von Georg Goyert als »Jugendbildnis« und 1972 von Klaus Reichert unter dem vollständigen Titel übersetzt.

     

    Ohne Ehr- und sonstige falsche Furcht

    Der Roman erzählt in fünf Kapiteln vom Leben des Stephen Dedalus bis zu jenem 16. Juni 1904. An diesem Tag weiß er, er muss »Fort! Fort!« aus Dublin, raus aus dem ganzen Gestrüpp familiärer, geistiger und sexueller Nöte. Es ist eine Art Bildungsroman – in für Joyce und für heutige Leser fast konventioneller Prosa, aber voller autobiographischer und zeit- und ortsgeschichtlicher Bezüge, mit einer eingewobenen Poetik und Spuren und Figuren, die in die kommenden Werke weisen.

     

    Friedhelm Rathjens neue deutsche Fassung ist wunderbar lebendig und genau, er erstarrt weder in Ehr- noch sonstiger falscher Furcht und findet viele feine Lösungen für den Joyceschen Witz oder zur Rettung von kniffligen Reimen. Allerdings wirkt sie an manchen Stellen seltsam umständlich. Zwar ist Deutsch generell oft länger als Englisch, aber warum muss ein knappes »We're kinsmen« zu »Wir sind aus deinem Fleisch und Blut« werden, wo »Wir sind dein Fleisch« genügt hätte? Oder »the air is thick« zu »die Lüfte sind berstend voll«? Das nagt an der Rhythmik – heikel bei einem so musikalischen Schreiber wie Joyce.

     

    Kühnes Wortballett

    Die drei Geschichten sind Splitter aus dem letzten Roman Finnegans Wake. Joyce selbst hatte sie 1929, zehn Jahre vor Erscheinen des kompletten Opus Magnum, für einen kleinen Pariser Privatverlag ausgekoppelt und bearbeitet. Das Vorwort dort spielt nonchalant auf die eventuell schockierende Kühnheit der Texte an und ersucht den – englischsprachigen! – Leser um »mindestens sechs Tage Zeit«, damit ihm »Mr. Joyces ›Wortballett‹ sein Geheimnis enthüllt.«

     

    Was für eine Herausforderung ist das erst für Übersetzer. Die zwei Fabeln, The Mookes and The Gripes/Der Mauchs und Der Traufen und The Ondt and The Gracehopper/Der Aumvaise und der Gnadshoffer, waren 1989 schon einmal in einer Anthologie auf Deutsch erschienen und sind für die jetzige Ausgabe überarbeitet worden. Zum ersten Mal übersetzt dagegen ist ein Auszug aus dem 10. Kapitel, Die verdreckteste Sacke die jemals hörbetrüben ward/The Muddest Thick That Was Ever Heard Dump. Schon optisch ein widerspenstiges Etwas und der einzige Wake-Text mit einem schmalen Fließtext, zwei Randspalten daneben und Fußnoten darunter, das Ganze in verschiedenen Schrifttypen. In den Randkommentaren hallt einmal mehr der » Bruderzwist im Hause Joyce« wider, sind die ewig konkurrierenden Brüder Shem und Shaun zu erkennen, in den oft kecken, scheinbar banalen Fußnoten ihre Schwester Isabel.

     

    Die Szenerie ist auch eine Parodie auf Kinder bei den Hausaufgaben, aufgeladen mit unerhört erwachsenen bis obszönen Inhaltsfetzen. Jedes Wort klirrt nur so vor Bedeutungsebenen, Querverweisen, Wortverdrehungen, Sprachen, und manches davon kann man hören, wenn man laut liest. Da muss beim Übersetzen jede Menge verloren gehen. Nur ein winziges Beispiel gleich am Anfang: »At maturing daily gloryaims!« ist unter anderem die Verballhornung des Jesuitenmottos mit dem Kürzel AMDG: Ad maiorem dei gloriam! Rathjen kann Sinnteile und vor allem den Rhythmus retten: »Tat Matur ihm täglich glorisam!«, muss aber das Akronym drangeben.

     

    In der Tat, Finnegans Wake ist unübersetzbar. Aber jeder neue, notgedrungen fragmentarische Versuch lockt und belohnt gleichzeitig: mit Vergnügen wie mit Frustration. Die zweisprachige Ausgabe macht auch das Immer-Wieder-Scheitern-Müssen transparent – ein Wagnis vor allem für den Übersetzer, das jede krittelnde Überheblichkeit verbietet. Friedhelm Rathjen ist viel geglückt, und er hatte, wie er im Nachwort offenbart, selbst oft Glück. Seine Übersetzung macht dieses »kühne Buch für kühne Leser« zugänglicher, lässt beide tatsächlich ein bisschen mehr »zusammenfinden«. Gerade weil man immer wieder ins Original hineingesogen wird.

     

    Eine erste Version dieser Rezension wurde am 8. Juni 2012 bei Deutschlandradio Kultur veröffentlicht, ein Gespräch mit Pieke Biermann ist als Audio on Demand verfügbar.

     

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