Ein behagliches, gemütliches, gefälliges Leben ist es – das Leben von Wilhelm Weitling, 70 Jahre alt, Richter a.D., Hauptadresse in Berlin-Charlottenburg, Zweitwohnsitz im bayrischen Chieming, seit Jahrzehnten glücklich verheiratet, wenn auch kinderlos. Während Ehefrau Astrid weiterhin einen kleinen Laden für Geschenkkartons in Berlin betreibt, verbringt der Pensionär gerne die Sommerfrische in seinem Ferienhaus mit Blick auf den Chiemsee, pflegt hingebungsvoll sein Segelboot und schreibt an seinem ewigen Buchprojekt, dessen Arbeitstitel wahlweise zwischen »Ursprung und Zukunft des Rechtsempfindens« und »Spes divina« changiert.
Alles spräche dafür, dass Weitling an einem noch warmen Septembernachmittag auf seiner Dachterrasse sitzen bleibt, träge in die Sonne blinzelt und sich ein paar neue Formulierungen durch den Kopf gehen lässt. Doch das Wetter an diesem Freitag lockt ihn, allein wegen des Ostwinds. Ein idealer Tag zum Segeln! Seine Chiemseeplätte ist nicht mehr als ein aufgerüsteter Fischerkahn, allerdings anspruchsvoll und nicht ganz ungefährlich. Schon bei etwas kräftigerem Wind droht ein Vollaufen und Kentern des Bootes. Doch Weitling segelt seit seiner Jugend und fühlt sich dem »schönen und heimtückischen Luder einigermaßen gewachsen«.