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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:33

    Sten Nadolny: Weitlings Sommerfrische

    09.07.2012

    Gut bei Ostwind

    Ferien am See, genussvolle Tage, süßes Nichtstun: Trotz dieses paradiesischen Zustands erfährt Weitlings Sommerfrische durch ein ungeahntes Bootsunglück eine plötzliche Wende. Sten Nadolny meldet sich mit einem philosophisch-leichten Roman zurück.

    Von INGEBORG JAISER

     

    Ein behagliches, gemütliches, gefälliges Leben ist es – das Leben von Wilhelm Weitling, 70 Jahre alt, Richter a.D., Hauptadresse in Berlin-Charlottenburg, Zweitwohnsitz im bayrischen Chieming, seit Jahrzehnten glücklich verheiratet, wenn auch kinderlos. Während Ehefrau Astrid weiterhin einen kleinen Laden für Geschenkkartons in Berlin betreibt, verbringt der Pensionär gerne die Sommerfrische in seinem Ferienhaus mit Blick auf den Chiemsee, pflegt hingebungsvoll sein Segelboot und schreibt an seinem ewigen Buchprojekt, dessen Arbeitstitel wahlweise zwischen »Ursprung und Zukunft des Rechtsempfindens« und »Spes divina« changiert.

     

    Alles spräche dafür, dass Weitling an einem noch warmen Septembernachmittag auf seiner Dachterrasse sitzen bleibt, träge in die Sonne blinzelt und sich ein paar neue Formulierungen durch den Kopf gehen lässt. Doch das Wetter an diesem Freitag lockt ihn, allein wegen des Ostwinds. Ein idealer Tag zum Segeln! Seine Chiemseeplätte ist nicht mehr als ein aufgerüsteter Fischerkahn, allerdings anspruchsvoll und nicht ganz ungefährlich. Schon bei etwas kräftigerem Wind droht ein Vollaufen und Kentern des Bootes. Doch Weitling segelt seit seiner Jugend und fühlt sich dem »schönen und heimtückischen Luder einigermaßen gewachsen«.

     

    Wie ein fliehendes Pferd

    Geplant ist ein kurzer Törn zur Fraueninsel und zurück – doch dann baut sich unerwartet eine  Gewitterfront auf, die Wellen tragen Schaumkronen, heftige Böen rütteln an der wehrlosen Plätte, Weitling gerät in Panik und Todesangst. Kommt uns diese Szenerie nicht irgendwie bekannt vor? Wo einst der behäbige Lehrer Helmut Hahn auf dem Bodensee in ein heftiges Unwetter gerät und mit (oder gegen?) seinen schnittigen Studienkollegen Klaus Buch ums pure Überleben kämpft, da sehen wir nun Wilhelm Weitling auf dem tosenden Chiemsee, merkwürdigerweise ebenfalls nicht allein...

     

    Ein Blitz schlägt ein, es grollt und zischt – und plötzlich steht Weitling buchstäblich neben sich. Das Unwetter beamt ihn um Jahrzehnte zurück, in einer fulminanten Zeitreise blickt er nun auf den jungen Willy, der als Jugendlicher schon einmal beim Segeln gekentert ist und fast umgekommen wäre. Fortan durchläuft das merkwürdige Weitling-Duo noch einmal die 50er Jahre, die bekannte Familiengeschichte, wenn auch mit kleinen, kuriosen Abwandlungen. Weitling senior kann sich als »Geist« zwar nicht bemerkbar machen, jedoch wundersamerweise auf die Gedankengänge seines jugendlichen Alter Egos einwirken.

     

    Zurück in die Zukunft

    Einerseits ein durchaus vergnügliches, wenn nicht gar philosophisches Gedankenexperiment – andererseits eine anspruchsvolle literarische Herausforderung! Sten Nadolny dichtet seinem Protagonisten einen Gutteil der eigenen Biografie an, auch die eigene Altersmilde, Güte und abwartende Zurückhaltung. Ein »Jugendarrest für Senioren«? Trotz vager Anleihen an das Science-Fiction-Genre ist dieser bemerkenswerte Roman eine gelungene Versuchsanordnung über Identität, Vita und (oftmals trügerische) Erinnerung.

     

    So kann Weitlings Sommerfrische durchaus als Krönung des Nadolny'schen Werkes angesehen werden. Der Autor, der einst mit der Entdeckung der Langsamkeit (1983) reüssierte und somit ein viel zitiertes literarisches Bonmot prägte, entzieht sich gerne dem gängigen Literaturbetrieb. So sehr, dass er fast schon in Vergessenheit geriet. Doch Ruhe, Reife und Geduld sind seine Stärken. Und wer diese altmodischen Tugenden schätzt, wird mit diesem genussvollen Sommerroman gewiss seine Freude haben.

     

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