• losttorrent
  • richtorrent
  • pushtorrent
  • Titel-Magazin
    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:48

    Frank Schulz: Onno Viets und der Irre vom Kiez

    25.06.2012

    Die Hamburger Big Lebowski-Version

    Frank Schulz Onno Viets und der Irre vom Kiez

    Von TANJA LINDAUER

     

    Schon mit Kolks blonde Bräute oder Das Ouzo-Orakel konnte der Hamburger Autor Frank Schulz beweisen, dass er ein Meister auf seinem Gebiet, ja sogar ein Sprachakrobat, ist, der einen gewissen Hang zum Grotesken pflegt.

     

    Formulierungen wie »Noten aus dem kakophonischen Kanon, den das Sirenenorchester des hanseatischen Peterfuhrparks zur Untermalung der geschehenen Undinge intoniert hatte« gehören daher zum Alltag. Der Bukowski der Elbe hat sich in seinem jüngsten Werk einem Krimi gewidmet. Doch das auf seine ganz eigene Art und Weise.

     

    Eine hanseatisch-mallorquinische Soziopathen-Krimi-Komödie

    Auftakt: Das Alstermonster oder der Hüne, wie er von der Hamburger Presse bezeichnet wird, ist rasend vor Wut. »Händchen« (so sein Spitzname), die rechte Hand eines Kiez-Oligarchen, hat noch eine Rechnung offen, die er begleichen wird. Koste es, was es wolle! Der Irre vom Kiez sieht wirklich schrecklich aus: ein zahnloses Maul, abgeschnittene Ohren, Hörner auf dem Kopf und von Kopf bis Fuß tätowiert. Der Hüne scheint außer sich zu sein.

     

    Zunächst ist er auf einem Videoclip zu sehen, den zwei Hamburg-Touristen aufgenommen haben. Nackt auf einem Motorrad brettert er in die Außenalster und kapert einen Touristendampfer. Aber wieso? Rückblick: Ex-Bummelstudent, Ex-Kneipenpächter, Ex-Journalist und Ex-Kioskbesitzer Onno Viets, jenseits der Fünfzig und seines Zeichen Hartz-IV-Empfänger sitzt in der Patsche. Er schuldet dem Finanzamt Geld, das er aber nicht hat. Da kommt ihm ein Jobangebot gerade recht: »So, Sportsfreunde. Achtung, Achtung. Ich glaub’, ich werd’ Privatdetektiv. Öff, öff«, verkündet er seinen Freunden nach ihrer wöchentlichen Tischtennisrunde.

     

    Doch seine Freunde sind entsetzt: Onno Privatdetektiv? Das kann doch nur nach hinten losgehen. Außer ein »enormes Sitzfleisch« und einem gütigen Lächeln hat Onno eigentlich nichts vorzuweisen. Onno ist faul, verglichen mit einem Aas sei Letzteres auf jeden Fall aktiver als der Hamburger Big Lebowski. Doch dann bekommt er schon seinen ersten Auftrag: Er soll das Starlet einer Erotik-Casting-Show beschatten. Denn ihr Freund Nick Dolan glaubt, dass Fiona Popo ihn betrügt. Und tatsächlich: Kein Geringerer als Händchen ist der Nebenbuhler. Onno muss nach »Malle«, um seinen Auftrag zu beenden. Und schon nimmt alles eine eigene Dynamik an, die der arme Onno nicht mehr kontrollieren kann.

     

    Der Deubel, Diggä. Der Deubel if läuof

    Der Teufel ist los, wahrhaftig, und der muss bei Schulz natürlich Platt schnacken. Schon in Kolks blonde Bräute beleuchtete Frank Schulz Menschen, die gerade einmal so zurechtkommen. Das hat sich auch in dem neuen Roman nicht geändert. Schulz schweift in seiner Erzählung ab, füttert den Leser mit Häppchen an, die in Form von Videoclips, das Ende erahnen lassen. Doch trotz der Umschweife gelingt es dem Autor ein großes Ganzes zu präsentieren, und das auf so skurrile und aberwitzige Art und Weise, dass man gar nicht kann, als zu lachen und mit dem Antihelden mit zu fiebern. Ganz automatisch wird Noppensockenträger Onno, den man im wirklichen Leben vermutlich eher bemitleiden würde, zum Sympathisanten.

     

    Die Fabulierfreude von Schulz gepaart mit grotesken Beschreibungen, mal im Hamburger Gossenjargon, mal akademisch höchst anspruchsvoll geschildert, lassen es nie langweilig werden. Doch gewarnt seien diejenigen, die einen empfindlichen Magen haben, denn auch Gewaltszenen werden ebenso mit all ihren Details ausgeschmückt wie die einzelnen Figuren. Jede Menge Spannung, Situationskomik, Sprachakrobatik und typisch Schulz'sche Formulierungen lassen das Krimi-Debüt zu einem unvergesslichen Leseerlebnis werden. Um in den Worten von Onno und Co. zu sprechen: Öff, öff, Hammer, Diggär!

     

    | kommentar schreiben

    Name:
    Kommentar:

    Tage, Tage, Jahre

    Staunen, entdecken, querlesen, umblättern, abreißen – Literaturkalender begleiten uns verlässlich durchs Jahr, versorgen uns häppchenweise und gut dosiert mit ungeahnten ...

    Seitenhiebe

    Auf ihrem nächtlichen Heimweg werden Anne und René Winkler (Natascha Paulick, Stefan Kurt) von drei jungen Männern attackiert und brutal zusammengeschlagen. Die Polizisten Phillip ...

    Gerd Sonntag und ein Hühnerglucksen zum Abschluss

    Giovanni Santi malt eine Fliege – Lyrik von Ger Sonntag.

    Von STEFAN HEUER

    Mr. Charms ist nicht zu fassen!

    Der verführerischen Absurdität von Charms' gesammelten Werken, die dankenswerterweise vom Galiani Verlag nun vollständig herausgegeben wurden, kann man sich nur schwer ...

    Die Jugend endet auf dem Campingplatz

    Wie wird man erwachsen, in einer Zeit, der die großen Ideen fehlen? Wo sich das Leben gleichförmig von einem Tag zum anderen zieht und das Entwerfen ...

    Die böse Schlange
    und das weiße Kaninchen

    In diesem Land stimmt etwas nicht. Der Feminismus nämlich. Schwach steht er da, der Wind pfeift durch die Löcher seines theoretischen Unterbaus. Ähnlich steht es mit den Frauen. ...

    Vom großen Lama aus der Regent`s Park Road

    Tristram Hunt widmet dem Schatten von Karl Marx, der selbst ernannten »zweiten Violine« des Marxismus, dem Industriellenerben Friedrich Engels eine ...

    Wer will fleißige Handwerker sehn

    Der Künstler und ehemalige Hartz IV-Empfänger Van Bo Le-Mentzel hat zusammen mit seiner Crowd ein DIY-Forum geschaffen und mittels Schwarmfinanzierung auch gleich ein Buch drucken lassen. ...

    Psychothriller mit doppeltem Deutungsboden

    Alles beginnt ganz harmlos. Mit einem Schulaufsatz, in dem der französische Oberstufenschüler Claude (Ernst Umhauer) von einem Besuch im Haus seines Klassenkameraden Rapha berichtet. ...

    NJ Institut for sundhed og senior services køb cialis online sundhedspleje forsikringsudgifter