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    Montag, 24. April 2017 | 23:03

    Martin Walker: Delikatessen

    18.06.2012

    »Frankreich ist auf Knochen gebaut«

    Bruno, Ortspolizist in dem fiktiven Périgord-Städtchen Saint-Denis, hat wieder einen Fall am Hals. Es ist sein vierter. Und wie in den drei Büchern davor serviert Martin Walker erneut eine leicht lesbare Mischung aus Verbrecherjagd, Reiseverführer und Gourmetfibel. Für manche sind die Romane des gebürtigen Schotten schon immer ein bisschen zu kalorienhaltig und kalkuliert, um als »richtige« Kriminalromane durchzugehen. Wir aber haben uns an Walkers  Delikatessen zumindest nicht den Magen verdorben. Von DIETMAR JACOBSEN

     

    Benoît Courrèges, genannt Bruno, ist wieder da. Er ist der chef de police von Saint-Denis, einem kleinen, malerischen Périgord-Ort. Und obwohl er richtige, harte, zeitaufwändige und gefährliche Polizeiarbeit nur zu gerne vermeiden würde, sucht sich das internationale Verbrechen ausgerechnet ständig den paradiesischen Flecken im Vézère-Tal aus, um in seiner ganzen Widerwärtigkeit in Erscheinung zu treten. Worauf Bruno die Weinflasche verschließt, den Kochlöffel aus der Hand legt, die örtliche Rugbymannschaft für eine Weile sich selbst überlässt – die ihn anhimmelnden Frauen dito – und mit viel Witz und Fingerspitzengefühl die Ordnung im Südwesten Frankreichs wiederherstellt.

     

    Polizist im Périgord

    Diesmal halten den Mann gleich drei Fälle von fois gras, Montbazillac  und anderen Köstlichkeiten ab. Militante Tierschützer attackieren die örtlichen Gänsezüchter, bei archäologischen Grabungen findet sich als Kollateralschaden ein Toter aus den Achtzigern des letzten Jahrhunderts an und ein spanisch-französisches Ministertreffen in der ländlichen Idylle wird von baskischen Terroristen bedroht. Als dann noch eine neue Amtsrichterin und eine alte Liebe in Saint-Denis eintreffen und den braven Bruno vor schwere Entscheidungen stellen, hat der frankophile Walker wieder alles beisammen, was es zu einem vorderen Platz in den aktuellen Bestsellerlisten braucht.

     

    Fluchtpunkt sämtlicher, sich im Laufe des Romans langsam miteinander verknüpfender Handlungslinien ist die Ausgrabungsstätte am Stadtrand von Saint-Denis, wo der deutsche Archäologie-Professsor Horst Vogelstern seit Jahren graben, pinseln und sieben lässt. Hier arbeiten nicht nur die Studenten, die sich als PETA-Aktivisten nachts an die Gänsegatter heranschleichen. Hier findet sich nicht nur jene ominöse Leiche, die auf die blutigen Spuren der ETA und ihrer einst zu einem »schmutzigen Krieg« ermächtigten Verfolger vom spanischen Geheimdienst führt.

     

    Hier hat auch der Professor selbst ein dunkles Geheimnis versteckt, welches ihm fast das Leben kostet. Und das ausgerechnet in dem Moment, da seiner Crew ein sensationeller Fund gelungen ist, welcher das kleine Städtchen in den nächsten Jahren zum Mekka für all jene machen könnten, die sich für die Frühgeschichte der menschlichen Rasse interessieren.

     

    Zwischen Regiokrimi und Reise(ver)führer

    Delikatessen wird die stetig wachsende deutsche Fangemeinde des 65-jährigen Historikers und Journalisten Walker nicht enttäuschen. Süffig kommt das daher und schickt alle, die sich auf der Suche nach den letzten irdischen Paradiesen befinden, direktemang ins Périgord. Da sind die Menschen freundlich und aufgeschlossen und wenn es mal Probleme gibt, dann kommen die von außen her – wie diesmal aus Spanien – oder haben ihre Wurzeln in der Vergangenheit. Kein Leser muss fürchten, mit Dingen, die ihm den Magen umdrehen, konfrontiert zu werden – es sein denn, er mag die Methoden, mit denen das einheimische Geflügel »gestopft« wird, genauso wenig wie die jungen Tierschutzaktivisten, die eine Gänseleber-Konservenfabrik einfach in die Luft sprengen.

     

    Im Grunde aber geht es sauber zu in Saint-Denis. Und Bruno, der grundsympathische chef de police, tut alles, damit es auch so bleibt. Allein mit den Schrecken der Geschichte dürfte es künftig etwas eng werden. Nach deutscher Besatzung und Résistance, nach kolonialem Erbe und baskischem Untergrund wird Martin Walker für die nächsten Bände wohl noch tiefer graben müssen, will er sich nicht wiederholen. Wir wünschen ihm dazu jedenfalls allzeit saubere Handpickel und Spitzkellen!

     

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