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Montag, 27. März 2017 | 22:23

Mark Boog: Mein letzter Mord

18.06.2012

Den Mörder verstehen

Mark Boogs Roman Mein letzter Mord

Von PETER MOHR

 

Dieser schmale Roman eines hierzulande noch weitgehend unbekannten Autors ist eine echte Entdeckung. Der Niederländer Mark Boog, Verfasser von sieben Gedichtbänden und vier Romanen, hat eine eigenwillige Mischung aus Krimi und Psychogramm vorgelegt, die durch ihre präzise Sprache den Leser mit einer immensen Sogwirkung durch die Handlung zieht.

 

Im Zentrum des ersten in deutscher Übersetzung vorliegenden Erzählwerks des 42-jährigen, aus Utrecht stammenden Schriftstellers steht ein betagter Kriminalbeamter, der sich kurz vor seiner Pensionierung mit einem dreißig Jahre zurückliegenden Fall beschäftigen soll.

 

Der namenlose Protagonist (»ein unauffälliger, grauer Dummkopf«) fühlt sich von seinem Vorgesetzten abgeschoben, denn der Fall ist eigentlich längst erledigt. Der mutmaßliche Mörder musste einst wegen eines Ermittlungsfehlers zwar wieder auf freien Fuß gesetzt werden, ist aber inzwischen längst verstorben. Die Hauptfigur wächst immer mehr in den »Fall« hinein. Der Ermittler sucht den einstigen Tatort auf – eine alte Mühle, die inzwischen zum favorisierten Treffpunkt frisch verliebter Paare geworden ist.

 

Bei der akribischen Recherche kommt es auch zum Treffen mit der Witwe des potenziellen Täters. Eine Begegnung, die nicht folgenlos bleibt. Die etwas zwielichtig gezeichnete Frau übt einen geradezu magischen Einfluss auf den eigentlich so korrekten und diensteifrigen Ermittler aus (»Ich habe mich nie gedrückt, aber auch nie verausgabt«), der irgendwann Dinge tut, die er sich rational nicht erklären kann. Er schmuggelt Akten aus der Dienststelle und legt sich eine Pistole zu, mit der er wild durch die Gegend ballert. Amors Pfeil hat den Kriminalbeamten offenbar frontal getroffen und einen späten Ausbruch aus dem geregelten, gut durch strukturierten Alltag ausgelöst.

 

Irgendwann wird der alte Fall zur Marginalie, und es entsteht ein philosophisch untermaltes Wechselspiel zwischen Theorie und Praxis, zwischen Realität und Möglichkeit, zwischen dokumentierten Fakten und instinktgesteuerten Mutmaßungen.

 

Autor Mark Boog erzählt durchgängig aus der Perspektive des Ermittlers und evoziert so ein ganz behutsames Psychogramm einer späten Selbstverwirklichung. Das erinnert in den besten Passagen an die Meisterwerke von Patricia Highsmith, die einmal ganz offen bekannte, dass sie von den Motiven des Täters fasziniert sein muss, um eine »gute Geschichte« schreiben zu können. Am Ende des Romans bleiben zwar die vom Autor geschickt gesäten Zweifel an den Ermittlungsergebnissen der Vergangenheit zurück, letztendlich kreist aber alles um die Frage: Wie weit muss man gehen, um einen Mörder wirklich zu verstehen? Der niederländische Originaltitel Ik begrijp de moordenaar (dt. »Ich verstehe den Mörder«) zielt auch genau in diese Richtung. Ein fesselndes Leseerlebnis, das den Wunsch entfacht, schon bald mehr aus der Feder dieses Autors in deutscher Übersetzung lesen zu dürfen.

 

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