Bereits wenige Tage nach diesem Familientreffen hat Herman einen Unfall im Garten und er stirbt nach einem kurzen Aufenthalt im Krankenhaus. Auf dem Sterbebett murmelt er im Fieberwahn seine letzten Worte – in jiddischer Sprache. Sie klingen wie eine Botschaft für seine Tochter Sara, die jedoch die alte Sprache nicht richtig versteht. Über die Vergangenheit ihres Vaters während des Nazi-Terrors weiß sie nur, dass ihr Vater mit 15 Jahren zum letzten Mal seine Eltern gesehen hat, bevor diese ins KZ verschleppt worden waren. Er selbst hat zusammen mit seiner späteren Frau Iezebel die Schrecken der Vernichtungslager überlebt. Alles Weitere liegt im Dunklen.
Denn obgleich Saras Vater später als Historiker genau diesen Zeitabschnitt intensiv erforscht, schweigt er sich über seine eigene Biografie aus. Und mit diesem Schweigen scheint er seine Familie beschützen zu wollen. Er verstummt, sperrt Briefe, Unterlagen, Akten in seinem Arbeitszimmer weg, hält sich bedeckt – so als wolle er eine Art magischen Schutzraum erwirken.
Als dieser väterliche Schutz wegbricht, wird eine Lawine ungeahnter Ereignisse losgetreten. Sara begegnet beim Joggen einem unheimlichen Autofahrer, der auf sie zugerast kommt, beinahe überrollt und bedroht. Der Unbekannte nennt sie bei ihrem Namen. Nach diesem Überfall muss sie erfahren, dass sich ihr Sohn Mitch, der in den Staaten geboren ist und dort studiert, bei der US-Army für einen Afghanistan-Einsatz verpflichtet hat. Sara fliegt sogleich zu ihm und versucht ihn umstimmen, jedoch ohne Erfolg. Und sogar Jakob, ihr Mann und ein erfolgreicher Filmemacher und Produzent, fällt ihr in den Rücken und unterstützt Mitch bei seinem Entschluss.
Typisch für Jessica Durlacher ist ihre Erzähltechnik, die sich sehr an der schnellen Schnitttechnik des Films orientiert: Mal beobachtet sie aus der Ich-Perspektive Saras, dann schwenkt sie in einen auktorialen Stil, bringt Dialoge, um sogleich wieder in einen Gedankenmonolog zu wechseln: »Da habe es angefangen, erzählte Mitch. Nach den vielen leidenschaftlichen Monologen, die sein Vater und Großvater dem Mut der amerikanischen Soldaten gewidmet hätten, sei für ihn klar gewesen – das habe er sofort gefühlt –, dass er für diese Demonstrantinnen keinerlei Sympathie aufbringen könne und wolle. Er habe sich mit den Jungs im Irak und Afghanistan identifiziert ... ›Es tat so gut, nicht mehr unentschlossen zu sein, Mama!‹ Ob ich mich denn nicht mehr daran erinnerte, wie oft er von der US-Army gesprochen habe? Doch, daran konnte ich mich erinnern. Ich hatte dabei an nichts Böses gedacht, hatte es kaum ernst genommen.«
Stellenweise ist diese Art des Ausfüllens von Leerstellen, des Sagens und Erklärens durch die Autorin recht didaktisch, wird man als Leser doch immer wieder direkt auf die – fast kriminalistisch gelegte – Spur gebracht. Vielleicht ist es nötig, um die zahlreichen Details, Familienanekdoten und Aktennotizen in Zusammenhang zu bringen.
Im Roman spitzt sich der Konflikt weiter zu, als Sara bei ihrer Mutter alte Familienbriefe, Ausweise, Dokumente, Fotos findet. Die Erlebnisse während der Besetzung Hollands durch die Deutschen werden für Sara plötzlich sichtbar. Außerdem entdeckt sie Akten von einem rätselhaften Prozess, den ihr Vater jahrelang geführt hat und der erst vier Monate vor seinem Tod mit einem Urteil beendet wurde. Und gleichzeitig findet Sara noch die alte Pistole des Vaters. Dann wird die Familie überfallen. Eine Abrechnung? Jedenfalls fehlen am Ende des Romans zwei Kugeln aus der Pistole des Vaters. Mehr wird nicht verraten. Der Leser mag selbst am Ende staunen oder ungläubig den Kopf schütteln.