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Péter Nádas: Parallelgeschichten

28.05.2012

Epochale Maßstäbe gesetzt

Ohne lange Vorrede: Dieses Buch setzt neue Maßstäbe. 18 Jahre lang hat der Ungar Péter Nádas an diesem opulenten Wälzer gearbeitet, der 2005 im Original in drei Bänden erschienen war. Rätselhaft und vage hatte sich der Autor vor einiger Zeit über sein Opus Magnum geäußert und erklärt, dass er »parallele Erinnerungen verschiedener Personen zu verschiedenen Zeiten« im Sinn gehabt habe. »Und die verschiedenen Personen wären alle ich, ohne dass ich es wirklich wäre.« Von PETER MOHR

 

 

Die Parallelgeschichten sind ein großes Zeitzeugnis in 39 bewegenden Kapiteln, ein hochartifizielles deutsch-ungarisches Geschichtsbuch des 20. Jahrhunderts. Peter Nádas, der seit seinem großen Roman Buch der Erinnerung (1985) immer wieder (und nicht zu Unrecht) als Nobelpreiskandidat gehandelt wird, weiß genau, wovon er schreibt. Er ist Pendler zwischen den Welten, lebte in Budapest, Salzburg und Berlin, ehe er in Gombosszeg in der ungarischen Provinz (4 Bahnstunden von Budapest entfernt) sesshaft wurde.

 

Während sich in seinem Buch der Erinnerung vor knapp 30 Jahren noch alles um ein bürgerliches Ich drehte, geht es bei Nádas heute um die Polyphonie, um die Parallelität unterschiedlichster Stimmen und Perspektiven. »Der Individualität sind die Reserven ausgegangen«, hatte der Autor einmal in einem Interview erklärt.

 

Die Verzahnung von deutschen und ungarischen Lebensläufen zieht sich wie ein roter Faden durch die Handlung, deren Eckpunkte der niedergeschlagene Aufstand des Jahres 1956 in Ungarn und der sich abzeichnende Mauerfall im November 1989 sind. Wie eine tiefschwarze Folie hüllen die Untaten der Nationalsozialisten viele Handlungsstränge ein. Péter Nádas, der im Oktober seinen 70. Geburtstag feiert, hat ein gigantisches Figurenensemble aufgefahren. Hier wird eine Episode angerissen, dort ein Scheinwerferlicht hingehalten, dann eine neue Erzählsequenz begonnen, und irgendwann finden die Erzählfäden und auch viele Figuren wieder zusammen. Alles eine Frage der Geduld und des detektivischen Spürsinns.

 

Der Roman beginnt im Berliner Tiergarten im Jahr 1989. »Noch in dem denkwürdigen Jahr, als die berühmte Berliner Mauer fiel, stieß man unweit der verwitterten Marmorstatue der Königin Luise auf eine Leiche.« Der Student Döhring findet beim morgendlichen Lauftraining den Toten. Der herbeigerufene Kommissar Kienast bemerkt einen seltsamen Duft am Fundort der Leiche und verdächtigt alsbald den Jogger. Wer war der Mörder? Wer war der Tote? Und was ist mit dem Tatverdächtigen? Der Jogger taucht später in der Handlung noch einmal bei seiner Tante auf, bei einer spleenigen Kunsthändlerin in Düsseldorf. En passant erfahren wir auch noch, dass der SS-Obersturmführer Döhring einer der Vorfahren des Studenten war.

 

Der überwiegende Teil der Handlung ist in den 1960er Jahren in Budapest angesiedelt, diese von Misstrauen, Angst und Brutalität geprägte Atmosphäre des Kalten Krieges prägt das Buch nicht unwesentlich. Die Spuren des Zweiten Weltkrieges und der blutigen Niederschlagung des Volksaufstandes sind noch nicht verschwunden – weder in den Köpfen der Menschen noch im Stadtbild. Verwüstungen und Zerstörungen dominieren allenthalben. All diese Schrecklichkeiten, so Nádas' über der Handlung thronende These, haben in den Konzentrationslagern der Nazis ihre Wurzeln.

 

Manchmal sind es nur ganz kurze Erzählsequenzen, die tiefgehende Erschütterung auslösen: »Fast jeden Morgen sah ich einen Mann, der nur noch aus Rumpf bestand. Er schob sich zwischen den Beinen der Fußgänger auf einem Brett mit Rollen vorwärts. Er rollte aus der Szófia-Straße heraus, bremste mit den Händen, die in dicken Lederhandschuhen steckten. Er sagte die immer gleichen zwei Sätze. Wenn ich auf der anderen Seite um etwas Hilfe bitten darf.«

 

Es wird unendlich viel gelitten, immer wieder begegnen wir mutterlosen Figuren, psychisch deformierten freudlosen Existenzen, und irgendwie glaubt man, alle wären ein Fall für die Couch des Psychiaters. Kristof ist so eine Figur, ein junger Mann, so hin- und hergerissen und zwiegespalten wie die Orte, an denen die Handlung spielt. Er ist Homosexueller, der den Schwulentreff auf der Budapester Margareteninsel aufsucht, hat sich aber auch in Klara verliebt. 

 

Bei Péter Nádas gibt es keine Tabus, weder inhaltlich noch ästhetisch. Er ist ein Schriftsteller, der aufs Ganze geht, kein taktierender Kompromisskünstler. »In die Hose zu machen, ist sehr gut, einerseits bequem, andererseits warm. Warum strafen meine Eltern mich, wenn ich das mache? Warum entziehen sie die Liebe? Das ist furchtbar!« Oder wenn er sich an anderer Stelle dem unendlichen Liebesakt von Agóst und Gyöngyvér widmet, einem viertägigen Dauer-Koitus, den er auf rund hundert Seiten anatomisch so detailliert beschreibt, als gehe es um die Gebrauchsanweisung eines technisch komplizierten Gerätes, zum Beispiel um die ausgefeilte Mechanik von ineinandergreifenden Zahnrädern. Man kann sich des Gefühls nicht erwehren, dass sich hier der geschärfte Blick des einstigen Fotografen Péter Nádas in Worten Bahn bricht

 

Dieser Autor leuchtet noch das kleinste Detail taghell aus, etwa dass ein Bettlaken über mehrere Hundert Seiten hinweg (nach einem besonders intensiven Geschlechtsverkehr) noch nicht getrocknet war. Hier ist ein Pedant am Werk, ein Genauigkeitsfanatiker, der seine erzählerischen Wurzeln bei den großen Romanciers des 19. Jahrhunderts hat. Dieser Roman hat einen beinahe enzyklopädischen Gestus und versprüht einen unaufgesetzten, allein durch die Handlung legitimierten Universalitätsanspruch.

 

Trotz Nádas Affinität zur erzählerischen Opulenz des 19. Jahrhunderts arbeitet er geschickt mit Zeitraffung und Dehnung. Er beherrscht beide Techniken ebenso virtuos wie den Wechsel der Erzählperspektiven. Bei einer malerisch beschriebenen Taxifahrt durch Budapest inszeniert er eine Unterhaltung des Chauffeurs mit seinen beiden weiblichen Fahrgästen und unterfüttert diese glanzvolle erzählerische Passage mit inneren Monologen aller drei Figuren. In diesem Zusammenhang muss auch die vorzügliche Übersetzung von Christina Viragh ausdrücklich gelobt werden.

 

Ob nun Robert Musil, wie viele Experten mutmaßten, oder doch Nikolai Gogol (auf den sich Nádas sehr oft bezieht) hier stärker literarisch Pate stand, sei dahingestellt. Es wären beides ehrbare künstlerische Lehrmeister, wie man in diesem Zusammenhang auch noch Tolstoj, Balzac, Schnitzler und Heimito von Doderer anführen könnte, aber im Geiste ist Péter Nádas in seinem Epos auch ganze nahe bei Sigmund Freud.

 

Die Parallelgeschichten sind mehr als eine anstrengende literarische Hochgebirgswanderung, bei der man alle Sinne schärfen muss. Nein – das ist ein künstlerischer Achttausender, ein kolossales Buch wie ein Himalaya-Brocken, das nicht gelesen, sondern bezwungen werden will. Unterwegs sollte man Pausen einlegen, Körper und Geist Zeit zur Regeneration einräumen, denn hier wie dort wird die Luft ganz dünn, man ringt nach Atem, kämpft mit sich und dem unsichtbaren Giganten. Nur gut Trainierte werden den Gipfel (das Romanende) erreichen und ein einmaliges Glücksgefühl erleben. Ganz egal, ob ein Himalaya-Gigant oder Péter Nádas' epochaler Roman bezwungen wurde: Man ist hinterher (so oder so) ein anderer Mensch.

 

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