Dass Das kaputte Knie Gottes, Degens' erster Roman beim Knaus Verlag, nicht die von mir erhoffte Weiterführung einer der in Unsere Popmoderne begonnenen Geschichten ist, tut der Freude keinen Abbruch. Aber fangen wir vorne an:
Degens erzählt die Geschichte der im Ruhrpott aufgewachsenen Freunde Dennis und Mark. Mark (der in diesem Buch als rückblickender Ich-Erzähler auftritt) studiert auf Lehramt, genießt das Studentenleben in vollen Zügen (Frauen, Alkohol, Fußball) und versucht sich nebenbei als Schriftsteller (wobei ihm auch dabei nicht wirklich nach Arbeit zumute ist, weshalb er sich in einem ehrlichen Moment gegenüber seinem Freund eher pragmatisch als enthusiastisch über seinen Umgang mit dem Wort äußert: »Dennis wollte wissen, wie ich das Schreiben erlebte. Ich erklärte ihm, dass ich meine Werke zwar gern in der Öffentlichkeit vortrüge und über sie spräche, dass ich das Schreiben an sich aber eher als lästige Pflicht empfände, als notwendiges Übel. Stattdessen träumte ich von einer Werkstatt, in der Mitarbeiter meine Buchideen verwirklichten und meine Textentwürfe zu Ende führten...«).
Ganz anders Dennis: Bereit, für seine Kunst zu leben und zu leiden, bricht er das Studium der Kunstgeschichte nach dem dritten Semester ab, um sich als Bildhauer gänzlich der Produktion überdimensionaler Körperteile aus Beton widmen zu können. Aber auch ein Künstler will wohnen und essen, und da niemand seine Werke kaufen will, schlägt er sich mit diversen Nebenjobs als Medikamententester, Gepäckschließfachgeldentleerer und Kassierer in einem Pornokino durch. Alles eine der finanziellen Klammheit geschuldete Routine, bis Dennis bei seinem nächsten Job, dem Zusammenbinden von Masthähnchenkeulen in einer Fabrik, Lily kennenlernt, eine glühende Lenin-Anhängerin und Studentin des Russischen und der Sozialwissenschaften, die während der Semesterferien in der Fabrik arbeitet – weniger des Geldes wegen, sondern in erster Linie, um die Werktätigen zum Klassenkampf zu bewegen.
Dennis ist sofort hin und weg, wobei es aufgrund seiner Schüchternheit noch einige Zeit dauert, bis aus den beiden ein Paar wird. Lily pflanzt Dennis ihr revolutionäres Gedankengut ins Hirn. Aus Enttäuschung darüber, dass sich die Presse über einen großen Studentenprotest in Düsseldorf ausschweigt, beschließen Lily, Dennis und Mark die Aufführung des Brecht-Stücks Die Mutter – radikal, hochexplosiv, anders. Angestachelt von oppositionellem Elan und Lilys kommunistischen Neigungen machen sich die drei an die Logistik, kümmern sich um Mitstreiter, Räume, Bühnenbild – bedauerlich, dass die Aufführung durch das Veto der Brecht-Erben nicht zustande kommt.
Stattdessen bekommt Lily eine mysteriöse Allergie, von der ein Allergologe meint, dass sie auf den Betonstaub von Dennis' Bildhauerei zurückzuführen sei. Derart vor die Wahl gestellt, Kunst oder Liebe, bleibt Dennis seiner Kunst treu. Schockiert und irritiert leidet er an Weltschmerz – und auch die auf zwei Paletten verteilten 1.000 Dosen Lucky-Dog-Hundefutter, die er bei einem Gewinnspiel gewonnen zu haben scheint, entschärfen die Situation keineswegs und machen sein Leben nicht wirklich besser...
Dann aber bringt ein Freund Dennis auf die Idee, seine Beton-Kunst per Anzeige an den Mann zu bringen. Zwei Wochen nach Erscheinen der Anzeige herrscht noch Schweigen im Walde, dann aber zeigt jemand tatsächlich Interesse an der diesem Roman den Titel gebenden Arbeit Das kaputte Knie Gottes, kommt vorbei, legt 2.000 Eier auf den Tisch des Hauses und verschwindet mit der Skulptur. Durch diesen ersten Verkauf euphorisiert, beschließt Dennis, die Jobberei an den Nagel zu hängen und fortan nur noch für und auch von seiner Kunst zu leben.
Dennis isoliert sich, ändert Äußeres und Gewohnheiten, und auch bei Mark, der in einer Buchhandlung jobbt (und sich ab und zu mit Lily trifft...), stehen mit dem nahenden Ende des Studiums Änderungen ins Haus. Alles ist angespannt, dann aber bekommt Dennis seinen ersten großen Auftrag: ein riesiger Beton-Penis für die Fußgängerzone, Auftraggeber: ein auf Horror und Porno spezialisierter Filmverleih... Dies alles geschieht bereits auf den ersten 80 Seiten. Auch die noch folgenden 170 Seiten zu schildern, würde an dieser Stelle den Rahmen sprengen.
Um es (mal wieder) mit dem großen Philosophen Stephan Sulke zu sagen: Im Grunde klingt die Story schrecklich simpel. Zwei Freunde, Episoden aus ihrem Leben, gemeinsame Erlebnisse – das kann man tierisch an die Wand fahren, muss man aber nicht. Degens erzählt in angenehm unkompliziertem Ton, knapp und schnörkellos. Dennoch hat man als Leser nie das Gefühl, Degens würde durch die Chronologie der Ereignisse hecheln; ganz im Gegenteil, denn erfreulicherweise gönnt er nicht nur den beiden Hauptprotagonisten, sondern auch den anderen Figuren wie Lily, aber auch den Eltern von Dennis (seine Eltern waren einfache Leute, sein Vater Bierfahrer, sie hatten Respekt vor jeder Postwurfsendung) feine charakterliche Studien und Schilderungen.
Was diesen Roman zu einem wahren Lesevergnügen macht, ist die Tatsache, dass Degens (im Gegensatz zum Mark im Buch) merklich Spaß am Schreiben hat, Spaß vor allem auch daran hat, Nebenschauplätze nicht nur anzureißen, sondern sorgfältig als eigenständige Szenen auszustaffieren. Besonders deutlich wird dies zu Beginn des Buches, wo er – praktisch als Prolog – die Umstände schildert, die Dennis dazu bewegen, seinen Job im Pornokino zu kündigen. Einen überaus gemütlichen Job, der genügend Zeit zum Träumen und Fernsehen lässt, bis die Intellektuellen das Kino und die dort laufenden Filme für sich entdecken und zum neuesten heißen Scheiß der Stadt erklären.
Mehr als köstlich der Dialog zweier Männer, die den Wichsschuppen verlassen und sich dabei derart angeregt über den gezeigten Tittenfilm unterhalten, dass man denken könnte, sie wären gerade Zeuge der Weltpremiere eines großen Epos geworden und von Éric Rohmer persönlich bei Verlassen der Lokalität per Handschlag verabschiedet worden.
Auf dem Backcover findet sich ein dem Magazin Park Avenue entstammender Appetizer: »Degens schreibt fein und schräg, man lacht sich schlau und scheckig!« Ähnliches habe ich in der Vergangenheit über viele Bücher lesen müssen, und oftmals musste ich nach der Lektüre Zweifel anmelden und bedröppelt feststellen, dass man den Verfasser einer solchen Bemerkung entweder gut bezahlt oder einen Rezensenten erwischt hatte, der sonst nichts zu lachen hatte.
Hier aber: mehr als berechtigt, denn Das kaputte Knie Gottes strotzt in der Tat vor lustiges Passagen und Dialogen. Eine meiner Lieblingsstellen ist die Reaktion der mit Dennis in einem Haus wohnenden Rentnerin Frese auf die in die Hofeinfahrt gestellten Hundefutter-paletten: »Gehören Ihnen die Sachen auf der Straße? Das ist ungeheuerlich, die verschandeln ja die ganze Gegend! Was bilden Sie sich bloß ein! Erst hämmern Sie von mittags bis abends, dann schreit Ihre Bekannte nachts das ganze Haus zusammen. Und ich hab Sie immer für schwul gehalten!«
Klasse Story, glaubwürdige, liebevoll gestaltete Charaktere, gute Dialoge – Marc Degens hat mit Das kaputte Knie Gottes einen Roman geschrieben, der vieles in sich vereint: coming-of-Age, Satire, Gesellschaftskritik, Entzauberung der Kunst und des Zwangs zur Provokation um jeden Preis. Eine runde Sache, was nicht nur auf den Text zutrifft, sondern schon beim Cover anfängt: Das nämlich ziert die Abbildung einer zerknautschten Bananenschale, was ein sinnvolles Bild ist, wenn man die Banane nicht nur mit Warhol, sondern auch mit Aktionskünstler Thomas Baumgärtel assoziiert, der mittels gesprayten Bananen Museen und Galerien zu höchster Ehre und Auszeichnung verhilft.
Wird Dennis je von seiner Beton-Kunst ablassen und sich stattdessen der Arbeit an naturalistischen Landschafts-Aquarellen zuwenden? Wird Mark als Abstauber fungieren und Lily ehelichen? Und vor allem: Werden sich die Kino-Betreiber wieder ihrem Kerngeschäft zuwenden und in absehbarer Zeit wieder Erotik-Highlights wie »Die geilen Nutten von Pornohill« in Endlosschleife zeigen? Dieses Buch stellt viele Fragen, bietet jedoch auch Antworten an – wenn auch nicht die erwarteten! Nach all den Jahren das erst zweite Buch, das ich meiner Mutter empfohlen habe! Kompliment!