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Guido Rohm: Die Sorgen der Killer

07.05.2012

Toppreis für Ihr Zahngold

Mit Die Sorgen der Killer empfiehlt sich Guido Rohm einmal mehr als Avantegardist der deutschen Kriminalliteratur.

Von THOR KUNKEL

 

»Die Killer in diesem Zimmer träumen. Sie starren ins Nichts der Welt hinein. Die Welt aber blickt nicht zurück.« Das ist nur eine von vielen Sorgen der Killer – und jeder sollte sie dieses Frühjahr eigentlich lesen.

 

Hinter dem ebenso ungewöhnlichen wie passenden Titel verbergen sich dreizehn geschliffene Miniaturen, in denen sich Guido Rohm stilistisch perfekt mit soziogenen Degenerationen und urbanen Mythen befasst. Was Allen Baron auf filmische Weise mit Blast of Silence gelang, findet erstmals im deutschsprachigen Raum mit Rohms Sorgen der Killer eine klare Entsprechung. Vielleicht liegt das vor allem an der kargen, fast asketischen Sprache, an dieser dem Abstrakten verhafteten Syntax, an verbalen, halb ausradierten Bleistifttändeleien, die wie Vexierbilder im Bruchteil einer Sekunde vor unseren Augen umkippen,  so dass aus Mohnblumen vor Furcht bebende Herzkammern entstehen, aus rotem Badesalz aufgetrocknetes Blut: Now you see it, now you don’t.

 

Statt seine Szenen auszuschmücken – wie es nun wieder Mode geworden ist – scheint der Minimalist alles weglassen zu wollen. Manche Kurzgeschichte wirkt fast skelettiert, die eigene Phantasie füllt gezwungenermaßen  die Leerstellen aus. Wer die Folter-Protokolle der Junta kennt, die Tagebücher des Arthur Crew Inman oder die berüchtigten, in Buchenwald  sichergestellten  »ZL« (spich Zettel) von SS-Mann Sommer, der weiß, welche Wirkung eine verknappte Sprache verbreitet, die am Rande des Wahnsinns balanciert: »Heute 3 Juden erschlagen, (die) Sonne scheint, den Vögelein Wasser gegeben.« Solche der Stenographie verwandten Sätze haben es in sich. Der Leser erstarrt vor der Echtheit des Grauen, das sich selbst verkennt und schon gar nicht erkannt werden möchte. Es entsteht eine Anti-Poesie, die um so eindringlicher ihre Schreckensbilder vermittelt.

 

Vielleicht muß man auch einen Nerv dafür haben. Toppreis für Ihr Zahngold (aktuell in einer Fußgängerpassage gelesen) ist aus meiner Sicht ein ganz übler, menschenverachtender Satz.
Dabei führt Rohm eher leise und behutsam an die Vorstellung heran, dass unsere auf faulen Kompromissen basierende Existenz, unser völlig unbegründetes Vertrauen in ein gutes Ende unserer Geschichte, – der eigenen wie das der westlichen Welt –, aufgerollt, ja, sofort annuliert werden könnte. Rohm schreibt bereits für die Generation der Prekären, die den Treibstoff der transitorischen Gesellschaft ausmachen müssen, gesichtslose Gestalten, die morgens um Vier am Berliner Ostbahnhof auf monströsen Schalenkoffern herumsitzen und auf irgendeinen Zug warten. Dass er längst abgefahren ist, spielt keine Rolle.


Rohms stets geschäftsreisende Killer haben jede Gewissheit gegenüber einer unverbindlichen und zutiefst unheimeligen Welt aufgegeben, sie funktionieren nur noch in einem Ablauf, einer von Geldmacht überwölbten Maschinerie des Todes – und so machen sie sich wie der unmündige Aljoscha in der Geschichte »Offline« an ihre alltägliche Arbeit – »weil du es endlich hinter dich bringen willst.« Der Autor führt an die Peripherie unserer Gattung, deren Entwicklung stets fragwürdiger wird. Wie ein schlechter Wein keinem Wein vorzuziehen ist, so verhält es sich letzlich auch mit dem Sein und der Nicht-Existenz.

 

Subalterne Gestalten wie Aljoscha und andere »Morlocks« bleiben in diesem abgekarteten Spiel nur am Leben, weil sie frühzeitig ins Lager der Geräte übergewechselt sind. Das Morden und Foltern um sie herum ist nur noch ein lukratives Geschäft, das in seinen Wesenszügen dem Turbo-Kapitalimus entspricht. The winner takes it all, even your life. Doch echte Lebensfreude entspringt selten dem Leid anderer Menschen.

 

Schon die erste Geschichte »Oktober« handelt daher von einem ziemlich frustrierten Mörder, der einen blutigen Backenzahn in seiner Hosentasche findet, einem Zahn von dem er nicht mehr weiß, »wie er dort hingekommen ist«.  Der Zahn – dieser traurige Rest eines Opfers – wird zum Ausgangspunkt einer Reihe ebenso komischer wie entsetzlicher Auftragsarbeiten, die den melancholischen Killer fast in den Hafen einer festen Beziehung führen – aber eben nur fast ...

 

Die Geschichte zeigt bereits Rohms Gestaltungspotential mit ganz wenig, ganz viel zu erzählen. Er dehydriert seine Stoffe zu reinstem Wort-Heroin, das spätestens nach der zehnten Seite nicht ohne Suchtgefahr ist. Im Grunde ist jede einzelne Erzählung ein in sich abgeschlossener Mikro-Roman, dessen »Instant-Charakter« diesen unmöglichen Gegenstand des Verbrechens noch intensiviert.

 

»Unterwelt« und »Becky« sind Psycho-Delikatessen, die Erinnerungen an J.G. Ballard oder Harlan Ellison (Maggie Money-Eyes) wachrufen. »Im Schloss« scheint dagegen der verkorksten deutschen Vergangenheistbewältigung, vor allem dem Verhängnis der Photoplatte, Rechnung zu tragen. »Deine Frau geht fremd« und »!toT« schulden ihren Reiz eher der Chaosforschung als der Kriminalistik. Denn eine Aufklärung der Verbrechen findet in einer durch und durch chaotischen Welt nicht mehr statt.

 

In »Noch 2 Stunden« läßt uns Rohm dann die mutmasslichen Begleitumstände eines Highschool-Massakers erleben, wobei er den modalen Futur gehörig ausreizt. Auch hier ist die Form des Ganzen viel wichtiger als die abgeschmackte, aber punktgenaue Pointe. Nach der tragi-komischen Titelgeschichte (»Die Blondine ist über das ganze Zimmer verteilt. (...) Er muß aufpassen, wohin er tritt.«) und dem sanften Nouveau-Romane-Stilleben »Leise Killer« gipfelt für mich Rohms Exkursion durch das Genre in der surreal anmutenden, literarischen Gemme »Unter Dampf«, die eine erschreckende Bootssafari auf einem namenlosen Dschungelfluss schildert: »Wir aßen die Toastbrote, während langsam die Nacht hereinbrach. Sie schob sich zwischen uns, dass wir einander kaum noch sahen. Aus dem Dschungel drangen seltsame Geräusche. Die meisten konnten einem wirklich Angst machen. Das war eine Scheißgegend für Menschen.«

 

Dass der Gastgeber – der »größte Jäger aller Zeiten« – auf  Indios Jagd machen will, stellt sich erst später heraus ... Aguirre, der Zorn Gottes, trifft hier auf Apocalypse Now. Alles in allem eine ebenso spannende wie tiefsinnige Reise ins Herz der Finsternis, wobei die Eigenmacht der Sprache jedes, auch das kleinste Detail dominiert.


Mit dieser Sammlung von Alpträumen aus einem bösartigen Univerum beweist sich Rohm einmal mehr als frischer Wind, der es fast mühelos schafft, ein muffiges, von Klischees verkrustetes Genre zu entstauben. Ein wirlich lesenswertes Buch von einem der besten Stilisten der deutschen Kriminalliteratur!

 

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