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Montag, 27. März 2017 | 22:24

Franzobel: Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind

30.04.2012

Ja, und was treiben sie denn? Einparken üben?

Die einen halten Franzobel für einen großen plebejischen Erzähler und attestieren ihm barocke, katholisch grundierte, sprachwitzige Schelmerei und Lust am Tabubruch. Für die andern ist er ein Adabei-Literat, der artifizielle Wortkaskaden produziert, oder schlicht franzdodel. Er selbst bezeichnet sich schon mal als »Voyeur des Menschelnden«. Jetzt hat der österreichische Lyriker, Theater- und Prosaautor einen neuen Roman vorgelegt, WAS DIE MÄNNER SO TREIBEN, WENN DIE FRAUEN IM BAD SIND, und wieder schwelgen Rezensionen in »Tabuisiertem und Verdrängtem«. Von PIEKE BIERMANN

 

Ich schlage vor, statt der zweifellos hochqualifizierten »Anschlussverwendung« des Neuen Fürsorglichen Liberalismus' das Wort »Tabu« zum Unwort des Jahres 2012 zu küren. Nicht dass damit erst in diesem Jahr alle möglichen Leute allen möglichen Unfug rechtfertigen zu müssen glauben – ich kann mich an fröhlich tabubrechende »gaskammervolle« Diskotheken aus den 80ern des letzten Jahrhunderts erinnern –, aber zurzeit sorgt es wieder mal für erstaunlich viele letzte Tintenkleckse und Keyboard-Ergüsse.

Wie kommt jemand darauf, einem Roman mit dem Titel Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind ausgerechnet die Beschäftigung mit Tabus zu attestieren? Wer heutzutage im deutschen Sprach- und Schreibraum »Männer« im Titel führt, hat die halbe Miete sicher. Packt er auch noch »Frauen« dazu, ist womöglich sogar ein Dachgeschoss in einem grün gentrifizierten Szeneviertel seiner Wahl drin. So gesehen geht es also vielleicht um einen großen Wurf, aber eher den mit der Wurst nach der Speckscheibe.

Ich bin nicht sicher, ob es Frauen wirklich interessiert, was Männer dann so treiben, und die Männer wissen's eh. Vielleicht Einparken üben. Sportschau gucken. In Ruhe rülpsen, furzen, sich am Sack kratzen. So what? Wahrscheinlicher ist, dass es umgekehrt Männer umtreibt, was Frauen überhaupt so treiben, gemäß dem alten Adamschen Seufzer: »Ich versteh die Biester einfach nicht!« Wenn man Stefan Griebl glauben darf, dann lesen Männer zum Beispiel heimlich das Tagebuch ihrer Freundin, die gerade im Badezimmer ist. Oder sie studieren mit ihrem ebenfalls pubertierenden Kumpel das Kamasutra, während ihre Schwestern – »die Schnepfen« – im Bad »ihr Dasein mit Nägellackieren, Beinerasieren, Hornhautschaben, Enthaarungscremen, Lidstiften und ähnlichen weltbewegenden Dingen« aufwerten.

Aber Stefan Griebl ist natürlich ein Spielmatz. Das sieht man schon am Künstlernamen, den er sich, wie er im Roman noch einmal erläutert, verpasst hat. Und zwar so: Man nehme ein Fußballspiel im Fernsehen, Frankreich gegen Belgien, es steht 2:0, am oberen Bildrand erscheint das Kürzel FRAN 2:0 BEL; man lese die 2 als kleines z und die 0 als kleines o, mogele den Doppelpunkt weg, dampfe das Ganze ein, et voilà: Frán-zó-bél.

 

SUMPFINGER TABU?

Aber darf man Stefan Griebl glauben? Oder vielmehr Franzobel? Beziehungsweise seinem »Alter-Ego(manen)« hier, Hildebrand Kilgus mit dem »androgynen« Spitznamen Hildy? Nach all den Bizarrerien, die der seiner Mamá in einem Wiener Puff ins Tonband diktiert? Ja – soll man überhaupt? Ich sage mal ganz preußisch-ungläubig: Och nöö. Und versuche, selbst ein bisschen einzudampfen. Also: Jener Hildy ist 40 plus, aufgewachsen im oberösterreichischen Sumpfing, genauer: im dortigen Gasthaus Saurüssel; der Vater ist ein »borneographischer Bsuff«, die Mutter suizidal, die Großmutter hat ihren Mann in Stalingrad verloren und seitdem einen Stalin-Tick, der Ideelle Sumpfinger Gesamtmann und Saurüssel-Gast ist gewalttätig, homo- und xenophob, frauenfeindlich sowieso. Tabuisiert ist so was heute längst nicht mehr, nicht mal verdrängt. Dieses Sumpfing ist einfach das häufig literarisierte, von Nazizeit und (im österreichischen Fall) Sowjet-Besatzung geprägte dumpfe Kaff, aus dem man dringend weg muss.

Und Hildy flüchtet mehrfach – zunächst in zwei Mangelerscheinungen: Alexithymie und Haptophobie. Auf Deutsch: Er ist gefühlsblind und berührungspanisch, ein »emotionaler Analphabet«. Ein Adonis ist er auch nicht mit seiner »hohen Stirn, fleischigen Nase, dem kleinen Mund und dem Doppelkinn«, nicht mal charmant. Kurz: Es ist alles vorhanden, um einen »Schelm« zu konstruieren. »Schelmenromane« machen sich gut im Feuilleton, Die Blechtrommel ist ja schon etwas angerostet, und Grimmelshausen braucht dringend Anschluss an die (Post-) Moderne. Zum Beispiel sound-bits.

 

Unser Hildy bastelt sich aus seinen defizitären Gefühlen eine Ersatz-Leidenschaft für Stöhngeräusche, vor allem orgiastische, von Frauen, die er aufnehmen kann. Er heiratet eine Frau namens Bayreuth, die dummerweise aber nicht stöhnt. Auch eine kurzfristige Geliebte namens Almut hat nicht genug sonore Lust zu bieten. Und so treibt ihn seine Manie an allerlei akustisch ergiebigere Orte wie Kreißsaal, Hospiz, Puff, Friedhof. Aber auch das, was er als Hebammer, Sterbebegleiter, Sargträger in seinen Recorder kriegt, hilft ihm nicht. Als »Wettermanipulator« verschlägt es ihn schließlich nach Rom und auf einen random walk – und diese »symmetrische Irrfahrt«, mit der Börsen-Theoretiker erklären, was sie selbst nicht begreifen, und die ebenso gut auf die Zufälle des Wetters passt, entpuppt sich am Ende als – Heilsweg. Zurück in Wien bannt Hildy nicht mehr Lust- und Leidstöhnereien im Recorder, sondern die Ab- und Ausschweifungen seines Lebens. Soviel eingedampfter Bogen muss reichen, wir wollen ja nicht spoilern.

 

IRONIE! ERNSTHAFT?

Die dabei entstandenen zwei 120-Minuten-Kassetten, die Franzobel – laut Vorwort – gefunden, abgetippt und dem Verlag angetragen hat, reichen natürlich nicht wirklich für einen gut 500 Seiten dicken Roman. Und das ist nicht die einzige Unschärfe en détail. Nur ein Beispiel: Seinen mit Bayreuth gezeugten Sohn Heinrich beschreibt Hildy als »eine Mischung aus Kim Jong-Il und dem alten William Shatner, dem Diktator Nordkoreas und dem Kapitän von Raumschiff Enterprise«. Shatner war allerdings, obwohl 63, sogar bei seinem letzten Star Trek-Auftritt 1994 noch der Typ »Mann in den besten Jahren«. Heinrich wird eher dem Gaga-Anwalt Danny Crane aus der Fernsehserie Boston Legal ähneln.

 

Zu preußisch-protestantisch-pingelig für so einen augenzwinkernd-katholisch-barocken Fabulierer, als den mancher Kritiker seinen Franzobel liebt? Mit Ernst auf etwas geguckt, das als ironisches Spiel gemeint ist? Aber klar. Gibt es Schriftsteller, die nicht ernst genommen werden wollen? Gibt es Kritiker, die nicht wissen, dass man sich durch die Diagnose »Ironie« immer auch mit seiner eigenen Ironiefähigkeit schmückt? »Ironie« – auch das kann man derzeit am Beispiel Christian Kracht wieder mal beobachten – ist eine ideelle Gesamtabwehrrakete. Auf Dauerfeuer gestellt hat sie fatale Wirkungen. Bei einem Roman, der auf Dauerironie geschaltet ist wie auf einen Autopiloten, ist man beim Lesen schnell gelangweilt und bekommt den Verdacht, der Autor nimmt sich selbst nicht ernst.

 

Franzobel lässt seinen Hildy in Worten und Gedanken und nicht nur in Rom durch endlose Nebenwege mäandrieren und rabulieren. Da muss natürlich die Mafia mit rein und der Papstattentäter Ali Agça, in dessen Hotelzimmer er wohnt. Dann darf ein bisschen Blasphemie, ein bisschen Porno, ein bisschen gruselige Pädo»philie« à la Tosa-Klause Saarbrücken nicht fehlen. Es wimmelt von Kalauern à la Ostfriesen-Otto und wörtlicher Rede à la: – Hast du sie verstoßen?, machte ich zweideutige Handbewegungen. Immer schön ohne An- und Abführung, damit man beim Lesen ordentlich zu tun hat. Nebenbei geht's um Teilchenphysik & Exorzismus, Medizin & Mythologie, Philosophie & Fußball und und und … – mit beigefügter Poetik oder artig in Klammern erklärt. Leider auch die meisten Pointen.


Und dabei gibt's davon einige wirklich schöne – zum Beispiel wenn Hildy in Rom den Hl. Franziskus gibt, mit den Vögeln spricht, von ihnen zu ihrem »Messias« erklärt und dann total vollgeschissen wird. Mir würde trotzdem eher Rokoko als Barock einfallen. Viele schwadronöse Schnörkel um eine dann doch uralte simple Story: Der Mann ist eigentlich ein geschändetes Kind und will errettet werden, und zwar von Frauen, diesen achso unbekannten unerreichbaren Geschöpfen. Aber wie Klimakenner Hildy weiß: »Frauen sind wie das Wetter, unberechenbar.«

 

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Also wenn schon preussisch, dann bitte richtig, dem Autor vorzuwerfen, der 500 Seiten Inhalt geht nicht auf 2 Tonbandkassetten, selber aber scheinbar überlesen, dass es heißt: Zitat: "Die Kassetten waren, wie sich später herausstellen sollte, in sechsfach verlangsamter Aufnahmegeschwindigkeit besprochen. Als es mir endlich gelang, sie in Normalgeschwindigkeit zu hören..." sechsfach verlangsamte Aufnahmegeschwindigkeit! Vielleicht müssten Sie,Frau Pieke, das Buch sechsamal lesen... Es ist klasse.
| von Preusse, 30.04.2012

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