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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:50

    Andrea Maria Schenkel: Finsterau

    23.05.2012

    »Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

    Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen Debüts. Der Bunker (2009) dann zog etwas zu viel Nebenluft aus dem Kampusch-Fall. Nun, mit ihrem vierten Roman, Finsterau, ist die Autorin wieder da angelangt, wo alles losging. Nur den Verlag hat sie inzwischen gewechselt. Von DIETMAR JACOBSEN

     

    Afra Zauner hat es nicht leicht. Als die junge Frau, schwanger von einem französischen Fremdarbeiter, Mitte 1944 in ihr oberpfälzisches Elternhaus zurückkehrt, muss sie mit den stummen Vorwürfen ihres strenggläubigen Vaters leben und die Verachtung ertragen, die ihr  vonseiten der anderen Dorfbewohner in Finsterau entgegenschlägt. Dann wird Albert, ihr Sohn, geboren und die Konflikte in der Familie verschärfen sich. Überall ist der Kleine im Weg und seine eigensinnige Mutter weigert sich noch dazu hartnäckig, wie ein Christenmensch zu leben und ihren religiösen Verpflichtungen nachzukommen. Bis sich eines Tages die angesammelte Wut des Vaters zu entladen scheint.

     

    Ein Nachbar schickt, von dem verwirrten Mann informiert, die Polizei ins Haus. Die findet die erschlagene Tochter und ein übel zugerichtetes Kind, das wenig später im Krankenhaus stirbt. Der Fall scheint, auch wenn sich der Bahnarbeiter Johann Zauner an nichts mehr erinnern kann, klar. Und obwohl er sein unter dubiosen Umständen zustandegekommenes Geständnis vor Gericht widerruft, wird der Mann für zehn Jahre ins Gefängnis geschickt mit der Maßgabe, ihn nach Verbüßung dieser Strafe in einer Heil- und Pflegeanstalt unterzubringen. Dort verdämmert er in zunehmender Demenz. Dass er unschuldig ist, ahnt der Leser freilich längst.

     

    Ein Stimmenchor auf Wahrheitssuche

    In Machart und Ton Schenkels Romandebüt Tannöd fast zu ähnlich, inszeniert Finsterau einen Chor von Stimmen, der sich auf die Wahrheitssuche begibt. Man erlebt noch einmal den letzten Tag im Leben der Afra Zauner aus ihrer eigenen Perspektive – ergänzt durch jene von Vater, Mutter und ein paar weiteren Personen – und wird mit Zeugenaussagen konfrontiert, welche von den den Tatort sichernden Polizisten, dem herbeigerufenen Arzt, dem ermittelnden Kriminalkommissar und dem die Anklage vertretenden Staatsanwalt stammen. Rasch wechseln die Erzählperspektiven und geschickt versteht es die Autorin, ein Gefühl von Authentizität zu vermitteln, obwohl alles, was über die Tat selbst hinausgeht, diesmal rein fiktiv ist.

     

    Die 18 Jahre später spielende Rahmenhandlung, in der ein reifer gewordener Staatsanwalt den Fall schließlich wieder aufnimmt, bestätigt letztendlich einen Irrtum der Justiz, der an deren Opfer aber nicht mehr wiedergutzumachen ist. Im Grunde wäre sie verzichtbar gewesen.

     

    Denn das, was diesen Roman ausmacht, liegt nicht unbedingt in der Kriminalgeschichte, die er erzählt. Vielmehr gelingt es seiner Autorin erneut, eine ferne Zeit wiederauferstehen zu lassen. Indem sie sich der kleinen Dinge in einer unprätentiösen Sprache annimmt. Indem sie andeutet – nur andeutet, aber das reicht halt schon und mehr wäre sicher zu viel –, wie schwer es sich Menschen gegenseitig machen können, wenn ihnen die Kraft oder der Ausdruck fehlen, sich zu ihren Nächsten zu bekennen. Indem sie den mörderischen Zusammenhang zwischen Sprachlosigkeit und Gewalt thematisiert.

     

    Der mörderische Zusammenhang zwischen Sprachlosigkeit und Gewalt

    Die berührendste Figur in Finsterau ist unter diesem Blickwinkel sicher Afras Vater Johann Zauner. Von lebenslanger schwerer Arbeit gebeugt, bleibt er selbst da stur, verbissen und obrigkeitsgläubig, wo er nachgeben sollte. Geistig verwirrt in seiner ihm die Erinnerung trübenden Demenz, lebt er einem traditionellen Bild von Rechtschaffenheit, in dessen Rahmen sich die Tochter als Kind einer heraufziehenden neuen Zeit nicht  mehr hineinpressen lässt.

     

    Einst hat er dem braunen Ungeist einmal öffentlich widersprochen und dafür im Gefängnis gesesssen - die Kraft aber, sich den ungeschriebenen Normen der Gemeinschaft, in der er so lebt wie alle seine Vorfahren, zu entziehen, bringt er zu keinem Zeitpunkt auf. In seinen eigenen Augen und denen seiner Frau ist er kein schlechter Mensch- für den Leser des Romans aber steht er stellvertretend für ein Vaterbild, das heute zum Glück der Vergangenheit angehört.


    Finsterau erinnert in vielem an Erzählstücke aus der Blütezeit der Novelle in Deutschland. Natürlich ist die Kompositionstechnik, deren sich der kleine Roman bedient, moderner. Aber seine sprachliche Klarheit und Sorgfalt, die Konzentration auf den einen Erzählstrang, die Beschränkung auf wenige handelnde Personen samt dem Interesse für deren innere Beweggründe, die Aufteilung in Rahmen- und Binnenhandlung, wobei die Rahmenhandlung eine Erzählsituation beschwört, die von der Binnenhandlung dann gefüllt wird, wirken schon auf bemerkenswerte Weise einem vormodernen Erzählgestus verpflichtet. Das mag man mögen oder nicht. In gewisser Weise ist es jedenfalls – schon gar als »Kriminalroman« – einzigartig.

     

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