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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:48

    Ivana Bodrozic: Hotel Nirgendwo

    07.05.2012

    Hotel Zagorje

    In ihrem preisgekrönten Roman Hotel Nirgendwo erzählt die kroatische Schriftstellerin Ivana Brodociz von ihrem Leben in einem Flüchtlingslager während des Kroatienkriegs. Humorvoll und authentisch beschreibt sie ihre Kindheit und das Erwachsenwerden in Zeiten des Krieges. BETTINA GUTIERREZ hat mit der Autorin gesprochen.

     

    Hotel Nirgendwo lautet der Titel des Romandebüts der kroatischen Schriftstellerin Ivana Bodrozic, in dem sie ihre Kindheit und frühe Jugend während des Kroatienkriegs in den neunziger Jahren schildert. Fast unbeschwert muten ihre Schilderungen an, die weniger an einen düsteren Krieg, sondern vielmehr an ihre eigene Familiengeschichte erinnern.

     

    Im Mittelpunkt ihrer Schilderungen stehen das Leben im Flüchtlingslager »Hotel Zagorje«, die Suche nach ihrem Vater und die Bemühungen um eine eigene Wohnung. Auch wenn einem manche Passagen in ihrem Buch als traurig erscheinen, schwingen zwischen den Zeilen immer eine gewisse Leichtigkeit und Heiterkeit mit. Es sind Eigenschaften, die sie ebenfalls im Gespräch zeigt.

     

    Dass ihr erster Roman vom Krieg zwischen den Serben und Kroaten handelt, findet sie ganz  selbstverständlich: »Der größte Teil meines Romans ist autobiographisch und beruht auf meiner Lebenserfahrung. Ich stamme aus Vukovar und wollte einfach nur über diese Zeit schreiben. Dabei erschien es mir am einfachsten, alles aus der Perspektive eines Kindes zu schildern, da mir diese  Perspektive am nächsten ist und da man dann auch humorvoll sein kann. Das war mir sehr wichtig.« Außerdem, so fügt sie hinzu, nehme man als Kind die Wirklichkeit  anders wahr, als sie ist, was einem wiederum davor bewahre, das Schlechte  zu sehen. Das Schlechte ist für sie das Morden und Töten von Menschen, ein Motiv, das in ihrem Roman kaum vorkommt.

     

    Stattdessen beschreibt sie ihr Leben in einem Flüchtlingslager in der Nähe von Zagreb als handele es sich um einen normalen Alltag. So erzählt sie von den Zwistigkeiten mit ihrem sieben Jahre älteren Bruder, den Freundschaften mit anderen Mitbewohnern und der Sorge der Mutter um ihren verschollenen Vater. Ihr Vater, ein Angehöriger der kroatischen Armee, flüchtete bei Kriegsausbruch nicht mit seiner Familie nach Zagreb, sondern war, wie sie schreibt, »ein richtiger  Verteidiger seiner Stadt«.

     

    Für einen bedingungslosen Anhänger seines Vaterlands hält sie ihn deshalb jedoch nicht: »Wir waren keine nationalistische Familie. Meine Eltern hatten bosnische und serbische Freunde und haben keinen großen Unterschied zwischen ihnen gemacht. Ich glaube, dass Kroatien nicht so wichtig für meinen Vater war. Ich glaube eher, dass er sich nicht aus seiner Stadt, in der er mit seiner Familie lebte, vertreiben lassen wollte. Manche werden vielleicht sagen, dass er ein Patriot oder Held war. Ich sehe das nicht so; er war
    kein militärischer Mensch.
    «

     

    Die Tatsache, dass ihr Vater noch bis heute als vermisst gilt, empfinden sie und ihre Familie allerdings als schwierig: »Es ist etwas anderes, wenn man weiß, dass jemand gestorben ist. In diesem Augenblick bricht zwar eine Welt für einen zusammen, doch danach kann man mit dieser Situation Frieden schließen und sein Leben weiterleben. Wenn jemand vermisst wird, kann man das nicht.« Diese Tatsache ist auch der Grund für Ivana Bodrociz’ ironische und humorvolle Kritik am Regime Franjo Tudmans, die sich in manchen Kapiteln wiederfindet.

     

    In Form von Bittschreiben ihres Bruders und ihrer Mutter an den Präsidenten und die zuständigen Behörden zeigt sie die Ohnmacht der Opfer des Kriegs und die ihnen gegenüber vorherrschende Gleichgültigkeit der verantwortlichen Politiker auf: »Ich wollte zeigen«, so sagt sie, »dass es in Kroatien viele Profiteure des Krieges gab, die sich vor allem an der Spitze der Regierung befanden. Sie nutzten den Krieg und die Opfer zu ihrem eigenen Vorteil. Wir haben viele Jahre mit Entbehrungen gelebt, da mein Vater nicht auffindbar war und wir nicht nachweisen konnten, wo er ist. Das fand ich vollkommen surreal und die Behörden haben sich um nichts gekümmert.«

     

    Trotzdem blickt sie zuversichtlich in die Zukunft. Es ist eine Zuversicht, die sie vor allem ihrem Naturell und Talent verdankt. Vor kurzem ist ihr drittes Buch, ein Gedichtband mit dem Titel Überschreitung erschienen. Und im letzten Jahr hat sie mit der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic ein Drehbuch zu Hotel Nirgendwo geschrieben, dessen Verfilmung nun bevorsteht.

     

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