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Montag, 27. März 2017 | 22:22

Christine Lehmann: Totensteige

16.04.2012

Von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen

Christine Lehmann schickt ihre Schwabenreporterin Lisa Nerz in Totensteige zum zehnten Mal in die Welt. Diesmal eigentlich sogar in zwei: die sinnlich erfahrbare und die übersinnliche. Was ihre aufmüpfige Stuttgarterin – samt »Lebensabschnittsirrtum« Richard Weber und Dackel Cipión – an parapsychologischen Herausforderungen zu bewältigen hat, füllt mehr als 500 Seiten, führt sie weiter weg von ihren heimatlichen Jagdgründen als üblich und endet mit einem finale furioso. Von DIETMAR JACOBSEN

 

Lisa Nerz ist wieder da. Und weil die großen politischen Ereignisse des Jahres 2011 alle noch Zukunftsmusik sind, wenn der Roman Totensteige beginnt, begnügt sich die »Schwabenreporterin« erst einmal mit der Teilnahme an einer Geisterjagd im Schloss Ludwigsburg unter der Devise »Mit dem Spuk auf Du und Du.«

Aus dem spaßigen Auftritt der »Haunt Hunters Agency« aus Sigmaringen wird aber bald blutiger Ernst. Denn natürlich benötigt Christine Lehmanns Heldin für ihren Zeitungsbericht über die Macht des Übersinnlichen ein wenig Hintergrundwissen, das sie sich im Institut für Grenzwissenschaften und Parapsychologie in Holzgerlingen draufschaffen will. Doch dessen Direktor ist nicht nur tot, sondern regelrecht ausgeweidet, als die neugierige Journalistin auf der Wasserburg Kalteneck vorspricht.

 

Was anfangs aussieht wie die Wahnsinnstat eines paranormal Begabten, dessen Genie die wissenschaftliche Anerkennung verweigert wird, weitet sich schließlich immer mehr aus zu einem Interessenskonflikt, in den Medienmogule, Wirtschaftsbosse und Regierende der ganzen Welt gleichermaßen verstrickt sind. Und schon hat Lisa wieder einen jener Fälle am Hals, in die sie ohne viel eigenes Zutun ständig hineinstolpert, und der sie diesmal zwar nicht bis auf den Mond, immerhin aber ins neblige Schottland führt.

 

In den Fängen der »Nebenseelenwissenschaft«

Mit seinen neun Vorgängern lässt sich Totensteige allerdings nicht so einfach vergleichen. Denn zum einen ist es der dickste Nerz, den Christine Lehmann jemals auf ihre Leserschaft losgelassen hat, zum anderen führt das Buch seine Heldin in Sphären, wo die Luft richtig dünn wird und die Unterversorgung des Hirns mit Sauerstoff Spintisierereien Vorschub leistet, die man der für gewöhnlich rational denkenden Lisa nie zugetraut hätte.

 

Wie für den etwas trägen Protagonisten im Grimmschen Märchen »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« heißt es für sie, im Angesicht des Unheimlichen kühlen Kopf zu bewahren und jedem »Para« mit einem »Contra« den Wind aus den Segeln zu nehmen. Ein Vorhaben, das bis zum Ende gelingt, wo wir die taffe Schwabenreporterin dann das personifizierte Böse in einem eilig arrangierten Medienspektakel vor den Augen der ganzen Welt spektakulär und mit dessen eigenen Waffen besiegen sehen – und zwar genau dort, von wo aus unsere Republik regiert wird.

 

Schrammenlos entkommt Lisa Nerz der Konfrontation mit Mächten, über deren Existenz sie vor diesem Abenteuer nur den Spott der aufgeklärten Rationalistin übrig hatte, freilich nicht. Mehrmals gerät ihr Leben in Gefahr und wortlos staunend muss sie sogar mitansehen, wie der smarte Alleswisser Richard Weber, dem man in puncto sexueller Nascherei auf Nebengleisen sonst immer weniger nachsagen konnte als ihr selbst, sich in die sinnlichen Kurven einer überaus anziehenden Parapsychologin verguckt.

 

Vor allem aber lernt sie auf durchaus schmerzhafte Weise verstehen, wie gerne sich die Massen von denen, die sich wahrheitsgemäße Information aufs Panier geschrieben haben, hinters Licht führen lassen. In diesem Sinne ist Christine Lehmanns aktueller Roman auch ein Buch, das sich eine veritable Medienkritik vorgenommen hat und warnend vor seinen Lesern den Zeigefinger erhebt: Verwechselt Unterhaltung nicht mit Wahrheit, genießt die Show, aber haltet sie nicht für das Leben und urteilt gefälligst selbst und unter Zuhilfenahme eures gesunden Menschenverstandes!

 

»Same-Gender-Eskapaden« und granatendeppendummes Fremdgehen

Totensteige ist das zehnte Abenteuer der in jeder Beziehung eigenwilligen Lisa Nerz. Ein schwedischer Autor würde die Serie jetzt beenden – Punktum. Bei Christine Lehmann hingegen sieht es mehr nach einem Neuanfang aus. Warten wir ab, ob die Zeichen nicht trügen. Leicht hat es sich die Autorin mit einem Roman, in dem Angela Merkel und Barack Obama, Sarkozy und Berlusconi und am Ende gar der Papst und ein liebreizendes Damentrio vom Hamburger Argument-Verlag leibhaftig auftreten, wahrlich nicht gemacht. Vielleicht ist er ihr auch ein paar Seiten zu lang geraten. Die Latte für Abenteuer Nummer 11 liegt ab sofort jedenfalls weltrekordverdächtig hoch. Doch vielleicht läuft Lisa Nerz ja einfach cool drunter durch – Sackzement, es wäre ihr zuzutrauen!

 

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