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    TITEL kulturmagazin
    Montag, 24. Juli 2017 | 08:47

    Andrea Bajani: Liebe und andere Versprechen

    05.04.2012

    Eintauchen ins Andere

    Der italienische Autor Andrea Bajani taucht in seinem neuesten Roman Liebe und andere Versprechen tief in Familiengeschichten und Kindheitserinnerungen ein.

    Von HUBERT HOLZMANN

     

    Pietro, der Ich-Erzähler in Andrea Bajanis Roman Liebe und andere Versprechen, ist ein junger Mann, Lehrer (!), der in einer festen Beziehung zu Sara steht. Eigentlich, meint man. Denn die Beziehung zwischen beiden ist merkwürdig getrübt. Saras Wunsch nach einem Wir bleibt Illusion, der Kinderwunsch versagt, wird zu einer absoluten Trennmauer zwischen beiden: »Wir  schlichen nur noch durch die Wohnung, ganz vorsichtig, als ob da irgendwo ein unsichtbarer Fötus herumläge und wir aufpassen müssten, nicht draufzutreten... Je länger unser Schweigen andauerte, desto größer wurde die Zahl dieser herumliegenden unsichtbaren Anwesenheiten...«

     

    Der 1975 in Rom geborene Bajani erzählt in starken Bildern, ungeheuer packend, ohne jedoch platt und direkt zu werden. Sein Held Pietro könnte im selben Alter sein. Dieser beobachtet das Geschehen, lässt andere handeln, greift nicht direkt in die Handlung ein. Er lässt Sara ziehen. Aufhalten will, kann er sie nicht. Lässt andere die Möbel aus der Wohnung tragen. Stattdessen beschäftigt ihn ein Nachbarsjunge. Fast wie im Zeitraffer blickt Pietro auf die letzten Jahre mit Sara zurück: auf die erste Zeit des Zusammenlebens, auf Harmonie, Streit, Zorn, die Erwartungen, die Frustrationen, den Hund als Kinderersatz. Fast lakonisch funktioniert ihn Pietro zum Gefängniswärter um, dessen »Leine das Band, das uns aneinanderfesselte«. Doch dieses zerreißt. Zurück bleibt nach dem Auszug die kurze Notiz: »Ruf deine Mutter an. Mario ist tot. Mario?«

     

    (c) Ornella Orlandini (c) Ornella Orlandini

    Rückzug und Verdrängung

    Mario ist Pietros Großvater, an den er sich kaum mehr erinnern kann. Als Soldat Mussolinis kämfpte er in Russland, kehrt nach dem Krieg nach Hause zurück, findet jedoch den Platz in seiner Familie nicht mehr. Schwer traumatisiert von den Ereignissen des Krieges sieht er selbst aus wie ein Gerippe, sein Schädel ein Totenkopf. Bald nach der Rückkehr muss er in eine psychische Anstalt eingewiesen werden. Die wenigen Kontakte zur Familie verlaufen tragisch. Die Folge: Mario wird in der Familie totgeschwiegen.

     

    Wie bereits seine Mutter hat Pietro vor allem diese schmerzlich verlaufenden Begegnungen im Kopf, wenn er an seinen Großvater denkt. Verweigerung und Verdrängung sind Grund als auch Folge. Es gibt vor allem nämlich vor allem heimliche, verstohlene Momente, in denen Mario für die Familie existiert: Die Mutter erhält eine Zeit lang von Mario nächtliche Telefonanrufe. Die Mutter wird später – als »Fluch Marios« bezeichnet – unter Schlafstörungen leiden. Pietro begegnet Mario also immer nur häppchenweise, in wenigen, kurzen Erinnerungsmomenten – und als Störer des Familienfriedens. Der Enkel findet Spuren von Mario: alte Aufnahmen, die Mario mit anderen italienischen Soldaten in Russland an der Donfront im Jahr 1942 zeigen, über einigen Köpfen sind Pünktchen gemalt: verschollen, über anderen Kreuze: gefallen, »ohne Zeichen lebt noch... Fünf der acht jungen Männer hatten ein Pünktchen und zwei ein Kreuz über dem Kopf, bei [Mario] war nichts.«

     

    Später durchstöbert er Schränke, Schubladen, durchblättert Bücher – und findet weitere Zeichen von Marios Existenz. Die Mutter schweigt dazu, lässt die Spurensuche allerdings nicht nur zu, sondern gibt ihm sogar irgendwann eine alte Dose mit den letzten Habseligkeiten des Großvaters: alte Kleidungsstücke, Marios Röntgenbilder, unentwickelte Filmdosen, einen Kalender.

     

    Kriegsmetaphern

    Durch den Roman hindurch ziehen sich Bilder innerer Zerrissenheit. Pietros Handlungsunfähigkeit wechselt mit seiner Gabe sich in sein Gegenüber hineinzudenken. Er erlebt, durchlebt innerlich die Ereignisse. Schon der Auszug Saras hinterlässt ein Schlachtfeld. Seine Wohnung gleicht einem »kaputten Gebiss, jede klaffende Nische eine Zahnlücke«. Die ausgeräumte Wohnung von Pietro ist wie ausgebombt. Die Polaroidfotos, die eine Lehrerin in der Schule am letzten Schultag von den einzelnen Klassen macht, sind bedrohlich, wirken wie Marios Aufnahmen aus dem Krieg: Aus den »dunklen Umrissen« »kamen nach und nach auch Gesichter zum Vorschein«, werden zu »Gespenstern«.

     

    Eine Begegnung zwischen Sara und Pietro am Fluss wird gestört, das Spiegelbild, das die beiden vereint, wird zum Ziel heftiger Zerstörung: Möwen »stritten sich um das Wasser, kundschafteten es aus von weit oben, flogen Ablenkungskurven, spähten einen Punkt aus und schossen plötzlich abwärts, Angriff, Flügel anlegen... gerade stürzte sich der ganze Schwarm auf unsere beiden Spiegelbilder im Wasser... warfen sich auf unsere Gestalten, die der Fluss zum Paar vereint hatte, dann schlugen sie gemeinsam in unsere Gesichter und hackten uns die Augen aus...«

     

    Die Sprache Bajanis ist voller suggestiver Kraft, er schöpft die erzählerischen Möglichkeiten aus und versucht das Geheimnisvolle, das zwischen den Menschen liegt, in poetische Bilder zu fassen. Eine Meisterleistung auch die Übersetzung von Pieke Biermann, die den Bilderstrom, die Gedankenmonologe in ihrer Bedeutung des Atemberaubenden belässt, dabei einen absolut zeitgemäßen Tonfall trifft. »Zuerst habe ich den stechenden, wüsten Schrei der Möwen gehört und dann diese plötzliche Stille, wie in einer Schule, bei der das Dach heruntergekracht ist. Danach nur noch das Wasser, den Takt des Schlagmanns und jemanden, der sagte, wenn sie Sonntag nicht gewinnen, hört er auf, dann trainiert er nicht mehr, das lohnt sich ja nicht, die ganze Anstrengung, man macht sich bloß die Hände kaputt, wozu denn.«

     

    Die Reise in die Vergangenheit

    Schweigen, Verdrängung, Überspielen – Pietro wird von der Vergangenheit eingeholt. Saras Zettelchen mit der fragenden Anmerkung »Mario?« wird zum Auslöser für Pietros Suche. Neu hinzu gezogen wird zu diesen Nachforschungen eine Person, die scheinbar nichts mit der Familie zu tun hat: Olmo – ebenfalls ein Kriegsheimkehrer, der in Russland kämpfte. Er ist der Nachmieter der Wohnung, in der Pietro aufgewachsen ist. An seiner Tür klingelt Pietro auf der Suche nach der Vergangenheit. Der Kontakt zu Olmo steigert sich im Verlauf der Geschichte. Schnell stellt Olmo sich als eine Art Doppel- oder Wiedergänger von Pietros Großvaters heraus. Olmo sieht in Pietro den »Enkel«. Die Besuche bei Olmo werden zum Abtauchen in die Vergangenheit.

     

    Nimmt Pietro außerhalb der Wohnung Olmos die Gegenwart vor allem in Einzelbildern wahr – mit ihm steigen »zwei junge Frauen mit gepiercten Bäuchen und eine dicke Dame« aus der Straßenbahn –, verwandelt sich Olmos Wohnung für ihn mehr und mehr in ein Gesamtbild des früheren Russlands, wie es der italienische Soldat Olmo erlebt hat. Wie in einem Generalhauptquartier schlägt Olmo Karten an die Wand, kramt alte Fotos aus der Kriegszeit hervor und zeigt Pietro seine alte, angestaubte faschistische Uniform, die im Schrank – wie »hinter einer Geheimtür« – als ein Gehenkter die Zeiten überlebt hat. Für Pietro wird hier Mario sichtbar – er schlüpft in die Uniform Olmos.

     

    Auf Pietros Fragen schweigt Olmo zunächst, wie schon zuvor alle um den jungen Mann herum geschwiegen haben: die Mutter, der Vater. Und selbst Sara wird in der Beziehung immer mehr zur Schweigenden. Ihr Schweigen hält der Anrufbeantworter fest, still – »ihr Blick rückte immer ferner« –geht sie neben Pietro am Fluss, später schickt sie ihm Leer-SMS nach Russland nach. Wie Mario bei der Mutter nur in Spuren sichtbar wird, hinterlässt auch Sara nur noch Spuren, spricht nicht aus, was sie möchte. Antworten bleiben sehr vage, eigentlich unausgesprochen. Was ist Marios, was Olmos Rolle im Krieg? Nur das Ziel ist für Pietro klar: Er muss reisen. und fährt nach Rossosch am Don. Olmos Erinnerungsorte aufsuchen und für ihn bestätigen, dass alles noch so wie damals im Krieg ist – oder zumindest sein könnte.

     

    »... über den Tod hinaus«

    Von Olmo erhält Pietro eine handgezeichnete Karte der Gegend, in der er wichtige Straßen, Plätze, Häuser eingezeichnet hat. Pietro jedoch findet ein anderes Russland vor. Die Orte von früher gibt es nicht mehr. Seine Begleiterin Olga, die Rezeptionistin in seinem Hotel ist, »markierte alles, was wir nicht fanden, mit einem Kreuz«, so dass »unter ihrer Bleistiftspitze ein immer größerer Friedhof entstanden war«. Jedoch ist Rossosch nicht nur eine Stätte der Toten, es ist auch Leben in der Stadt am Don. Der Galgen von früher steht nicht mehr. Die Soldaten sind längst abgezogen. Am Lenindenkmal findet eine Traktorausstellung des Bezirks statt. Pietro begegnet Menschen von heute. Mit Olgas Hilfe besucht er eine alte Frau, deren verstorbener Mann als Kind auch eine Hinrichtung beobachtete und zeigt ihm eine Zeichnung, die er als Kind davon angefertigt hat.

     

    Die Begegnung mit den Überlebenden bedeutet eine schmerzvolle Erfahrung für Pietro. Bewegend die melancholische Stille, als ihm gezeigt wird, wo für die Befreiung millionenfach gestorben wurde. Allerdings gibt es auch die andere Seite des Lebens: Denn den Überlebenden geht es nicht um Schuld. Sie wollen wahrgenommen werden, holen ihre Orden hervor, wollen fotografiert werden. Pietro nimmt zum Abschied Olgas alten Vater auf. Der postiert sich »in einem Sakko mit Ehrennadeln auf der Brust... Habachtstellung auf einem Bein, ernster Blick, gesammelte Miene... in seinem Gesicht lag das Wissen, dass er in diesem Moment verewigt wird, auf einem Foto, über den Tod hinaus«.

     

    Der Abschied ist am Ende gelassen, fast heiter, gerät zur Überhöhung, wie im großen Kino: Blütenpollen »hatten in der Zwischenzeit ihren großen weißen Wirbel begonnen, der ganze Hof war schon übersät... Er stand einfach da, bestäubt von weißen Pollen, Jacke und Orden schon weiß... Und diese Pollen gingen über ganz Russland nieder, sanken auf unser Auto und die Straße, sanken auf die Felder mit all den Toten darunter und auf die ganze Steppe und auf die Tiere und ...« – Eine Schlussapotheose, wie sie auch der alte Martin Walser nicht schöner in seinen »siebenundneunzigtausend lila-weißen Krokussspitzen und siebenundneunzigtausend sanften Orangepunkten« (1996) hat erschaffen können. Und was macht Bajani? Sein Held kehrt zurück. Fliegt zurück nach bella Italia – »Moskau ist dann am Boden geblieben«. Am Ende des Romans – »zehntausend Meter weiter unten« – wird er bereits erwartet. Und das Leben kann beginnen. Liebe und andere Versprechen – ein beeindruckender Roman.

     

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