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    TITEL kulturmagazin
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    Pavel Kohout: Der Fremde und die Schöne Frau

    26.03.2012

    Eine Märchenfee unter Migranten

    Der Tscheche Pavel Kohout erzählt in seinem Roman Der Fremde und die Schöne Frau von einer starken Frau und einer modernen Romanze auf Umwegen. Gelesen von HUBERT HOLZMANN.

     

    Pavel Kohouts »Schöne Frau« hat, als der Roman beginnt, bereits eine denk- und merkwürdige Lebensgeschichte hinter sich: Als Tochter eines Arztes, der Prag verlassen hat und sich in einem nordböhmischen Kleinstädtchen neu ansiedelt, überlebt sie die Annexion Tschechiens durch die Nazis und den Krieg, heiratet einen kommunistischen Arzt, der in der väterlichen Praxis mitarbeitet. Beim Einmarsch der Russen im Jahr 68 erleidet sie eine Fehlgeburt, ihr Mann fällt vom Glauben an die Partei ab und säuft sich zu Tode.

     

    Als ihr Vater, mit dem sie weiterhin zusammenlebt, kurz nach der Westöffnung im Jahr 89 stirbt, vermietet sie eine der Wohnungen in ihrem Haus an einen geschiedenen Professor, der bis zur Jahrtausendwende bei ihr wohnen bleibt. Jedoch hat sich das kleine böhmische Städtchen sehr verändert: Direkt in ihrer Nachbarschaft wird ein Asylantenheim errichtet, ihr ganzes Viertel gerät langsam aber sicher in fremde Hände, von den früheren Bewohnern, »Bankiers, Anwälten, Künstlern und anderen Zelebritäten« ist keiner mehr geblieben – »... gnädige Frau, Sie belieben in Kleinasien zu wohnen?«

     

    Der 1928 in Prag geborene Pavel Kohout erzählt diese Geschichte mit feinsinniger Ironie und großartigem Humor. Dem einstigen Wortführer des »Prager Frühlings« und Mitverfasser der »Charta 77« gelingt ein Zusammenschau des Widersprüchlichen: Die verschiedenen Umstürze, chaotischen Wechsel und Veränderungen werden fast wie im Märchen der Realität entrückt: »Das Ende der guten Zeiten kam schleichend, um dann in einer einzigen Oktobernacht des Jahres neunzehnhundertachtunddreißig hereinzubrechen... Als Erstes reisten ohne Aufforderung die Juden ab, denen das Schicksal ihrer Glaubensbrüder jenseits der Grenze reichte. Die Tschechen durften bleiben, sofern sie ihre Sprache aufgaben.«

     

    Lakonisch, ohne romantisierenden Weltschmerz oder gar revanchistischen Blick, dafür mit einer Spur Ironie und Sarkasmus vermischt Pavel Kohout die Geschichte der tschechischen Nation mit seiner Hauptfigur. Was sie auszeichnet, ist ein ungebrochener Überlebenswille. Zentral in ihrem Leben sind die Männer: Der Vater ist als Arzt in dritter Generation ein Übervater, der Ehemann Jaromír, kommunistischer Vorkämpfer, Mann ihrer Träume, ihr Märchenprinz. Beide überlebt sie jedoch. Als Ersatz schafft sich kurzerhand einen neuen Gesprächspartner an: Valtr, einen sprechenden Papagei aus dem Tierheim. Er muss die Rolle als Bezugsperson übernehmen: »Dann kam jener erste Frühlingstag, an dem unsere Geschichte beginnt, als die Schöne Frau feststellte, dass hier wieder einmal und diesmal unumkehrbar ihre Welt im Untergang begriffen war.«

     

    Die neue Situation, das menschenleere Haus kann er jedoch nicht ausfüllen. Vielleicht lässt sie sich auch deswegen auf ein Abenteuer ein: Neuer Mieter wird der Kurde Kemal, der schon einige Jahre als Polier bei einer Baufirma des Städtchens arbeitet. Für die Schöne Frau muss er nun alle Lücken schließen. Zunächst stellt sich heraus, dass er – wie die Schöne Frau selbst – Sohn eines berühmten persischen Arztes ist, auch er wollte und will es noch immer Medizin studieren, zu diesem Zweck lernt er die anatomischen Fachbegriffe mit Hilfe eines Skeletts, ab jetzt ein weiterer mit Argwohn bedachter Mitbewohner. Kemal ist außerdem er ein sehr auf Ordnung bedachter Mensch, der einer eher vergangenen Zeit entsprungen scheint: Sein Tschechisch ist nahezu perfekt, jedoch etwas altmodisch in Wortwahl und Satzbau.

     

    Kemal ist also die nahezu perfekte Ergänzung für die Schöne Frau: Er verdient sich sein Auskommen mit ehrlicher Arbeit, bezahlt seine Miete im Voraus, verbringt seine freie Zeit am Feierabend mit seiner Vermieterin, hält aber respektvoll gebührlichen Abstand ein. Der Vogel Valtr erfasst diese neue Situation sogleich und kommentiert artistisch: »’Allaha akbarrr!’, antwortete er ihr und fügte aus seinem alten Wortschatz hinzu, ’Krrruzitürrrken!’« Diese schnelle sprachliche Assimilierung an den Multi-Kulti-Haushalt der Schönen Frau verspricht offensichtlich ein märchenhaft glückliches Ende, wäre da nicht die grundlegende Skepsis der Schönen Frau am Fremden. Dieser überrascht sie jedoch mit seinen Worten und seinem Verhalten immer wieder, so dass sie beschämt erkennen muss, dass ihre Vorurteile, ihr Misstrauen, ihr Kultur-Dünkel unpassend ist.

     

    Unüberbrückbar jedoch bleibt ihre Abneigung zu Kemals Kater Alibaba, einer alten Perserkatze. Kompliziert wird das Verhältnis zu Kemal dann doch: Denn als die Schöne Frau ihm das Mietverhältnis kündigen will, erfährt sie, dass Kemal – der bei der Polizei angeschwärzt wird – des Landes verwiesen werden soll. Was nun folgt, ahnt man als Leser bereits: Ein Schluss wie im Märchen. Kemals Arbeitgeber schlägt vor zu heiraten: Da kommt natürlich nur eine in Frage: die Schöne Frau. Ab diesem Punkt verläuft die Geschichte allerdings nicht mehr ganz wie im Märchen. Pavel Kohout überrascht hier mehr als einmal mit erzählerischer Artistik. Und die Geschichte Der Fremde und die Schöne Frau bleibt doch kein ganz harmlos naives Märchen – eine moderne tragikomische Parabel. Mit vielen spielerischen Elementen. Bereichernd nicht nur für die Freunde tschechischer Literatur.

     

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