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    Fred Vargas: Die Nacht des Zorns

    09.04.2012

    Provinzdämonen

    Der Bösewicht in Fred Vargas' Die Nacht des Zorns ist kein Mensch, sondern gleich eine ganze Horde Dämonen. Die galoppieren allerdings nirgends als durchs Unterbewusstsein. Von JAN FISCHER

     

    Beginnen wir bei Edgar Allan Poe. Das ist ein großer Bogen, aber es kommt hin: Schließlich ist Poes Auguste Daupin der erste der Detektive, die seit damals, und heutzutage ja sowieso in Horden in den kleinen Drecksgassen von Paris ermitteln. Selbstverständlich ist er ein ganz anderer Typ als Fred Vargas' Ermittler Jean-Baptiste Adamsberg, sogar so anders, dass er schon das genaue Gegenteil ist, aber wenn man in die Reihe noch eine dritten Ermittler, nämlich George Simenons Pariser Inspektor, den ewig übellaunigen Jules Maigret einfügt, dann hat man ein ganz gutes Panorama der Entwicklung des Pariser Ermittlers gezeichnet: Dupin verlässt sich – wie später seine britischen Kollegen – allein auf seine Deduktionskraft, mit der er außergewöhnliche Ereignisse entmystifiziert.


    Maigret steht auf einer Kippstelle des Detektivromans: Es geht ihm nicht darum, mit der Kraft der Deduktion den Täter zu finden, er will den Menschen hinter der Tat verstehen, Maigret ist, könnte man sagen, der erste der modernen Profiler: Seine Waffe ist nicht der Verstand, es ist die Psychologie. Adamsberg dagegen ist schon komplett gekippt: Seine Ermittlungen beruhen komplett auf Intuition, er kombiniert nicht, er fühlt. Man könnte an diesen drei Ermittlern tatsächlich auch, wenn man wollte, eine Bewegung ihrer Ermittlungsmethoden immer tiefer ins Unterbewusstsein festmachen, wobei Vargas' Adamsberg am tiefsten eingetaucht ist.

     

    Die Dämonenhorde

    Und müsste man sich einen der drei Ermittler für den Fall aussuchen, den Fred Vargas sich in Die Nacht des Zorns ausgedacht hat, man müsste auf jeden Fall Adamsberg auswählen. Denn von Paris wird Adamsberg – wie üblich halb bewusst, halb eingelullt von Kräften, die er nicht versteht – in Richtung normannischer Provinz gezogen, wo er gegen eine jahrhundertealte Dämonenhorde ermitteln muss, welche die Gegend unsicher macht, und gleichzeitig weder den Reizen der Dorfschönen erliegen noch sich von der Macht eines superreichen Industriellen einschüchtern darf. Dass sein Sohn und ein jugendlicher Brandstifter auch noch mit dabei sind, macht die Sache nicht einfacher.

     

    Tiefenpsychologische Mechanismen

    Man müsste Adamsberg für diesen Fall auswählen, weil er sich nicht aufklären ließe ohne ein profundes Verständnis der geistigen Mechanismen, welche Dämonen mitten in der Nacht auf den Plan rufen – und diese Mechanismen versteht keiner besser als Adamsberg und sein Ermittlergespann von gestörten Gestalten. Denn genau wie Dupin und Maigret, steckt auch Adamsberg nur scheinbar in einem Kriminalroman.

     

    Poes Dupin ist eigentlich nur eine Feier der Kraft des reinen Verstandes, gut die Hälfte jeder Dupin-Geschichte ist angefüllt mit hochvergeistigten Monologen über Gott und die Welt, die das Verbrechen oder die Aufklärung des Verbrechens zwar zum Ausgangspunkt haben, dann aber ins Essayartige wegdriften. In den Maigret-Geschichten geht es auch selten ausschließlich um den Kriminalfall, es ist vielmehr eine Studie in Figurenpsychologie, eine Erkundung von menschlichen Abgründen, die sich auftun, sobald Maigret beginnt, hinter das Verbrechen zu schauen.

     

    Bei Fred Vargas wiederum ist das Verbrechen immer nur ein Ausgangspunkt für ein literarisches Motivspiel, ein langsames, allmähliches Zusammensetzen von Puzzleteilen, die nirgends einen Sinn ergeben außer im Kopf von Adamsberg. Dass der Ausgangspunkt dieses Motivspiels ein Verbrechen ist, ist dabei kaum mehr als reiner Zufall: Eigentlich ist Die Nacht des Zorns, wie auch die meisten anderen Vargas-Romane, nur ein Transport von literarischen Arbeitsweisen ins Kriminalgenre, oder, wenn man so will, umgekehrt: Der Fall jedenfalls lässt sich nur noch mit den Mitteln der literarischen Textinterpretation aufklären, aber um die Aufklärung des Falles geht es bei Vargas tatsächlich nie. Es geht um den Weg dorthin, um die verwirrende Schönheit der Motivketten, die tief in die Psyche ihrer Figuren hineinreichen. Selbstverständlich: am Ende ist der Fall geklärt. Aber die meisten wären besser dran, wenn nicht.

     

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