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Thomas von Steinaecker: Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen

02.04.2012

Zirkus gegen Zerfall

Nachdem uns Thomas von Steinaecker in seinem raffiniert erfundenen Kolonialroman Schutzgebiet  (2009) in der kafkaesken westafrikanischen Enklave Tola eine Schar deutscher Auswanderer vorgestellt hat, deren exzentrische Pläne sich mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs allesamt in Luft auflösten, ist sein neuer Roman Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen auf den ersten Blick näher an unserer Gegenwart angesiedelt.

Von DIETMAR JACOBSEN

 

Mit der Versicherungsangestellten Renate Meißner werden wir hineingezogen in jene Wirtschafts- und Finanzkrise, die mit der Lehman-Pleite im Herbst 2008 ihren Ausgang nahm und noch lange nicht ausgestanden scheint. Doch auch von Steinaeckers aktuelle Heldin bewegt sich durch eine Romanlandschaft, in der sich Surreales und hellsichtige Zeitanalyse durchdringen.

 

Renate Meißner arbeitet für eine große deutsche Versicherung. Und das tut sie mit vollem Einsatz. Wie ein Automat funktioniert diese 42-jährige Frau, die gerade von Frankfurt nach München versetzt wurde, weil ihr sexuelles Engagement für den Chef am Main wohl doch nicht ausgereicht hat, diesen von seiner Frau loszueisen. Doch was soll’s: neuer Arbeitsplatz, neue Aufstiegschancen. Wozu denn hätte man sonst in all den Seminaren gesessen – »Hunger nutzen«, »Konzentrieren leicht gemacht«, »Lebenslogik«, »Smile, when you’re winning – die hohe Kunst des Mienenspiels«  und … und … und …

 

Wozu die täglichen Selbstansprachen vor dem Weg zur Arbeit? Wozu die »Performance-Eigenevaluationen« am Ende jedes Tages. Wozu das Buckeln und Analysieren, die Markenklamotten und stimmungsaufhellenden Psychopharmaka, der Verzicht auf Privatleben und Familie und die ganze hinterfotzige Scheinheiligkeit im Umgang mit der Kollegenschaft? Nein, Renate Meißner will Karriere machen – und dazu ist sie bereit, völlig von sich selbst abzusehen.

 

Ganz große Kunst ist das, wie Thomas von Steinaecker uns in seinem vierten Roman mitnimmt ins Innere einer seelenlosen Arbeitswelt. Wie er uns mit den Augen seiner emotionslosen Protagonistin auf unsere Zeit sehen lässt. Da ist kein Platz für Romantik, Mitmenschlichkeit, Sympathienbekundungen – es sei denn, all das wäre als Mittel zum Zweck einsetzbar. Da traut man keinem Gegenüber, nicht einmal den eigenen Brüdern. Da versinkt man in Tabellen und Kalkulationen, erlebt Tag für Tag immer wieder die gleichen ermüdenden Arbeitsabläufe und soll doch frisch wirken bei zunehmender innerer Müdigkeit und Frustration.

 

Pension »Nadezda«

Dass all dies ins Desaster führen muss, weiß der Leser von Anfang an. Denn der Text von Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen ist durchsetzt mit Vorausblicken, über die nur jemand verfügen kann, der die beschriebenen Ereignisse zu seiner Selbstversicherung retrospektiv zu Papier bringt. Im fernen Samara, erfahren wir schließlich, sitzt Renate Meißner im Januar 2009 und versucht, sich über die Geschehnisse des letzten Vierteljahrs Gewissheit zu verschaffen.

 

Der Name der Pension, in dem sie die Niederschrift auf ihrem Block vorantreibt, macht wortwörtlich Hoffnung auf das Gelingen dieses Plans: »Nadezda«. Wie von Steinaeckers Heldin in die abgelegene Weltgegend gekommen ist und was sie dort an Surreal-Phantastischem erlebt, erzählt der zweite Teil des Buches. Wie jüngst der voluminöse Roman Gegen die Welt (DUMONT 2011) von Jan Brandt, endet auch er mit zehn durchnummerierten leeren Seiten.   

 

Es scheint jedenfalls der lang erwartete Glücksfall zu sein, welcher Renate Meißner gen Osten aufbrechen lässt. Dort, wo im Zuge der Transformationsprozesse in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts  die großen, märchenhaften Vermögen entstanden, jene sagenhaft reichen Oligarchen aus dem Boden sprossen, die staatlich kaum mehr zu kontrollieren, im Extremfall nur noch zu verbannen waren, hat ein Vergnügungspark-Imperium sich vorgenommen, nach Deutschland zu expandieren. Und natürlich müssen die Risiken versichert werden, die ein solches Unternehmen in sich birgt.

 

» ... der Disney des Ostens«

Mit Renates Reise zu Sofja Wasserkind, der steinalten Prinzipalin des so traditions- wie erfolgreichen russischen Unterhaltungsimperiums verlässt der Roman die Gleise eines – oftmals mit seiner Eiseskälte verschreckenden – Realismus, der noch dazu mit fleißig in den Text eingestreuten Fotos, Tabellen, Statistiken, fotokopierten Handzetteln u.ä. seinen Wirklichkeitsanspruch ironisch untermauert. Denn nicht nur glaubt sie, in der deutschstämmigen Unternehmerin die eigene Großmutter wiederzuerkennen, sondern begegnet in deren Geschichte und den künstlichen Welten, die die Wasserkind wie zum Schutz gegen den Wahnsinn der Wirklichkeit hat bauen lassen, auch einem Entwurf, den Zumutungen des Lebens standzuhalten. Kunst gegen Krise, Zirkus gegen Zerfall, Rummel gegen Ratlosigkeit.

 

Ob Thomas von Steinaeckers Heldin, nachdem sie zur Chronistin ihres eigenen Lebens und der Vergangenheit der Wasserkind-Sippe geworden ist, tatsächlich ein Neuanfang gelingen wird, lässt der Roman übrigens offen. Vesna – Frühling –, sein letztes Wort, immerhin eröffnet positive Deutungsmöglichkeiten. Dass es Steinaecker mit diesem Buch verdient hätte, den Preis der Leipziger Buchmesse 2012, für den er nominiert ist, auch zu bekommen, wollen wir nicht verhehlen. Allein diese Entscheidung trauen wir der Jury nicht so richtig zu. Sie könnte uns eines Besseren belehrt haben, wenn diese Rezension erscheint:

 

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