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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:35

    Gerbrand Bakker: Der Umweg

    12.03.2012

    Eine trügerische Idylle

    Gerbrand Bakkers neuer Roman Der Umweg – ziemlich abgefahren, aber grandios, findet HUBERT HOLZMANN.

     

    Der niederländische Autor Gerbrand Bakker erzählt in seinem dritten Roman Der Umweg wieder eine sehr verschlossene Geschichte; die doch so klar zu sein scheint, die wie ein Irrlicht hin- und herflackert und doch absolut zielgerichtet ist. Es ist die Geschichte der jungen Literaturwissenschaftlerin Agnes, die aus ihrer Welt in Amsterdam flüchtet und in ein kleines verlassenes Bauernhaus an der Küste von Wales zieht, weil sie einer ausweglosen Situation entrinnen will.

     

    Was sie aus Amsterdam vertrieben hat: ihre gescheiterte Beziehung zu ihrem Mann, ein unhaltbares Verhältnis mit einem jungen Studenten, ihre wissenschaftliche Arbeit über die amerikanische Lyrikerin Emily Dickinson, die immer noch nicht über die lose Zettelsammlung, die sich in ein paar Kisten befindet, hinausgekommen ist.

     

    Ihr Versteck: ein in der Einsamkeit gelegenes Haus in der Nähe des Meeres. Hier findet sie scheinbare Sicherheit, Abgeschiedenheit und Ruhe in der Natur und trotz allem die lebensnotwendigen Kontakte zu einigen wenigen Dorfbewohnern.

     

    Verlassen: Die Eltern, besorgt, versuchen ihr Leben weiterzuleben. Ihr Mann, der aus Eifersucht im Unibüro seiner Frau Feuer gelegt hat, beginnt sie nach einiger Zeit zu vermissen. Er erfährt von einem Krankenbefund seiner Frau, engagiert für die Suche eine Privatdetektei und reist, von seinen Schwiegereltern unterstützt, schließlich in Begleitung eines schwulen Polizisten nach Wales.

     

    Juni, November, Dezember

    Gerbrand Bakker lässt seinen Roman Der Umweg am Jahresende spielen. Nach Juni – seinem zweiten Roman, der den Besuchstag der niederländischen Königin Juliana 1969 im Dorf der Familie Kaan erinnert – sind es diesmal die Monate November, Dezember, in denen sich das Geschehen abspielt.

     

    November, der erste Teil, kann dabei als Art Prolog gesehen werden: Agnes hat ein verlassenes Cottage am Rand der Zivilisation gemietet, richtet sich dort – allerdings eher spartanisch, »sie schlief im kleineren Schlafzimmer, die Matratze lag auf dem Boden« – ein und erkundet nach und nach die Umgebung, Weiden, Bachlauf und Sumpf, Wälder. Ambivalent dabei der Blick in die Ferne bis zum Meer aus dem Dachgeschoss des Hauses und die verborgenen Geheimnisse: »Ein kissing gate in einer Hecke aus gedrungenen Eichen war vollständig von Efeu überwuchert.«

     

    Die Welt in Gerbrand Bakkers Umweg ist eine seltsam abgeschiedene, eine eigene Welt, in die es Agnes eher zufällig verschlägt. Agnes verschwindet plötzlich. Das Gelände rund um das Haus ist unzugänglich, schwer passierbar. Die Wanderwege rund um das Haus, die über das Grundstück führen, überwuchert, die Pfade lange nicht betreten. Ebenso fremd auch das Haus, das früher von der Witwe Evans bewohnt war, die karg möblierten Zimmer, der Stall, der Keller. In dieser Abgeschiedenheit herrscht Stille. – Eigentlich. Nur der Wind ist zu hören, ein Bach rauscht, Schafe blöken, ein paar Gänse schnattern.

     

    Merkwürdig gleich zu Beginn Agnes' Begegnung mit einem Dachs. Sie ruht während einer Wanderung an einem Steinkreis aus und wird dort von einem dieser äußerst scheuen Tiere in den Fuß gebissen. – Im Übrigen wird sich auch ihr verlassener Mann den Fuß verletzen, als er eine von Agnes Materialkisten aus dem Regal holt. – Der ortsansässige Arzt, der Agnes behandelt, will es ihr nicht glauben.

     

    Selbst die Gänse auf der Weide neben dem Haus wirken bedrohlich: Sind es bei der Anreise von Agnes zunächst noch zehn Tiere, werden sie im Verlauf des Romans immer mehr dezimiert. Der Verschlag ist zerstört und so holt sich der Fuchs eine Gans nach der anderen. Agnes verzweifelt an ihrem Unvermögen, die Gänse zu hüten: »Die sieben Gänse schnatterten, dicht aneinandergedrängt. Sie hielt an und stieg aus. Sechs. Sie zählte noch einmal, obwohl die Tiere nah am Zaun standen, und kam wieder nur bis sechs. Wenn das so weitergeht, dachte sie, ist Weihnachten keine einzige mehr übrig.« Bald werden es nur mehr vier sein. – Agnes ist angezählt, wie im Ringkampf…

     

    Verunsicherung, Entgrenzung, Isolation.

    Ihre Klause ist ihr Ort des Rückzugs, das Schlafzimmer ausgestattet mit dem »alten Eichentisch voller Holzwurmlöcher … Neben die Lampe kam ein Aschenbecher, neben den Aschenbecher die ›Collected Poems‹ von Emily Dickinson.« Diese liegen wie eine Bibel aufgeschlagen. Die Badewanne ist immer wieder der Ort, an dem sich Agnes verliert – in Erinnerungen. An ihren Onkel, der im Wasser Selbstmord verüben wollte: »Stillstand. Ganz ohne Körperlichkeit. Kein Sex. Keine Erotik, kein Verlangen.« Das Wasser aber auch eine Möglichkeit für Agnes ihren Körper von ihr abgetrennt zu betrachten: »Sie konnte ihre Zehen und Knie erkennen, winzige Luftbläschen an jedem einzelnen Schamhaar, eine merkwürdige Lichtbrechung über ihrem Bauch und ihren Unterarmen; als würde ihr Unterleib nicht zum oberen Teil ihres Körpers passen, als gehöre er jemand anderem.«

     

    Ihr Asyl ist unsicher, unheimlich. Die Andeutung der Grenze »bis Weihnachten« trägt ein Übriges dazu bei. Gerbrand Bakkers Sprache enthält einen merkwürdigen Unterton, drohend, fatalistisch, fast wie in einer Weissagung. In Beziehung damit die unausgesprochene Krankheit der Frau, ihre Schwächeanfälle, Schmerzanfälle, die Einnahme von Paracetamol.

     

    Dazu kommt ihr Heimweh nach Amsterdam, die Erinnerung an den verstorbenen Onkel, an ihre Eltern. Das Haus bedeutet Einsamkeit, Zeitlosigkeit. Ihre Uhr hat sie verlegt, die Standuhr in der Küche funktioniert nicht: »Eine schöne Art, das Verstreichen der Zeit zu messen: am Weiterziehen der Sonne, die plötzlich an einer ganz anderen Stelle steht, ziemlich tief schon wieder, an den wandernden Schatten, am Ortswechsel einer Gruppe von Kühen…«

     

    Fremd bin ich eingezogen ...

    Der Schafzüchter Rhys Jones durchbricht diese Stille. Er dringt in die Wohnung der Frau ein, versucht eine plumpe Anmache, die nicht fruchtet. »Rhys Jones' Wagen brauste weg, bestimmt ein großer mit einer Ladepritsche, auf die ein paar Schafe passten. Oder Heuballen, ein Doppelbett. Sie kam nicht in Versuchung durchs Fenster zu schauen. Zwei Stunden später begann die den Tag noch einmal, diesmal besser.« Gerbrand Bakkers Sprache ist lakonisch, nie direkt, doch immer aufdeckend. Ein Meister des Understatement, das sein Übersetzer Andreas Ecke gekonnt ins Deutsche überträgt. Bakker beweist große metaphorische Kraft, nicht nur in seiner – fast an Wanderers Nachtlied mutenden – Naturmalerei: »Nebel. Die Welt stand still, man hörte kaum einen Laut«.

     

    Im zweiten Teil wird die Einsamkeit von Agnes durch den Jungen Bradwen gestört. Er bricht eines Tages in ihr Leben wie ein deus ex machina oder ein junger Faun herein. Nicht ganz ohne Komik geht es ab, als Bradwen so »über das Mäuerchen sprang, in einem Wirbel aus feuchter Luft …« . Auch er verstaucht sich den Fuß. Bradwens eigentliche Aufgabe besteht natürlich nicht in dieser Art von Sportlichkeit: Er will vielmehr die Fernwanderwege der Gegend neu abwandern und für ein Handbuch beschreiben. Dennoch macht er erst einmal bei ihr Rast, er lässt sich versorgen, die Wäsche waschen und taucht dann bei ihr unter.

     

    Die Zeit bis Weihnachten wird er bei ihr verbringen. Er verlässt sie nur kurz zum Einkaufen, verbringt die Tage mit ihr, weicht nicht von ihrer Seite. Er verschiebt Möbel – übrigens auch das Anfangsmotiv aus Bakkers Oben ist es still, wo der Erzähler den bettlägerigen Vater samt Bett in das Obergeschoss des Hauses verlegt und ihn damit beiseite räumt –, richtet sich bei Agnes ein, schneidet mit ihr Hecken, pflanzt neue Rosen. Und nicht nur das! Sie trinken zusammen Wein, schlafen in einem Bett, nähern sich einander … Und alles dann doch nur Vorspiel, Vorarbeit für »A COUNTRY BURIAL«, wie es in einer aufgeschlagenen Seite von Dickinsons Gedichtband heißt?

     

    Die eingestreuten Zitate aus dem Werk von Emily Dickinson spiegeln das Geschehen, verstärken die Andeutungen, sind Erklärungen, Vorausdeutungen. Der junge Bradwen wird das Bild von Emily Dickinson, eine Reproduktion einer Daguerreotypie aus dem 19. Jahrhundert, das die Dichterin Emily Dickinson in ihren weißen Kleidern zeigt, das ihn verschreckt, immer wieder zur Wand umdrehen, sodass er es nicht sehen kann. Trotzdem bleibt die Dichterin im ganzen Buch anwesend: Einige Zeilen werden in der Originalsprache als Motto der Erzählung vorangestellt. Diese Verse werden am Ende von Agnes übersetzt, in verschiedenen Arbeitsversionen, die Zeilen werden den Roman auch beschließen. Zitate aus Dickinsons Lyrik kommentieren die Natur: »So light and bright and airy in here!« Und Agnes wird sich am Ende selbst als weiße Frau kleiden – wie ihr Vorbild Emily. Ist Agnes auch die »heartless bitch«? Auf jeden Fall ist sie die kranke Katze, die sich zum Sterben »verkrochen und aus dem Staub gemacht« hat.

     

    Die Todesahnung, der Fatalismus, die Begrenzung der Szenerie, die um das eine Thema kreisenden Dialoge erinnern an Maurice Maeterlincks Monodramen aus dem Fin de Siècle um 1900. Agnes Traum, in dem sich das ganze Personal der Region im Friseursalon des Nachbarorts versammelt, dagegen ein höchst skurriler Einblick in ihr allzu verstörtes Innenleben. Am Schluss verlässt sie der Junge Bradwen. Zusammenfassend ist sein Erlebnis: Ein Umweg. »Er überquert den Bach. Er weiß noch nicht, ob er auf dem Weg bleiben oder parallel zum Weg gehen wird, hinter einer dichten Wallhecke. Aber er weiß, daß er einen Tagesmarsch zurück muß. Er hat einfach den falschen Weg genommen.« Die Erkenntnis am Schluss: »Keiner Frühe gelber Lärm/ Störe diesen Grund.« Gerbrand Brakker Ein Umweg – ein Buch für eine Nacht.

     

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