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Walter Kappacher: Land der roten Steine

02.04.2012

Eine namenlose Sehnsucht

Land der roten Steine – der neue Roman vom Georg-Büchner-Preisträger Walter Kappacher.

Von PETER MOHR

 

Fernweh, Melancholie, die Sehnsucht nach einem Neuanfang, Naturverbundenheit und Einsamkeitsbewältigung kennzeichnen den neuen Roman des 73-jährigen Schriftstellers Walter Kappacher, der viele Jahre als Geheimtipp der österreichischen Gegenwartsliteratur gehandelt wurde und sich seit der Georg-Büchner-Preisverleihung im Jahr 2009 rapide gestiegener Aufmerksamkeit erfreuen darf.

 

Seine »leise musikalische Prosa voll melancholischer Unerbittlichkeit« hatte die Darmstädter Jury vor drei Jahren gerühmt – absolut berechtigt, wie sich nach der Lektüre des neuen schmalen Romans zeigt. »Jedes Mal, wenn er sich an die Reise erinnerte, gab es in seinem Kopf kein Nacheinander. Es war ja alles ein ungeheures Eins«, heißt es über die Hauptfigur Michael Wessely, einen Landarzt aus Gastein und dessen zu einer Art Selbstfindungstrip stilisierten Reise in den Canyonlands-Nationalpark.

 

(c) Carl Hanser Verlag (c) Carl Hanser Verlag

Wessely hatte sich in seiner Jugend gegen seinen Vater, einen angesehenen Hotelier, durchgesetzt, zunächst auf eine literarische Karriere spekuliert und dann ein Medizinstudium begonnen. Richtig glücklich wurde er mit seiner Landarzt-Existenz nicht, die Abnabelung vom Elternhaus erfolgte auch nur halbherzig, denn seine Praxis führte er im Erdgeschoss des väterlichen Hotels.

 

Einsam ist es um Wessely herum geworden, der demente Vater ist hochbetagt gestorben, ebenso sein Freund Hans und seine Ex-Frau Elisabeth, die Mutter der gemeinsamen Tochter Anne. Da passt es vortrefflich ins Bild des eigenbrötlerischen Einzelgängers, dass die einzige ihm verbliebene Verwandte, seine Schwester Anna, wie eine seltsam entrückte Heilige, wie eine Mensch gewordene Ikone in einem Kloster lebt.

 

So wird der indianische Fremdenführer Everett, der den Protagonisten in einem Geländewagen durch das Felsenlabyrinth des Nationalparks in Utah pilotiert, für die Dauer der Reise zu Wesselys einziger Bezugsperson.

 

Ansonsten ist er mit sich und seinen Gedanken allein in der weitgehend unberührten Natur und genießt Stille und Weite der Felsgebilde, Schluchten und Labyrinthe. Als »unerschöpfliches Landschaftsparadies« preist Wessely die Region, in der die US-Bundesstaaten Colorado, Utah, Arizona und New Mexico eng aneinander grenzen und sich gigantische Naturgebilde wie »Candlestic Tower« oder »Chimney Rock« in der Landschaft geradezu majestätisch türmen.

 

Walter Kappacher hat selbst mehrmals das im Titel beschworene Land der roten Steine besucht. Wenn er seinen Protagonisten Wessely resümieren lässt, klingt dies durchaus selbstcharakterisierend, was des Autors eigene Reiseerlebnisse angeht: »Er hatte das monatelang nicht aus dem Kopf bekommen, und eine namenlose Sehnsucht hatte seither in ihm gezehrt.«

 

Kappacher setzt in seinen Beschreibungen ganz stark auf archaische Motive. Seine Sprache ist unaufdringlich, aber trotzdem ungemein intensiv, mit geradezu suggestiver Wirkung. Die Hauptfigur Wessely ist weder Welterklärer noch Selbstzerfleischer, eher ein verunsicherter Suchender: »Was war geschehen damals, als er in den winzigen Canyon hinunterschaute auf den schmalen Pfad zwischen verkrüppelten Sträuchern mit eingerollten, offen liegenden Wurzeln?«

 

Was ging Wessely durch den Kopf, warum wollte er partout noch einmal ins Land der roten Steine reisen? Wie sagte schon der große Dramatiker Henrik Ibsen so zutreffend: »Zu fragen bin ich da, nicht zu antworten!« So ist bei Kappacher zwar viel Melancholie im Spiel, aber am Ende dominiert keineswegs die Resignation, sondern er gewinnt die Einsicht, dass es noch jede Menge Lebenschancen gibt. In diesem Sinne drückt man dem Mediziner Wessely, dieser auf seltsame Weise an Hermann Hesse-Protagonisten erinnernden Figur, ganz aufrichtig die Daumen für einen erfolgreichen Neuanfang.

 

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