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    TITEL kulturmagazin
    Dienstag, 30. Mai 2017 | 05:32

    Alois Brandstetter: Zur Entlastung der Briefträger

    05.03.2012

    Stammtisch forever!

    Alois Brandstetters neuer Roman Zur Entlastung der Briefträger kann einerseits als ein Nachruf auf  die gute alte Post, andererseits aber auch als Plädoyer für die traditionelle Stammtischrunde gelesen werden. Auf jeden Fall ist es eine späte Erwiderung auf seinen fast 40 Jahre älteren »Beschwerdemonolog« Zu Lasten der Briefträger.

    HUBERT HOLZMANN konnte sich bei der Lektüre ein Schmunzeln nicht verkneifen.

     

    Alte Bekannte sind die Helden und Wortführer in Alois Brandstetters neuestem Roman Zur Entlastung der Briefträger. Die drei ehemaligen Postbeamten aus dem oberösterreichischen Innviertel sind diesmal aber nicht Ziel eines monologisierenden Beschwerdeführers, wie noch im ersten Roman Brandstetters. Diesmal kommen sie selbst zu Wort und zwar in ihrer Stammtischrunde beim »Kirchenwirt in Munderfing«. Die aktiven Zeiten als »Brieftrager« hinter sich sitzen sie nun wöchentlich beisammen und beklagen – in einer Art »summa alcoholica« - einen schicksalsträchtigen Paradigmenwechsel in Österreich: den Verzicht auf die »alte Post« zugunsten der Telekom.

     

    Die Männerrunde bei Bier und Brotzeit hat natürlich etwas von einem Gipfeltreffen dreier Dinosaurier: Ferdinand Überlinger fühlt sich der Bierseligkeit verpflichtet, Franz Blumauer interessiert sich als Ästhet am schönen Geschlecht und sinniert über ein eigenes erotisches Romanprojekt, Karl Deuth ist Chronist, Gelehrter und Hobbyphilologe – ähnlich wie Brandstetter selbst, der dieser Tätigkeit bis zu seiner Emeritierung jedoch professoral an der Klagenfurter Universität nachging. Dieses »liederliche Kleeblatt« - wie die drei Postkollegen genannt werden – wird also über 33 Wochen mit ihren kuriosen, zynischen, abstrusen und vor allem assoziativ geführten Unterhaltungen belauscht. Es entstehen 33 Wirtshaus-Szenen, Versammlungen, konspirative Treffen, genüssliche Gesprächsrunden, gedankliche Ausflüge in Vergangenheit und Zukunft.

     

    Dabei blickt Brandstetter wie schon in den Lasten der Briefträger auf seine österreichische Heimat, malt eine dörfliche Idylle, die – wie kann es anders sein – schon ein wenig abgewirtschaftet ist. Trotz aller traditioneller österreichischer Couleur fehlt es nicht am Modernen: Brandstetter streut Nachrichtenschnipsel, Zeitungsmeldungen, aktuelle Skandale und Entwicklungen in die Stammtischrunde ein, die drei Postler haben schon gehört von Globalisierung, kommentieren das französische Burkaverbot, stellen sich gegen Missbrauchsskandale, verfolgen Gerichtsprozesse, aber auch das Komasaufen und das allgegenwärtige Phänomen des Burnouts – und verspeisen trotz alledem »nach allen Regeln der bayrischen Tischkultur zur Brotzeit ... eine gesottene Kessel- oder Weißwurst«.

     

    Ein Nachsendeantrag ins alte Österreich

    Alles ist miteinander verflochten, alt und neu. Und so nah das »goldene Zeitalter« in manchen Momenten immer noch scheint, so weit entfernt ist sie doch: die Vergangenheit der »alten Post« mit Beamtentum, Nachsendeanträgen, Einschreiben, Geldsendungen, und vielem mehr. Die drei Pensionisten stehen den Neurungen skeptisch gegenüber, manchmal geht es nur mit Satire und Sarkasmus. Eine Meisterleistung Brandstetters die assoziativen Motivketten, die Themensprünge. So geht es zum Beispiel vom Tarockspiel übers Kiebitzen zur Vogelkunde und Roten Liste der gefährdeten Arten. Dies auf höchstem artistischen Niveau.

     

    Es gibt Wortspiele, Verdrehungen, Parodien, Kontrafakturen und Wechselspiele zwischen weltlichen und geistlichen Themen. Gewürzt mit einer Spur des Erotischen bzw. derb Sexistischen. Garniert mit lateinischen Zitaten, mit etymologischen Bemerkungen des Philologen Deuth-Brandstetter. Die Kunst der Metamorphose ist nicht immer an Ovid angelehnt. »Telekom ist eine Abkürzung für englisch Telecommunication, sagte die Intelligenzbestie... Bravo, sagte Blumauer, sind wir jetzt vielleicht von England ferngesteuert? ... 'Ferngesteuert' ist richtig, sagte Deuth, denn tele heißt so viel wie 'fern'... Genau genommen aber … sind wir … fremdgesteuert … von Athen und Rom... Alle diese Wörter sind römisch-katholisch, lateinisch-griechisch... Wir bleiben im Abendland! Heimat bist du großer Töne!«

     

    Ein Insider in Ohlsdorfer Angelegenheiten

    Und fast selbstverständlich für Alois Brandstetter erscheint Thomas Bernhard in den Stammtischszenen mit seinem Ohlsdorfer Hof, dem Kalkwerk oder Watten. Gerade der Bezug zu Watten ist natürlich überdeutlich: die Österreichschelte, die monologische Briefform wie in den Lasten der Briefträger, die Dreierrunde, das Kartenspiel, vielleicht auch das »Müllner Bräu«. Auch sprachlich klingt Bernhard im Roman von Alois Brandstetter überdeutlich an: die Wortwiederholungen und Wiederaufnahmen, das zirkuläre Denken in den Stammtischrunden, das »Sagen«.

     

    Wie bei Bernhard tritt der Sprachfluss manchmal auf der Stelle, verrennt sich – gelegentlich bis hin zum Nervtötenden ausgereizt – in detailverliebten Variationen und gelehrten Sprachwitz: »Der Kiebitz ist übrigens, sagte Deuth, auch schon eine alte, ja antike Gestalt, den hat es schon bei den römischen Soldaten und Söldner gegeben... Hoch im Kurs, was sein Ansehen betrifft, scheint er nicht gestanden zu sein, weil sich sein Name ’Vanellus’ von ’vanus’ ableitet ... Und im Deutschen reimt sich kiebitzen auf stibitzen und das sagt alles. Eigentlich ist der Vanellus vanellus ein Vogel... Er stößt einen leisen Pfiff aus, wenn er für ’seinen’ Spieler eine Gefahr heraufkommen sieht... Sucht er auch nicht seinen eigenen Vorteil... Insidergeschäfte! ...«

     

    »der du von der Göttern, den Goten oder dem Kote stammst« ...

    Zitate, Anmerkungen, Verstrebungen in die Jetzt-Zeit gibt es an vielen Stellen im Buch. Es wird eine Parallel zu einem Tati-Film gezogen, Alfred Hrdlickas Ableben gedacht, Goethe, Musil, Camus als Autoritäten ins Feld geführt. Andere nur mit den Titeln ihrer Arbeiten zitiert wie Uwe Timms Dissertation Der Held und sein Wetter. Und für die Leser von Brandstetters Monolog und Beschwerde an den »Postmeister von Prach« – Zu Lasten der Briefträger – ist der neue Roman ein weites Feld an Anspielungen, Bezügen und Querverbindungen aus dem Erstling: als Buch im Buch, als Zuspitzung zur Komödie. Erinnert wird an die Krankenzeiten Deuths, der diese Musestunden für seine philologischen Studien nutzt, während die zwei anderen schuften. Wiederaufgenommen wird ebenso – diesmal jedoch in der Rückschau der Pensionisten – die »Einschau« der drei Postzusteller in die Briefe in ihrem Zustellbereich. Das Briefgeheimnis war während ihrer Dienstzeit ein wenig gelockert.

     

    Diese hochverdichtete Gedankenfülle ist ritualartig angelegt: Das Treffen im Wochenrhythmus, ein eröffnender Satz, der wie im Schachspiel eine lange, zumeist kurzweilige Partie nach sich zieht, und besonders der Schluss, wenn die Zeche beglichen wird, die Kellnerin Theresia kassiert. Diese 33 Variationen über das Thema »Zahlen und Gehen« ähnelt ein wenig den Stilübungen Raymond Queneaus. Die finale Version dieses Mottos greift, wie kann es anders sein, noch einmal Gott und die Welt auf, reduziert dann all die Gespräche der Stammtische auf das Thema Liebe und Tod um dieses »Theatrum mundi« als »heiße Luft« zu entlarven. Der Schlusskalauer relativiert das gesammelte Universalwissen der Drei im »Ite missae est«. Und damit sind wir auch endlich mit unserer Kritik am Ende unseres Lateins angekommen: »Jetzt müssen wir nur noch unsere Zeche bezahlen. Zahlen macht Frieden. Das steht am Ende aller Stammtische.« – Ein Buch für Liebhaber des Skurrilen.

     

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